Depression zwischen Buchdeckeln #1 – Kathrin Weßling | Drüberleben

Gestern Morgen im Zug habe ich die ersten Seiten eines Buches gelesen, vor dem ich mich ebenso gefürchtet habe wie mich darauf gefreut. Gefürchtet, weil das Thema kein einfaches ist, denn Drüberleben erzählt die Geschichte einer depressiven jungen Frau, zumindest von einer Phase ihres Lebens, einer schwierigen, beinahe ausweglosen Phase sogar. Eine depressive Episode, wie sich das in Arztdeutsch nennt.

Von der ersten Seite an hat mich der Erzählstil berührt. Die Autorin und Bloggerin Kathrin Weßling, die bei ihrer Erzählung aus dem eigenen biografischen Brunnen schöpft, ist zwar noch jung, doch sie ist nicht nur eine wunderbare Beobachterin, sondern auch eine gnadenlos ehrliche Erzählerin.

coverVon der ersten Seite an bezieht sie mich ein in diese Grauzone zwischen Noch-einigermaßen-normal und Schon-neben-der-Spur. Wie sie über die Ängste ihrer Protagonistin schreibt, über deren Unvermögen, normal und gesund zu leben, ist meisterhaft. Da ist zu wenig vorhanden für ein glückliches Leben, aber noch zu viel um keine Hoffnung mehr zu haben, ganz aufzugeben. Eine Sackgasse …

Ich bin mittendrin im Buch, gehe mit Ida durch die Flure der Klinik, in die sie sich selbst eingewiesen hat und begreife, wie viel Mut es braucht, sich (immer wieder) fallen zu lassen und Hilfe anzunehmen. Denn eines Tages ging einfach gar nichts mehr.

Weßling schreibt essentiell und dennoch fast wie nebenbei über Themen wie Scham, Demütigungen, Ängste, Panikattacken, Abstürze. Und dies alles in einem latent galgenhumorigen Ton, dem ich mich nicht entziehen kann. Das Buch eignet sich besonders für alle, die entweder selbst depressiv sind oder aber mit Menschen zusammenleben, die es sind.

Mir tut es gut, zu lesen, dass ich nicht allein bin mit dieser „Veranlagung“, und dass ich nicht allein mit mit all diesen kruden Gedanken, die – wenn man erst mal drin ist – die einzige Wirklichkeit darstellen.

Mir wird auch bewusst, wie unterschiedliche Gesichter Depression hat und dass sie eigentlich kein Grund zur Scham ist. Eigentlich nicht. Aber uneigentlich schon, denn mir fällt es verdammt schwer, hier darüber zu schreiben. Schwächling. Mimose. Jetzt hab dich nicht so, du musst nur wollen, grübel halt nicht so viel! Das Gefühl, falsch zu sein, übersensibel, asozial … ach, viele Stempel werden uns aufgedrückt im Laufe eines Lebens.

Manchmal denke ich auch, dass es für jene unter uns, die sich mit größter Willensanstrengung noch oder immer wieder irgendwo im Bereich der Normalität aufhalten können, möglicherweise schwieriger ist, Depressionen zu haben, oder sich als depressiv zu outen – schließlich geht es ja irgendwie.

Wir schimmen im Lebenssee. Immer knapp am Ertrinken, aber dennoch geben wir nicht auf. Oder vielleicht doch. Und was dann?

Fällt mir ein, wie ich heute Morgen – wie schon oft – über Wolfgang Herrndorfs selbstbestimmtem Tod nachgedacht habe. Hätte er in der Schweiz gelebt – oder in Holland –, ob er wohl zu einer Sterbebegleitungsinstitution gegangen wäre? Wieso ist selbstbestimmter Tod noch immer mit so unglaublich vielen – auch moralischen – Tabus behaftet?

Ich hoffe auf ein gesellschaftliches Umdenken, ein umfassendes Sensibler-Werden. Auch im Umgang mit Krankheiten, die nicht sichtbar sind. Wie Depressionen. Wie Posttraumatischen Belastungsstörungen. Wie Tinnitus.

