Von Unternullen und andern Zombies

Echt wahr, wenn ich ein paar Tage nicht schreiben kann (schreiben mag, weil ich zu müde bin), mutiere ich zum Zombie. Und ist es ein paar Tage Unternul draußen in der Welt vor der Haustür, mutiere ich zum Eiszapfen. Beides Zustände, die ich nicht mag.

Und wenn ich ganz ehrlich bin, und das bin ich, hasse ich Winter. Und ich verabscheue es auch, ständig unter Menschen zu sein. Obwohl ich Menschen – im Singular – mag. Meine Soziophobie erwacht vor allem in vollen Zügen und auf Bahnhöfen. Müsste ich nicht reisen, ich würde es nicht tun. Sag ich jetzt mal. Obwohl. Ich würde es vielleicht vermissen, irgendwann, wenn ich es nicht mehr täte. Nur: wohin? Mir fehlt die Neugier und ich vermisse sie nicht einmal. Sie kommt und geht, wie sie will. Im Sommer brummt sie gerne in mir vor sich hin und will gefüttert werden, im Winter macht sie, wie ich es am liebsten auch täte, Winterschlaf.

Weihnachtsmuffelin bin ich auch nicht bloß zum Spaß. Mir tut Weihnachten weh. Der ganze Heile-Welt-Heuchel-Glitzerkram tut mir weh. Darum ist dieses Blog, wie jedes Jahr, glitzerkramfreie Zone. Einziges Highlight im Dezember ist mir die Sonnwende mit den paar rauhen Nächten danach. Und Silvester mag ich, weil er das alte Jahr verabschiedet und dem neuen die Türe aufreißt.

Und nein, das ist alles kein bisschen bitter oder zynisch gemeint. Auch Ironie findet sich hier nicht, noch nicht mal ein Funken Satire. Dazu tauge ich nämlich nur bedingt. Es ist, wie es ist. Fakten. Meine Für-Wahr-Nehmung.

Ich lese Ortheil und lasse mich von seinem Erzählstil begeistern. Seine unsentimentale und doch das Herz öffnende Art, sich dem Leben und den Menschen auszusetzen, mag ich unglaublich gerne. Obwohl er beschreibt, ist sein Beschreiben fern von langer Weile, sondern ein Teilen mit besonderer Qualität.

Nun habe ich mich, während ich mich – zwischen den Worten – mit Hirsebrei füttere, ent-Zombie-isiert. Geschrieben, um nicht zu erstarren in der Immergleichform meiner Wochentage.

Montags bis mittwochs pilgere ich jeweils ins Büro und tue da, was dort zu tun ist. Stehe früh auf, komme spät heim und bezweifle täglich mein Dortsein, obwohl ich gewiss sinnvolle Dinge tue, Zahlen dressiere, Statistiken erstelle, Stellensuchenden Spesenentschädigungen auslöse, unsern Lehrling beschäftige und meine Lebenszeit vergehen lasse. Dennoch bin ich nur halb dort und das ist zu wenig. Die Leidenschaft, die ein Beruf zur Berufung macht, fehlt mir. Dort und noch. Und vielleicht überhaupt.

Ab Donnerstag arbeite ich jeweils für mein kleines aber feines Textbüro, das mit relativ wenig Werbeaufwand doch schon ein paar tolle Aufträge ans Ufer gespült hat. Am liebsten sind mir Lektorate und Textcoachings.

So, nun bin ich kein Zombie mehr und muss mich auch nicht vor die Kiste setzen und mich mit einem Film ablenken, sondern kann in aller Ruhe (wo bist du?) die letzten Seiten von Ortheils Buch, Das Kind, das nie fragte genießen.

Und irgendwann danach dieses Gekritzel ins Netz stellen.

