Von Löchern und Lecks

Vor- und Nachteile einer Krankschreibung gibt es viele. Einer der Vorteile, den ich schamlos genieße und ausnutze, ist, mir Zeit für die weitere Arbeit an meinem Manuskript Loch im Eis nehmen zu können.

Das erste Drittel des Buches ist vorläuftig fertig überarbeitet und auf dem Weg zu oder schon angekommen bei meinen drei Erstleserinnen.

Ich bin nun dabei, den Rest der Geschichte, die ich ziemlich detailliert im Kopf vor mir sehe, seriös auf Papier zu plotten, um mich nicht in den verschiedenen Strängen zu verheddern.

Zum einen begleiten wir Alessa, die Ich-Erzählerin, dabei wie sie ihrer Freundin Christa in einer heftigen Lebenskrise zur Seite steht und zum andern sehen wir, wie Anna, Alessas Mutter, sich mit ihrem nahen Tod auseinandersetzen. Und wir erleben, was für Alessa und Christa besonders herausfordernd ist, Danio, Christas Ex-Freund, dabei, wie er den Halt im Leben mehr und mehr verliert.

Mehr verrate ich für den Moment nicht. Hier noch einen kleine nigelnagelneue Leseprobe:

Sein Leck ist unsichtbar. Darum ignoriert er es. Beweisen kann man so etwas sowieso nicht. Das Leck, das schwarze Loch frisst alles auf. Es frisst das Nichts auf, mit dem er sich füttert. Die Leere. Den Mangel. Es ist über all die Jahre nicht kleiner geworden. Immer ruft es nach mehr. Sein Loch will Liebe, Verständnis, Berührung, Aufmerksamkeit. Doch selbst die beste Speise nährt ihn nicht. Und das Loch erst recht nicht. Alles läuft aus. Alles läuft davon.

Wer das Loch gerissen hat oder woher es kommt, weiß er nicht – nur kennt er das Ziehen, das Reißen und er ahnt mehr als er es weiß; dass es nämlich schon immer da war. Schon so lange, wie es ihm gelingt, sich zurückzuerinnern. Als würde er sich weit aus dem Fenster lehnen und dem Kind zuschauen, dass er war.

Schon immer hungerte das Loch in ihm, danach dazuzugehören, danach nicht so sehr anders zu sein, nicht so sehr zu sein wie er. So? Wie so ist er denn überhaupt und wie viel anders darf einer denn sein, um nicht aufzufallen, um nicht rauszufallen? Eigentlich ist er doch ganz in Ordnung. Vielleicht.

Aber niemand merkt es, weil er unsichtbar ist. Er selbst ist das Leck. Er selbst ist das schwarze Loch. Und wenn er noch so sehr sein Inneres nach außen stülpt um das Loch zu finden und zu reparieren, er findet es nie. Er bekommt es nicht zu fassen, denn das Loch ist ja er selbst.

Und darum, darum wird er nie genug bekommen. Nie genug Liebe. Nicht von ihr. Schon gar nicht von sonst wem. Und darum gibt es nur eins.

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16 Kommentare zu „Von Löchern und Lecks“

  1. liebe Soso, ich habe noch Teile vom ersten Entwurf im Kopf und bin wirklich sehr gespannt, wenn es einmal fertig ist, dein Buch, deine Geschichte, das Loch im Eis …

    herzliche Grüße Ulli

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    1. ich auch – also gespannt. nachdem ich heute den plot mal auf langes papier geschrieben habe (kapitel für kapitel) kommt es mir manchmal soo gross vor, dass ich zweifle, ob ich es je schaffe.
      ich weiss schon gar nicht mehr, wem ich alles ausschnitte zum lesen gegeben habe. falls du zeit und lust hast, kann ich dir den ersten teil mailen … meld dich einfach, falls …
      herzlich, soso

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    1. ähm, ja, und es ist nicht das erste manuskript. teil 2 und drei sind in rohform auch schon geschrieben.
      [aber ich bin einfach noch nie zum fertigmachen gekommen (eine form von selbstsabotage? oder selbstschutz, um mich nicht „sichtbar machen zu müssen“?)]

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  2. Liebe Soso,
    den Plot mal auf ein langes Stück Papier zu schreiben, finde ich eine tolle Idee! Zumindest werde ich das ganz sicher einmal ausprobieren, zu gut kenne ich die Situation, sich immer wieder neu einen Überblick verschaffen zu wollen über das, was bereits geschrieben ist.
    Wir wünschen Dir einfach weiterhin viel Freude beim Schreiben Deiner Texte, die uns sehr ansprechen! Schön, dass wir hier eine Leseprobe erhalten haben …
    Alles Gute für Dich,
    mb (auch von dm, der im Moment leider das Bett hüten muss)

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    1. heute hab ich die notizen noch in eine tabelle geschrieben. die gefahr besteht, dass ich später meine kritzeleien nicht mehr lesen kann.
      danke für deine ermutigenden zeilen, liebe mb. dieter wünsch ich gute besserung [bestimmt genießt er es, umsorgt zu werden ;-)]
      herzlich, soso

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  3. Zur Textprobe möchte ich nichts sagen. Es ist ein Ausschnitt, und da wäre jede Beurteilung eine Anmaßung. Aber mir gefällt der lakonische Stil und das Stakkato der Sätze.

    Zum Schreiben vielleicht noch dies, Irgendlinks Gedanken weiterspinnend: Vielleicht ist das Schreiben selbst das Ziel, und mit dem wachsenden Manuskript bewältigen die (dann) gefundene Form und die (unermüdliche) Bewegung des Ausdrucks die Schwierigkeiten, auch jene des Ankommens, Abschließens, Vollendens.

    Und: Notizen sind gut und hilfreich. Material, das es auszuarbeiten gilt. Sie geben Halt und Struktur. Im besten Fall liefern sie Anlässe, neue und andere Wörter zu finden, auch für schon oder vermeintlich Bekanntes. Man sollte nur nicht an ihnen kleben.

    Aufmunternde Grüße, Uwe

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    1. ganz klar ist das schreiben an sich ein ziel, jaaa.
      und seit anfang haben sich die figuren organisch mit mir verändert und werden es weiterhin tun. das material ist schon jetzt, wo ich es sogar abgeschrieben und ausgedruckt habe, in bewegung – überkritzelt von neuen ideen … so wird das nie was, sag ich mir dann. du wirst nie zufrieden sein, weil immer etwas noch anders sein müsste.
      kleben ist also keine grosse gefahr. es ist eher so, als hätte ich mal die strasse abgesteckt, so ungefähr, und jetzt fahre ich darauf.
      die strasse aber ist breit und wartet mit immer wieder neuen kreuzungen auf. wie im richtigen leben.
      danke fürs aufmuntern und liebe grüsse in den norden 🙂

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