Und wieder einmal fällt mir kein guter Schlussatz ein. Also setze ich einfach hier ein paar Punkte …

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26 Kommentare zu „Depression zwischen Buchdeckeln #1 – Kathrin Weßling | Drüberleben“

  1. Liebe Soso,
    mir fallen eigene Sätze ein, die ich mir dann einhämmere, wenn der Sog nach unten wieder kommt: nu stell dich doch nicht so an, anderen geht es doch viel schlimmer … nu ruh dich mal aus und morgen dann: Ärmel hoch und durch und blabla. Heute war so ein Morgen, an dem nix mehr ging und es dauerte ungefähr 2 Stunden bis ich den Hörer hochnahm und mich krankmeldete. Das Pflichtgefühl versus Landunter … ich denke immer noch zuerst an die Anderen, gegen jedes besseren Wissens.

    Das Buch macht mich neugierig … danke dir für den Tipp … und danke für deine Offenheit hier … mir tut das gerade gut!

    herzliche Grüße
    Ulli

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  2. Interessante Lektüre.

    Ich habe nach diesem Blog-Beitrag drei Kapitel des Buches als Leseprobe gelesen und es soeben gekauft.

    Danke für die Empfehlung.

    Ich habe auch dunkle Zeiten hinter mir. Das Buch hat mich schon auf den ersten Seiten gedanklich einige Jahre zurück geworfen. Es wirkt zu vertraut und das ist ein verdammt komisches Gefühl.

    Mal schauen was das Buch noch so mit sich bringt…

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    1. oh! danke für deine zeilen und willkommen an bord (im doppelten sinn: blog und „zustand bekannt“).
      ich bin grad am weiterlesen. heftige gratwanderung für ida.

      alles gute!

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    2. Danke 🙂

      So gestern habe ich die letzte Seite gelesen. Das Ende hätte ich mir allerdings anders vorgestellt.

      Das Buch an sich ist etwas für Menschen die in irgendeiner Form mit der Thematik in Verbindung stehen. Sei es als Patient oder als Angehöriger.

      Ich konnte viele Paralellen ziehen und einiges an Verhaltensmustern wieder erkennen. War schon ein rechtes Gefühlschaos – das hat bisher auch noch kein Buch geschafft.

      In dem Buch wird immer wieder erwähnt, dass man als psychisch erkrankter verurteilt oder besser gesagt abgestempelt wird. Das wäre nicht normal – Doch ist es!

      Was unterscheidet eine Depression von einer Erkältung?! Nichts! Es sind beides Krankheiten. Darüber sollte sich unserere ach so tolle Gesellschaft mal bewusst werden.

      Wenn eine Normalität bei dieser Thematik vorhanden wäre, dann wäre die Akzeptanz und die Hilfsbereitschaft der Menschen wesentlich größer.

      Verurteilen bringt nun mal keine Besserung. Eine höhere Akzeptanz würde das eigentliche Leiden um einiges mindern. Um eine Besserung zu erreichen muss man sich helfen lassen und vor allem man muss es wollen. Sonst ändert sich rein gar nichts.

      Es fällt nich immer leicht permanent Optimismus in das Leben zu bringen aber mit ein wenig Übung klappt es. Dafür möchte ich
      allen Betroffenen Mut zu sprechen. Es lohnt sich!

      Viel Erfolg 🙂

      Immerhin kann ich jetzt 2013 mit einem gelesenen Buch abschliessen – Danke dafür 😉

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    3. lieber fernmeldeschmied
      ich freue mich sehr, dass du das buch gelesen und bereits hier „besprochen“ hast. ich bin im zweiten drittel, weil ich immer wieder pausen machen muss (umständehalber und wegen des heftigen inhalts).
      was du schreibst, geht mir auch sehr nahe. es ist diese fehlende „normalität“ im umgang mit „andersartigkeit“. die anführ-/schlusszeichen sollen meine ratlosigket ausdrücken, weil mich beides schwierig dünkt: sind wir denn anders oder sind wir einfach anders normal? hm …

      danke für deine gedanken dazu. sie klingen nach.

      schön, dass du ein buch fertiggelesen hast.

      und schön, wenn du auch hier immer mal wieder vorbeikommst und mitliest und -erzählst.

      liebe grüsse
      denise

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    4. Danke!

      Naja besprochen ist jetzt übertrieben 😉
      Ich wollte ja nicht zu viel verraten.

      Wir können uns aber gern noch einmal darüber unterhalten wenn du das Buch durch hast.

      Ich schau gerne öfters vorbei! Vor allem wenn es wieder so tolle Leseempfehlungen gibt 😀

      Liebe Grüße
      Ralph

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  3. Erst mal vielen Dank für den Buchtipp!