Was ich Stunden später hiermit tue …

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8 Kommentare zu „Von Unternullen und andern Zombies“

  1. Liebe Soso,

    aaah, nun bist du auch ein Ortheilfan, sollen wir Bücher tauschen … denn das, was du gerade liest, habe ich noch nicht gelesen und ich habe hier noch zwei liegen, die ich dir gerne ausleihe … ja, ich finde ihn auch sehr ansteckend in seinem Schreibstil!
    Und mir gefällt dein ganzer Artikel … als ich vorhin von Krozingen über Lörrach, Schopfheim, Wehr auf den Berg fuhr, wurde ich wieder bitter, ob der alljährlichen, immer wilder werdenden Illuminationen … darüber schrieb ich glaube ich schon letztes Jahr, ich liebe die dunklen Nächte, z.B. Neumondnächte, wenn die Sterne so wunderbar funkeln und nicht vom Mondlicht teilweise verschluckt werden …

    Weihnachten tut mir nicht mehr weh, nur noch dieses Trara drumrum, ich mache einfach nicht mehr mit und basta, aber ich mag Kerzenlicht und Kekse und heißen Tee 😉

    ich mag den Winter nur bedingt, eins mag ich, dass ich ruhiger werde und die Welt, wenigstens auf dem Berg, stiller und Zugreisen mag ich auch nur als Reisende, nicht als Pendlerin … ach du Liebe, dat is all jet …

    gaaanz liebe Grüße
    Ulli

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    1. liebe ulli
      ich leih mir gerne deine ortheils. meins habe ich als ebook bei onleihe geliehen, kanns dir drum nicht weiterleihen. aber es lohnt sich sehr. bin auf andere gespannt.
      mein weihnachtsschmerz ist der von der verlorenen familie vor 10 jahren. das heile-welt-geheuchel auch, ja, das schon immer, seit ich kind war. irgendwann hab ich es durchschaut und bin seither fremd mit diesen bräuchen.
      jetzt muss ich aber ins bett, damit ich morgen wieder funktioniere.
      danke für deine zeilen und das kompliment.
      sehr müde grüsse, herzlichst

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  2. Siehst Du, bei mir ist es genau umgekehrt. Ich mag den Winter, ich mag sogar besonders gern den von allen gehassten November. Ich mag es kalt und ein bisschen ungemütlich. Umso mehr erfreue ich mich nämlich am Licht.
    Aber ich mag Sylvester nicht. Ich hasse dieses zwanghafte Abschiednehmen und Neubeginnen geradezu. Für mich ist DAS die blanke Heuchelei. Und all diese dämlichen Glückwünsche und Wünsche fürs Neue Jahr. Und wieso muss ich da feiern? Und was? Und wieso muss ich bis Mitternacht aufbleiben? Und soll auch 5 Minuten später nicht schlafen gehen dürfen? Seltsamerweise werde ich, die selten vor Mitternacht schlafen geht, am 31.12. pünktlich 22:00 Uhr hundemüde. Wahrscheinlich protestiert auch mein Unterbewusstsein gegen das für mich sinnfreie Fest.
    Weihnachten dagegen mag ich sehr. Aber vielleicht liegt das daran, dass sich in unserer Familie niemand etwas vorheucheln muss? Wir mögen uns wirklich alle, tragen Meinungsverschiedenheiten offen und ohne Hinterhalt aus und können uns immer auf die Hilfe der Verwandten verlassen so wie wir immer jedem Verwandten helfen würden.

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    1. liebe inch
      ich mag silvester nicht als festtag – ich trinke kaum je champagner und all der hysterische glitzerkram, den viele mit silvester assoziieren, ist mir ein gräuel.
      ich liebe es, ganz still und leise eine türe zu schliessen und eine neue zu öffnen. eher im sinne eines rituals, auch wenn diese schwelle (wie fast alle schwellen) eine willkürliche definierte ist.
      scheinwelten liegen mir nicht, ausser wenn ich sie selbst in meiner phantasie kreiiere …
      (hätte ich meine familie noch, wäre weihnachten sicher auch anders, wer weiss. doch seit mein kleiner sohn tot ist, ist dieses fest für mich einfach kein fest mehr … schon früher, als teenie, habe ich darunter gelitten. glücklich also, wer ein solche familie wie du hat – aber die wenigsten haben es (tun aber mindestens an weihnachten oft so als ob) … und das ist wohl auch der grund, warum es an weihnachten so viele familiendramen und suizide gibt … nie wird diese diskrepanz zwischen wirklichkeit und wunsch so spürbar).
      jede/r von uns lebt nur einen kleinen ausschnitt von alledem. und meiner sieht eben so aus …
      tja, geniess den winter, kann ich da nur sagen! 🙂

