Zettelwirtschaften und Gesetzebrechen

Die sich selbst auferlegten Gesetze – Dieser Satz steht auf einem Zettel, der schon eine ganze Weile auf meinem Schreibtisch vor sich hin döst. Warum ich ihn aufgeschrieben habe, weiß ich nur noch ganz vage.

Ich erinnere mich an die Aussage eines Kollegen. Er mache etwas ganz Bestimmtes immer genau gleich. Ausnahmslos. Und auch immer zur gleichen Zeit. Weil er dann sicher sei, dass es gut gehe. Denn es sei bisher immer gut gegangen.

Nicht das zu tuende Ding an sich ist hier wichtig, sondern die Idee, dass wir – wenn etwas einmal auf eine bestimmte Art geglückt ist – das nächste Mal wieder glücken wird, nämlich wenn wir die gleichen Vorzeichen einhalten, wenn wir der gelegten Spur folgen. Es lässt mich aufhorchen, denn noch immer bin ich dabei, meine Spuren zu überdenken, besonders jene, die schon so tief sind, dass ich mich kaum mehr daran erinnern kann, den Weg ein erstes Mal gegangen zu sein.

Sicherheitsdenken? Aberglaube? Bequemlichkeit? Zeitmangel? Erfahrung? Es ist – jedenfalls bei mir – von allem ein wenig, was mich dazu bringt, etwas, das gut läuft, weiterhin so zu tun wie bisher. Und doch … etwas in mir sagt mir, dass die Vorhersagbarkeit der Dinge dem Leben die Luft zu atmen nimmt. (Ob ich wohl deshalb kaum je nach Rezepten koche?)

Oder ist es gar eine Art innerer Zwang, der mich – ähnlich wie wir das bei Menschen mit Autismus beobachten können – dazu bringt, genaue Abläufe einzuhalten? Sofort blinkt das Wort Sicherheitsdenken ganz groß bei mir auf. Ach, aber was weiß ich denn schon wirklich? Wie können wir verstehen, wie andere Menschen wirklich ticken?

Da war heute Morgen dieser Dialog mit dem Liebsten. Über Unterschiede bei der Auswahl jener Themen, die uns bewegen, haben wir gesprochen und wie es kommt, dass einige Themen, über die ich schon als Kind nachgedacht habe, für ihn kaum relevant sind.

Das Bild vom guten alten Setzkasten, mit dem früher Bücher und Zeitungen gedruckt worden sind, tauchte auf. Die leeren Zeilenfächer, mit denen wir zur Welt kommen, werden im Laufe eines Lebens gefüllt. Beim einen so, bei der andern so. Einige bleiben leer, andere sind voll klitzekleiner Wörter und bei andern steht nur ein einziges Wort.

Kurz und gut: Wir alle schreiben eine eigene Geschichte. Mit den immer gleichen Buchstaben. Auch solche Sätze wie der mit den sich selbstauferlegten Gesetzen. Eins von meinen ist, dass ich einen Blogartikel erst hochlade, wenn er meinen Stilansprüchen genügt.

Heute breche ich mein Gesetz und lade einen Artikel hoch, der ganz einfach daherkommt. So wie er ist. Ungeschminkt. Vielleicht hat er sogar Mundgeruch. Ich lasse ihn jetzt einfach los.

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20 Kommentare zu „Zettelwirtschaften und Gesetzebrechen“

  1. …schöner blogeintrag♥…

    Ich wünsche Dir einen friedlichen Abend und ein super start ins wochenende 🙂 liebe grüße von mir an dich….Laura♥

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    1. liebe träumerle, danke für deine zeilen! einfach meinte ich wohl weniger aufs inhaltliche als auf die feinheiten der sprache und die gestaltung des artikels … da arbeite ich eben normalerweise ein wenig länger dran als diesmal … 🙂

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  2. Ach Sofasophia. Wenn ich eine Frau kennenlernen möchte, die ich bisher immer nur richtig gut geschminkt sah, dann möchte ich ihr Gesicht sehen, nicht die Schminke.