    Ich befinde mich mitten in einer Fachausbildung (HP Psychotherapie) und muss sagen, das Thema Depression berührt mich immer sehr…
    Obwohl ich mich in den letzten Wochen auch immer wieder frage ‚habe ich es vllt auch?‘ Vieles spräche dafür…

    Ich wünsche dir Sonne im Herzen und immer einen kleinen Lichtblick.

    Herzliche Grüße,
    Julie

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    1. ich denke, wenn du dieses buch liest, wirst du es für dich herausfinden. manchmal denke ich, dass viele menschen, die eigentlich „nur“ HSP (hochsensible Personen) sind, in unserer unsensiblen gesellschaft geradezu depressiv werden „müssen“, weil sie den druck nicht ertragen … nur so ein gedanke.

      wie auch immer, das buch lesen lohnt sich so oder so.

      ah, und: willkommen hier, julie, herzlich.

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    2. ich wünschte mir schon oft, anders, also eben normaler, zu sein. wenn ich es dann aber genau betrachte, möchte ich es doch nicht. nur weniger „schwermütig“, das schon. aber wäre ich dann noch ich?

      gerne … 🙂

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  4. ich kenne dich ein ganz kleines bisschen persönlich. vielleicht fühle ich dich noch viel besser, als ich dich kennen tue. wer so facettereich ist, wie du, hat auch dunklere seiten. ich drücke dich, als eine, die dich genau so nimmt, wie du bist. ich bin du.

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    1. ach, ich weiss glaubs, was du meinst. manchmal ist dieses sich-wieder-finden in anderen irgendwie „tröstlich“. danke für deine zeilen, die grad sehrsehr gut tun. danke und zurückdichdrück lieb.
      🙂

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  5. Wieso finde ich mich bei dir so oft wieder?

    Hab mich jetzt grade durch deine Einträge gelesen und konnte fast überall nur bejahend nicken. Ob es den angestellten Job betrifft, der nur „halbherzig“ getan wird, den es aber braucht weil er das Leben sichert, die gesellschaftspolitischen Fragen, das bedingungslose Grundeinkommen und das alles Hinterfragen und verstehen wollen…

    Nur zum lesen komme ich momentan nicht, ich bin gedanklich viel zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt, als mich wirklich auf fremde Gedankenwelten einlassen zu können.

    Ich freu mich für dich, dass deine Selbstständigkeit einen guten Start hatte und wünsch dir weiterhin viel Erfolg und jetzt ein wunderschönes gemütliches Wochenende. 🙂

    Liebe Grüße, Szintilla

    ps. Schönes neues Blogkleid. 🙂

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    1. liebe szintilla
      wie mich deine zeilen grad freuen. ich komme leider fast gar nicht zu besuchen auf andern blogs und das ist schade.
      wie schön, dass du hier ein paar verwandte themen und gedanken findest.
      danke fürs blogkleidkompliment.
      ich strebe nach immer mehr schlichtheit.
      und doch solls schön sein . es ist das neue wordpress 2014-thema.
      auf wiederlesen und herzliche grüsse
      soso

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  6. Liebe Soso, sich in dunklen Zeiten selbst am Schopf zu packen und irgendwie wieder herauszuziehen, kann unglaublich schwer sein. Schön ist es, wenn man jemanden zum Reden hat, der einen versteht und nicht mit Habdichnichtsos ankommt. Es wird immer Schicksale geben, die schlimmer sind, doch das ist kein Trost und hilft nicht weiter. Liebe Grüße
    Petra

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    1. das mit dem eigenen schopf funktioniert fast nie. münchhausen bin ich nicht. drum ist es gut, dass ich liebe menschen habe, die mir ihre hände reichen.
      und ja, es gibt immer welche, die noch schlimmer dran sind. und nein, das ist kein trost. aber eben, wahr ist es trotzdem. nicht alles, was wahr ist, tröstet. aber oft. 🙂
      danke für deine gedanken, liebe petra. sie tun gut.

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  7. …. mein Leben besteht aus Punkten … und erst heute weiss ich, wie oft es immer irgendwie ging … Danke für Deine Texte, liebe SoSo.

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    1. wir pünktlichen aber auch! liebe stefunny, ja, ich weiss es, immer, irgendwie, aber so langsam habe ich von diesem knapp-überleben die schnauze voll und möchte gerne anders leben. nicht nur so haarscharf irgendwie.
      bis dahin mach ich irgendwie weiter und schaue mich um, nach wies und wos und warums … 🙂
      danke für deine zeilen!

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