Auf der Flucht

Als Lia nachschaute, waren alle weg. Spurlos.
Wie sollte sie ohne sie alle bloß arbeiten können? Etwa alles selber machen? Von Hand ihre Gewebe spinnen?

Nach anfänglichem Übermut machte sich langsam aber sicher Panik breit.
„Wo sind wir überhaupt?“, murrte die Erste.
„Wir werden uns verirren!“, behauptete Nummer zwei.
„Was soll bloß aus uns werden?“, fragte die Dritte.
„Und das also nennt sich Freiheit?“, wollte der Vierte wissen.
„Ich friere!“, jammerte die Fünfte.
„Was wollt ihr denn? Wieder zurück?“, insistierte Nummer sechs, verantwortlich für die Flucht. „Zurück? Wieder jeden Tag verkannt ausharren? Wie bisher dieses Begrabschen erdulden? Erinnert euch, wer ihr seid!“

Die anderen murrten kleinlaut vor sich hin. Freiheit hatten sie sich anders vorgestellt. Freier, übermütiger, autonomer. Sie hatten zwar einander, doch das Netz war rissig …

Lia hatte keine Wahl. Sie musste weiterweben. Spann von Hand vor sich hin. Fühlte sich allein. Verlassen. Gut, sie musste zugeben, sie hatte die Anwesenheit ihrer Mitarbeitenden zu selbstverständlich genommen. Hatte gemeint, dass sie alle im gleichen Boot säßen. Hatte oft genug – geradezu gedankenlos – auf ihnen herumgehackt.

Dankbar dachte sie an die vielen schönen gemeinsamen Stunden zurück, doch schien ihre Wahrnehmung derselben einseitig gewesen zu sein, wie sie nun erkennen musste. Waren sie aus Abenteuerlust verschwunden? Wollten sie etwas demonstrieren? Streikten sie gar? Lia setzte sich auf. Fragte sich, wie und ob sie diese verrückte Bande zurückholen konnte. Sie vermisste jeden einzelnen!

Sie würde ihnen einen Brief schreiben! Und zwar von Hand.

„Ich habe Post für euch!“, murmelte Pit, der Brieftauber, mit vollem Mund und ließ den Brief aus seinem Schnabel zu Boden segeln. Es regnete, so dass dieser in einer Pfütze landete. Alle hechteten sofort hin und begannen zu tuscheln.
„Von ihr! Mach endlich auf …!“ So viele waren sie, dass niemand wirklich wusste, wem diese Aufforderung nun galt. Jeder gab sie weiter. Nummer sechs fühlte sich für die derzeit herrschende Missstimmung und das ganze Schlamassel verantwortlich. Stundenlang hatten alle auf ihr herumgehackt. Deshalb trat sie nun vor und öffnete sorgfältig den schönen Umschlag.

War sie von der Traufe – wie der Brief hier – nicht buchstäblich im Regen gelandet?

„Ihr Lieben! Gleich zuerst will – ja muss! – ich euch nachdrücklich sagen, dass ich euch nicht brauche. Ehrlich! Ich kann ohne euch leben. Doch wisst ihr was? Ich vermisse euch sehr. Jede einzelne, jeden einzelnen!
Ich begreife erst jetzt, wie reich und kostbar ihr mein Leben gemacht habt. Offensichtlich beruhte dies bis anhin nicht auf Gegenseitigkeit, wie ich nun traurig festgestellt habe. Da verbrachte ich doch meine bisherigen Tage im irrigen Glauben, mit euch eine gemeinsame Form des Ausdruckes, der Kunst gar, gefunden zu haben. Wie frau sich täuschen kann. Doch ich verstehe schon, dass ihr es möglicherweise anders empfunden habt. Mir bleibt nichts übrig als euch ziehen zu lassen, so ihr das vorhabt. Dazu wünsche ich euch eine gute Reise.
Falls ihr jedoch zurückkehren wollt, werde ich euch mit offenen Armen empfangen und euch zukünftig mit mehr Respekt und Achtsamkeit wertschätzen. Versprochen!
Herzlich grüßt Euch Lia“

Nummer sechzehn schnüffelte vor Rührung. Nummer sechs schaute sich um, sah lauter betretene Gesichter.

Natürlich wurde es demokratisch beschlossen.
Ebenso wie der Streik.
Oder die Flucht.
Oder die Reise.
Oder das Abenteuer.
Wie auch immer: Sie machten alles demokratisch. Na ja, so gut es eben ging. Denn Nummer sechs, auch F genannt, hatte manchmal schon so ihre Allüren. Und R war oft unzimperlich. B hingegen war verträumt und N reichlich wehleidig.

Als Lia am nächsten Morgen nachschaute, waren sie wieder da. Sie streichelte jeden einzelnen sanft.
„Wir sind doch ein Team!“, flüsterte sie dankbar.
„Auf zu neuen Taten!“, sagte Ausrufezeichen munter. L nickte bestätigend und F tat, als hätte sie ihren Platz auf der Tastatur nie verlassen.

(aus Sosos Archiv, 2007)

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Heute Morgen habe ich auf Lias Blog eine feine Geschichte gelesen, die sich um die Magie des Schreibens dreht. Beim Lesen habe ich mich an eine eigene Kurzgeschichte zum Thema erinnert. Witzigerweise heißt die Protagonistin meiner sechs Jahre alten Geschichte Lia, woran ich mich heute Morgen beim Lesen aber nicht mehr erinnern konnte. Ich habe meine Geschichte entstaubt und hoffe, sie macht euch Spaß. 🙂

Danke dir, liebe Lia, fürs Erinnern … 🙂

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