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  3. Ortheil möchte ich schon so lange lesen, vielleicht komme ich ja bald dazu. Danke, dass du mich nochmal daran erinnert hast. Sagte ich, dass ich den Winter liebe? Nicht wegen Weihnachten, aber wegen der Laune der Menschen. Da ist immer so eine Art Spannung in der Luft. Natürlich bin ich dann auch traurig, aber irgendwie kann ich mich manchmal, wenn auch distanziert, dafür begeistern lassen, wenn ich ganz vieles ausblende. Warum denkst du, verstreicht deine Lebenszeit bei der Arbeit, wenn du wirklich Sinnvolles tust und anderen hilfst? Ich stelle die Frage nicht, damit du sie hier beantwortest, sondern einfach so als Impuls … Auch für mich. Ich überlege gerade, welche Lebenszeit ich als vergeudet ansehen würde.

    Ich wünsch‘ dir Wärme …

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    1. ortheil könnte dir in der tat gefallen, liebe sherry.
      meine lebenszeit vergeude ich dann, wenn ich lieber andere dinge täte. nicht diese ersatzhandlungen, die nur dazu dienen, dass ich ende monat die rechnungen zahlen kann. denn letztlich ist das die einzige motivation.
      auch wenn es dafür weissgöttin nicht die schlechteste arbeit ist. ganz und gar nicht. aber eben: nicht befriedigend.

      wie habe ich neulich elke erb zitiert?
      „Ich hab mir gesagt: Ich kann mich in den Berufen, die es gibt, nicht bewegen. So kann ich diese Formen, die die Menschheit hat, nicht richtig mitvollziehen. Ich bin außerhalb der Form. Und das ist eine Chance und ein Risiko.“ (https://sofasophia.wordpress.com/2013/11/08/links-von-rechts-und-links/)

      manchmal vergeude ich lebenszeit auch damit, dass ich dinge tue, die mir nicht gut tun, aber andere von mir erwarten (zB. mich unter die menschen zu mischen, anlässe besuchen …)

      tja … danke für die warmen wünsche. die tun echt grad soowas von gut!

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  4. http://www.literaturhaus-stuttgart.de/programm/ortheils-monologe/

    Hier stellt er paar interessante Bücher vor- und der Kuckuck ruft die andere Jahreszeit im Hintergrund!
    Bin auch nicht mehr gerne unter so vielen Menschen, wie ich es an Bahnhöfen, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder sonst wo sein müsste. Manchmal fallen mir aber an solchen Orten Leute auf, von denen ich annehme, dass es ihnen ähnlich ergeht. Sie stehen oder sitzen in einer Art Einsamaura da….Es ist gut, sie wahrzunehmen…

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    1. gestern, im zug oder auf dem bahnhof, habe ich beschlossen, die leute bewusster anzuschauen. auf die gefahr hin, wie es mir oft passiert, dass ich in ihren gesichtern ihre geschichten lese und dann darüber nachgrüble.
      zwei gesichter, ein männliches und ein weibliches, zwei augenpaare besser gesagt, sind mir begegnet, in denen ich so etwas wie verwandte gesehen habe. wir haben uns gegenseitig durchschaut und ein schauder lief mir über den rücken. es war weniger die einsam-aura als die sensibel-aura, die ich wahrnahm. ein sich-erkennen.
      für solche momente lohnt es sich dann doch, unter die menschen zu gehen.
      danke für den link, guck ich gleich.

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