Links von rechts und links

Emil hat mir einen genialen Link gesteckt. Zu einem Gespräch zwischen Christa Wolf und Elke Erb aus dem Jahre 1977. Ausgangslage dazu war die Bitte des Verlagers um ein Vorwort, das Frau Wolf für Frau Erbs neuen Gedichtband verfassen soll. Wolfs Anliegen, sich Erbs Texten annähern zu können, ist der rote Faden des Gesprächs, das für mich sehr wichtige Themen berührt.

Wolf: Den Ursachen für die Spannungen in deinen Texten – deinen eigenen Konflikten und Stimmungen – wird nicht erlaubt hervorzutreten. Sachlichkeit soll walten. Ich wüßte gern: Wie gehst du mit dir um in Krisenzeiten.

Erb: Da ist, vor Jahren, die Entscheidung gefallen. Ich hab mir gesagt: Ich kann mich in den Berufen, die es gibt, nicht bewegen. So kann ich diese Formen, die die Menschheit hat, nicht richtig mitvollziehen. Ich bin außerhalb der Form. Und das ist eine Chance und ein Risiko. So ungefähr. Und in dieser Situation ergibt sich ja das Äußerste, was man als konstruktiver Mensch machen kann.

Mein gestriger Blogartikel galt ja dem Themenbogen der Eigenverantwortung für unser eigenes Wohlergehen. Natürlich soll das nicht auf Kosten anderer geschehen, doch ist die Fürsorge für uns selbst auch ein Weg, die Welt zu verbessern. So ähnlich hat es Luisa Francia damals, in einem Kurs vor sechs- oder siebzehn Jahren gesagt: es nützt niemandem, wenn du dich vom Elend der Welt fertigmachen lässt. Das raubt dir nur Kraft, die Welt lebenswerter zu machen.

Heute las ich in ihrem Webtagebuch, das ich hier schon so oft zitiert habe, folgendes. Offenbar bewegt sie sich aktuell in ähnlichen Gedankenströmen.

luisa in bayern – 05.11.2013
ja, so seh ich das: wir nehmen nur einen bruchteil der komplexen wirklichkeit wahr, die sich unentwegt verändert und neu gestaltet. die gestaltet und verändert wird. die sich aus energie aufbaut und wieder auflöst. da wir selbst auf die materie unseres körpers angewiesen sind – und was soll die frage: nehmen wir uns zu ernst? wir müssen uns ernst nehmen. wir sind alles was wir haben – fällt uns dieser tanz der teilchen, die ständige auflösung und neuentstehung schwer. wir möchten, dass das was wir kennen bleibt. nichts bleibt.

luisa in bayern – 06.11.2013
gestern mit sabine beim mittagessen kamen wir auf glücksgefühle. die assoziation „schlechtes gewissen“ kam derart schnell bei mir auf dass ich den rest des tages darüber nachdachte. wenn ich vollkommen glückselig bin, steht manchmal in einer ecke meines bewusstseins diese dunkle wolke: die armen anderen. was natürlich völlig bescheuert ist. denn wenn ich in meiner angeschlagenen körperlichen verfassung, mit pflege meiner mutter, mit dem älter werden und relativ wenig geld glückselig sein kann, kanns eigentlich jede/r. das glück zu wollen scheint in der allgemein herrschenden vorstellung dass das leben hart, schwer und schmerzhaft ist, wie eine egoistische, ja oberflächliche flucht aus der wirklichkeit, hat aber in wahrheit auch mit disziplin zu tun: nicht in die suchtstruktur des leidens und beklagens zu fallen. wenn du opfer bist scheinst du immer moralisch im recht zu sein. so ist es aber gar nicht.

zum beispiel bin ich zwar am glücklichsten, wenn ich allein umherstreife, wenn ich verbindung zu den wesen der natur aufnehme, die sonne, den mond, die wolken, den himmel, die sterne, die steine, wind und erde wahrnehme, wenn ich die düfte der bäume, der blumen, des waldes, der erde rieche, wenn ich ins wilde wasser eintauchen kann. wenn ich im yoga plötzlich meinen körper, meinen atem völlig neu spüre. doch war ich auch bei der geburt meiner tochter glückselig, und als ich die erste drehbuchförderung bekam, als ich es zum dölma la, dem höchsten punkt bei der kailash umrundung geschafft hatte, als ich nach dem unfall aufwachte und merkte ich lebe noch. als ich in der wüste marokkos sass und das funkeln der quarze wahrnahm, während mein bauch nach der tumoroperation heilte. beim mehrstimmig jodeln bin ich glücklich und wenns draussen stürmt und drinnen so gemütlich ist, mit all meinen farben und spielsachen, meinen magischen dingen, mit kerzen und büchern. und auch bei kuchen und kaffe bei meiner schwester. wenn meine tochter glücklich ist, bin ichs auch und wenn mum mich total zum lachen bringt. ich bin glücklich wenn eine plötzliche erkenntnis das hirn erhellt, wenn in mir eine neue forschungsleidenschaft entsteht. seltsamerweise bin ich auch glücklich wenn ich nachts irgendwo ankomme, lissabon, lagos, dakar oder so und diese mischung aus glückseligkeit und verlorenheit spüre.