    Stil … Vielleicht … Du weißt, ich selbst mache ja immerwieder die Erfahrung, daß das Unpolierte besser ankommt als das Glattgeschliffene. Es braucht also doch Reibungsfläche, das Gefallen. Das hier, dieser Text, der ist garnicht so anders als Deine anderen Texte (hier im Blog), ich kann mich an ihm reiben, ihm nachspüren.

    Gut, Mundgeruch ist schon schwierig. Aber solange er seine Schweißfüße nicht auf meinen Tisch legt, ist fast alles „erträglich“ …

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    1. ich bin auch eine, die reibung mag und vielleicht auch sucht. wie ich schon bei träumerle schrieb, geht es bei meinen „hohen ansprüchen“ weniger um den inhalt als um die zubereitung. und ich denke jetzt grad drüber nach, ob das wirklich mit schminke zu vergleichen ist. hm.
      weisst du, normal lese ich einen artikel vor dem upload etwa drei- bis viermal nach, stelle sätze in sich selbst um oder schiebe sie woanders hin, wo sie besser passen usw. diesmal habe ich den text quasi nur ein- bis zweimal durchgelesen, keine stilistischen verbesserungen vorgenommen, schon gar nicht etwas umgestellt …
      ich mag auch das echte, das leben hinter der fassade. … und jetzt frag ich mich eben, ob zu viel „schleifen“ auf kosten des echten geht oder das echte unterstützt, noch echter macht.
      nachdenkliche grüsse aus der schweiz
      soso

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    2. Ein Brillant wird so geschliffen, daß er scharfe Kanten hat. Ich glaube, zu glattgeschliffen geht die Echtheit verloren — so wie eine Diamantkugel eben kein Brillant ist …

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  3. Ich bin gerade sehr fasziniert, weil ich durch das Lesen deines Beitrages bemerkt habe, dass ich Dinge selten gleich mache, sondern häufig sogar dazu neige, immer etwas abzuweichen, um zu sehen, was passiert. Vielleicht spielt da immer auch ein wenig die neugierige Wissenschaftlerin in mir eine Rolle. Andererseits ist es schon so, dass ich bei wichtigen Dingen, z.B. Klausuren, dann schon gewisse Rituale einhalte. Z.B., dass ich vorher keinen Kaffee trinke, weil ich sonst einen zu hohen Adrenalinspiegel habe oder ständig auf’s Klo rennen muss (nervöser Darm), oder dass ich immer ein paar Gummibärchen mitnehme. Aber das kann manchmal auch Milchschnitte sein oder nur Dextrose. Seltsam! Mir fällt gerade nichts Richtiges ein, bei dem ich echt so eine Art Linie einhalte. Bestimmt habe ich nur nicht lange genug darüber nachgedacht.

    Oh doch. Neu verpackte Bücher aufmachen … Das läuft bei mir fast immer identisch ab, weil’s nicht anders geht. ❤

    Schönes Wochenende, liebe Soso!

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    1. du bringst mich auf den gedanken, mein verhalten von früher mit jenem von heute zu vergleichen. inwiefern es eine frage des älterwerdens ist, wie ich dinge tue. und ich stelle fest, dass es hier kein ja oder nein als antwort gibt. und auch ist es bei mir eben nicht so, dass ich immer alles gleich mache. früher habe ich sicher mehr „immer wieder anders“ gemacht als heute, aber auch heute bin ich eine, die dinge immer mal wieder anders macht. und doch: es gibt sie, die dinge, die ich immer gleich mache. ich mag bestimmte produkte und kaufe immer diese ohne mal andere auszuprobieren. (haarspülung zB.), weil ich zufrieden bin.
      ist also entweder zufriedenheit/unzufriedenheit oder aber experimentierlust/forschungstrieb unsere triebfeder etwas zu verändern?
      evolution basiert ja auch auf solchen dingen.
      blockieren wir die eigene entwicklung gar, wenn wir etwas immer gleich machen?
      danke für deine impulse und auch dir ein schönes weekend!

      ps: schnüffelst du auch immer an frisch geöffneten büchern? ich liebe diesen geruch über alles!

