Barfuß auf Nacktschnecken

Ich gestehe, der Titel ist nicht eben appetitlich, zumal ich keine Freundin dieser braunen, schleimigen Tierchen bin. Spinnen mag ich da viel lieber. Dennoch habe ich mir diesen französischen Spielfilm, – übrigens eine Literaturverfilmung  – aufgenommen, als er vorgestern spät gesendet wurde, und ihn mir gestern Abend angesehen.

Zwei Schwestern, die in der ersten Szene ihre Mutter durch einen Hirnschlag, den diese beim Autofahren erleidet, verlieren. Die eine lebte bis dahin zusammen mit der Mutter im großen Familienhaus auf dem Land, die andere ist Anwaltsgattin und -sekretärin in Paris und bewohnt eine sterile hippe Stadtwohnung.

Lily, die jüngere der beiden, lebt ab sofort allein im großen Haus. Nach außen hin bricht das Chaos aus, denn Lily ist anders. Der Begriff verhaltensoriginell würde hier ziemlich gut passen, denn behindert ist sie keineswegs. Sie lebt so gegenwärtig, dass sich Lachen und Weinen im Sekundentakt abwechseln können. Sie geht mit dem Tod um wie mit einem vertrauten Freund. Sie sammelt tote Tiere wie andere Bierdeckel und nimmt ihnen die Felle ab, um sie in ihrem Gartenhäuschen zu Pantoffeln, Schlüsselanhängern und Kleidern zu verarbeiten. Und sie vermisst ihre Mutter, die sie sehr geliebt hat, mit einer Inbrunst, die einzig Clara, die große Schwester. ansatzweise nachvollziehen kann. Doch auch diese balanciert auf dem fragilen Grat zwischen der Angst, was denn die Leute denken könnten und der Lust, es ihrer Schwester gleichzutun.

Weil bei Lily das vermeintliche Chaos ausbricht, beschließt Clara, ihren Job – zumindest für eine Weile – aufzugeben und zieht zu ihrer Schwester aufs Land. Die beiden vertragen sich oft sehr gut, doch kann Clara schwer mit Lilys Ehrlichkeit umgehen, will sich nicht sagen lassen, dass ihre Ehe eine Farce sei und sie unglücklich darin gefangen. Dennoch schlägt sich Clara immer öfter auf die Seite von Lily, wenn andere Leute, zum Beispiel ihre Schwiegermutter, an ihrer Schwester Kritik üben. Lily erkennt mit ihrem sicheren Gespür für Echtheit Verbündete und Banausen und verhält sich ihnen gegenüber entsprechend liebevoll oder abweisend, was für Clara immer wieder sehr herausfordernd ist – sie steht zwischen den Stühlen.

Eines Tages hat Lily genug von Claras Kritik, besonders am unkonventionellen Schmuck auf dem Grab der Mutter, und haut ab. Drei junge Freaks, die im Laster durch die Lande fahren und alte Kleider für Flohmärkte sammeln, nehmen Lily mit und bringen sie wieder nach Hause. Nach einem Grillabend mit den drei Männern im Garten landet die brave Clara mit einem der dreien im Bett. Am nächsten Tag wird ihr endlich klar, dass sie nicht mehr in ihr altes Leben in Paris zurück will. Dass sie anders leben will.

Doch halt, mehr verrate ich nicht …

Zugegeben, die Handlung romantisiert das Landleben doch ein bisschen zu sehr und mag stellenweise klischeehaft und aufgesetzt wirken, doch die beiden Hauptfiguren bringen etwas rüber, was ich als Botschaft dieses Filmes betrachte: Wie viel Konvention brauche ich? Und wie viel Wildheit? Und vor allem: was ist normal und was verrückt?

Später. Ich liege im Bett. Es ist still und ich lausche nach innen. Ich frage mich, wann ich das letzte Mal wild war. Wann ich das letzte Mal getan habe, was mich meine Sinne, meine Intuition, mein Herz zu tun hießen. Wann ich zum letzten Mal im Wald gesungen und getanzt, das letzte Mal wie früher ein Bad im Herbstlaub genommen habe, wann ich zum letzten Mal …

Am Nachmittag hatte ich eine Kundin aufgesucht und sie in IT-Belangen gecoacht. Kundin U. wohnt sehr abgelegen, auf einem Hügel in einem alten Bauernhaus. So ähnlich habe ich früher oft gewohnt. Mit Holz geheizt. Auch eine Form von Wildheit, die ich heute nur noch lebe, wenn ich bei Irgendlink auf dem einsamen Gehöft bin. Nein, ich will nicht das eine gut, das andere schlecht nennen, denn ich mag meine Badewanne und ich mag warmes Wasser aus dem Wasserhahn. Ob mit oder ohne – davon werde ich weder wilder noch weniger wild.