Quelle: salamandra.de

Ebenfalls heute habe ich entdeckt, dass WordPress neuerdings bei mir mitliest und beim einen oder andern Artikel unten seelenverwandte ältere Texte aus meinem Blog anzeigt. Ganz überrascht habe ich heute einen eigenen Text gelesen und mich überhaupt nicht an ihn erinnern können. Geht euch das auch so? Vor fast genau zwei Jahren habe ich diese Zeilen hier geschrieben …

Ja, richtig, auch Wörter sind relativ. Genau das habe ich gemeint, als ich neulich schrieb, dass viele Wertmaßstäbe von der Definition der jeweiligen Gesellschaft abhängen.
Nimm mal, nur so als Beispiel, das Wort „Gewissen“. Was fällt dir dazu ein? Und dir? Und jetzt denkst du kurz an das, was deine Eltern darunter verstanden haben. Eben.

[…]

Ja, ich schreibe auch vor allem, weil ich eine Vision, eine Idee, eine Absicht habe. Berühren, anrühren will ich. Etwas auslösen. Die Welt ein bisschen lebenswerter machen, weil Lesen gut tun kann. Ich will ein Lächeln in ein Gesicht zaubern oder das Herz unter diesem Gesicht zum Nachdenken bringen.

mehr … sofasophia.wordpress.com

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12 Kommentare zu „Links von rechts und links“

  1. ich freue mich, dass es in dieser richtung weitergeht, weil ich auch gerade dort bin, und versuche da zu bleiben, bei mir selbst und dem Egoismus, den wir leider immer falsch verstehen, dabei steht es schon in der Bibel: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Wie soll Liebe sonst gehen, wenn man sich selbst nicht liebt? Aber zwischen Theorie und Praxis liegen so viele Irrtümer, und deswegen ist es sehr gut, immer mal wieder darüber zu reden.

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    1. ja, gell, wir gehen auf diesem weg schon so lange und doch … es ist ein immer wieder neues lernen.
      eine sich stetig weiterentwickelnde gesellschaft, die noch immer das wichtigste übersieht: liebe oder zumindest respekt vor sich und andern sind die grundlage für jegliches gemeinwesen.
      und darum schreibe ich immer wieder darüber. und darum denke ich immer wieder darüber nach.
      weil alles zusammenhängt. und alle …

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  2. Also … Da hab ich ja wieder … Ic h sollte lernen, meine Finger stillzuhalten 😉

    Der „nagen“-Spruch und genau diese von Dir zitierte Frage waren es, weswegen ich Dir den Link zukommen lassen wollte.

    Allerdings waren die Kreativen in der DDR (Schriftsteller, Maler, Bildhauer, Komponisten) etwas besser abgesichert als heute durch viele Autragswerke von Parteien und Massenorganistionen und Betrieben usw.

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    1. zum glück hast du die finger nicht stillgehalten. ich habe mir den artikel nach der hälfte bildschirmlesen ausgedruckt. das ist etwas für mein gute-texte-archiv, zum wiederkauen.
      vielen dank!!!

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  3. Liebe Soso,

    danke für alles, was du hier aufgeschrieben und zitiert hast, besonders Luisa rührt mich mal wieder sehr an … und nun sitze ich hier (auf Arbeit, weil mein Heim-PC gerade kein Internet hat) und denke, dass es mal wieder an der Zeit wäre darüber nachzudenken was mich gerade hier und jetzt glücklich macht, bei all dem, was Zurzeit eben schwer wiegt … und mich vielleicht ein bisschen vom Glück abschneidet, das vielleicht sogar nur darauf wartet, dass ich es endlich wieder einmal besuche …

    liebe Grüße
    Ulli

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    1. du aber auch mit deinem internet …
      ja, luisas wort „glückseligkeit“ begleitet mich seit vielen jahren. ich entdecke so viel selbstsabotage in unserer welt – mich eingeschlossen. eigentlich verrückt. darum lese ich ihr tagebuch so gerne: sie hat eine andere perspektive, eine ungekünstelte. fernab von mainstream und so weiter.

      danke fürs feedback, du liebi 🙂

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  4. Ja, liebe Soso, das ist ein Thema, über das ich hier schon länger lesen darf, und es freut mich so, wie Du hier immer wieder darauf hinweist, den Finger drauf legst, Dich dafür einsetzt, dass es sich lohnt darüber nachzudenken, wie wir den Alltag, unser Leben verbringen wollen …
    Dieser Gedanke gefällt mir besonders:
    “ .. doch ist die Fürsorge für uns selbst auch ein Weg, die Welt zu verbessern.“
    Danke Dir,
    liebe Grüße in Dein Wochenende, mb

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    1. ich frag mich manchmal, ob mein „sensibilisieren auf selbstfürsorge“ hier nicht auch ein bescheidener politischer akt ist?!
      am gespräch zwischen wolf und erb hat mir besonders diese dimension so gefallen: dass ein text eben auf sehr komplexe art und weise wirken kann. ach, das kann ich gar nicht annähernd adäquat wiedergeben. selbst lesen lohnt sich!

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