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    2. Oh ja. Natürlich schnüffle ich an ihnen, vor allem Lehrbücher oder gebundene Bücher haben einen ganz markanten Eigengeruch, der mich wahnsinnig macht!

      Das, was meinen Mann eigentlich manchmal zur Verzweiflung bringt ist, dass ich immer wieder mal (oder auch zu oft), neue Dinge ausprobiere, obwohl ich mit dem Letzten „zufrieden“ war. Bei mir ist aber vermutlich immer auch der impulsive und sehr unruhige Grundgedanke drin, dass es ja vielleicht auch etwas Besseres geben könnte. Oft kehre ich zum Alten zurück, aber manchmal entdecke ich neue Dinge, bei denen ich mir denke: „Oh Gott, wie guuut, dass ich so neugierig bin, sonst hätte ich das hier nicht gefunden.“ Gerade vor zwei Monaten ist mir das mit einem „Produkt“ passiert … Und ich bin total happy, bis heute noch freue ich mich, dass ich einmal zu oft probiert habe. 🙂

      Danke, liebe Soso …

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    3. dieses nicht-zufriedensein-können kenne ich bei mir eher auf der ebene der nicht-dinge, der inneren „werte“ als bei gebrauchsgegenständen – gehts mir grad so durch den kopf. etwas im leben verpasst zu haben, verpassen zu können – versus eine art fatalismus und egalität, die mich manchmal anfällt und sagt: nimm das leben wie es ist.

      als zwillingsseele entzweit mich das oft ganz schön arg. und doch gibt es dann auch bei mir diese lohnenden erkenntnisse: zum glück habe ich weitergesucht und dies oder das entdeckt. und sie sind es wohl, die mich „weitertreiben“ …

      das leben! 🙂

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  4. ein feiner SosoArtikel :),

    nun bin ich schon sooo alt geworden (;)) und stelle fest, dass ich immer noch keinen wirklichen Rhythmus in meinem Leben habe, sowieso ja nie geregelte Arbeitszeiten, weil ich das ja nicht aushalte und dann doch wieder die kleine Sehnsucht im Hintergrund nach einem rituellem/rhythmischen Leben- Neugierde auf Neues ist eins was noch dazu kommt, aber alles hat auch immer etwas anderes Gepäck, so wohnt in der Neugierde auch Unruhe, die sich mir durchaus in den Weg stellen kann-
    aber dennoch, wenn ich für andere koche, folge ich einem eigenen Fahrplan, weil er funktioniert, weil dann das Essen pünktlich auf dem Tisch steht und weil es z.B. keinen Sinn macht Mehl in kochendes Wasser zu schütten …

    dein text hat keinerlei Mundgeruch, das würde ich mir aber auch verbieten – alch und wech

    und natürlich herzliche Grüße an dich und Irgendlink
    Ulli
    habt ein feines WE

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    1. einen wirklichen rhythmus gefunden habe ich auch immer nur scheinbar. ich folge einer linie, die mir in der aktuellen lebensphase die am wenigsten anstrengendste dünkt, ich glaube so ist es bei mir oft.

      und dann aber auch wieder genau das gegenteil: dann verbrauche ich ganz viel kraft für widerstand, den ich leiste, um nicht in der falle des immer-gleichen zu landen.

      so hample ich durchs leben und werde dabei älter. ewige sucherin, ich!

      danke für deine gedanken und auch für die lieben grüsse, die ich gerne verdoppelt zu euch hin schicke 🙂

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  5. Auch liebe Grüße, ist gar nicht so weit weg, was ich mit Manieren oder „maniera“ sagenwollte. Ich habe halt mit Texten nicht so viel Geduld wie Du. Die Art und Weise, etwas immer gleich zu machen, kommt mir amerikanisch vor. Ich erinnere mich an jemand, der sagte: „how i do love“.

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    1. the american way of life – nur schon eine solche formulierung macht gänsehaut. 🙂
      aber das sind ja dann auch oft vorurteile den kulturellen unterschieden gegenüber. letzlich ist es ja jeder und jede selbst, die etwas so und so tut. gleich oder anders.
      sag mir wie du etwas tust, und ich sag dir, wer du bist 😉
      liebgrüss nach zwb

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