Ich will einfach wieder mehr das zu tun, was das Herz mir zu tun rät, denn abhängig von der Frage zu sein, was andere denken, wenn wir dies und das tun, ist Gift. Nicht, dass ich dieser Frage ständig und überall nachhänge, doch sicher denke ich sie häufiger als früher.

Geht es hier um Ängste, frage ich mich? Allen voran jener, nicht verstanden zu werden, belächelt, nicht ernst genommen, wenn ist es denn wagen sollte, wieder wilder zu sein, wilder zu handeln?

Lily macht mir Mut, mich wieder mehr zu trauen. Obwohl ich mir deswegen nicht, wie sie, Schnecken über die Arme laufen lassen werde.

Das Überdenken meiner Werte – meine Währungsreform – dauert an.

Advertisements

8 Kommentare zu „Barfuß auf Nacktschnecken“

  1. Ja, das ist wirklich so eine elementare Frage, wann erlaube ich mir meine Wildheit und wann erfülle ich meine Pflichten? Die Balance darin erscheint mir wichtig … und manchmal kann man sogar ganz wild pflichtbewusst sein ;o)

    für mich ist darin aber auch die Frage verwoben: was und wieviel brauche ich wirklich? je mehr ich meine zu brauchen, um so mehr muss ich verdienen und je luxuriöser man wohnt (womit ich jetzt nicht dein bescheidenes Zuhause meine), umso teurer wird es und damit steigt eben auch der Druck für den Broterwerb- etwas worüber ich gerade in den letzten Wochen oft nachgedacht habe … und weißt du was, ich werde noch bescheidener, erstmal …

    ein anregender Artikel, danke dafür

    herzliche Abendgrüße
    Ulli

    Gefällt mir

    1. wenn man authentisch und wild sein kann, ohne dabei seine pflichten aus den augen zu verlieren, ist das natürlich ideal. noch idealer ist, wenn unsere pflichten, unsere aufgaben, unsere berufung mit der inneren wildheit „zusammenpassen“.

      ich finde übrigens mein zuhause mal sehr luxuriös, mal sehr bescheiden. hängt immer davon ab, mit wem ich vergleiche. am besten ist es wohl, nicht zu vergleichen … aber das wissen wir ja eigentlich.

      broterwerb – auch so mein wiederkehrendes thema …

      danke für deine gedanken!

      Gefällt mir

    1. anpassung hat den preis, nämlich, dass wir dabei unsere wildheit verlernen …
      ein komplexes thema, das ich hier ja nur ein klein wenig gestreift habe. danke für deine zeilen.

      Gefällt mir

  2. …………………. ♥..
    Hallo 🙂
    Grüße von mir zu Dir und ich wünsche dir
    einen super schönen Samstag !
    …………………. ♥..

    Nutze die kostbare Zeit, denn sie vergeht geschwind
    und ein Blatt wird nur so lange in der Luft getragen
    wie er weht, der Wind.

    …………………. ♥..

    lg,Laura

    Gefällt mir

  3. es ist ja auch viel anstrengender, immer wieder auf sich selbst zu hören, anstatt einfach zu tun, was alle tun, was von einem erwartet wird. seltsamerweise ist das nämlich immer klarer als die eigene notwendigkeit, die innere stimme, oder wie auch immer man das nennen will. mir jedenfalls fällt es immer noch (und vielleicht sogar immer mehr) schwer, mir zu trauen. möglicherweise fehlt mir dazu der mut.

    Gefällt mir

    1. dass das mit mut zu tun hat, glaube ich auf jeden fall. jedenfalls bei mir. ich übe so oft, mich zu fragen: was willst du jetzt wirklich? ist das wirklich deine absicht oder nur der weg des geringsten widerstandes?
      warum nur kann ich manchmal zu andern viel besser schauen als zu mir selbst? eigentlich schon seltsam …

      Gefällt mir

Kommentare sind geschlossen.