In einem Zug gelesen # 8 – Die Frau im Spiegel

Ich gestehe, dass ich zu jenen Frauen gehöre, die die „Kriminalromane werden vor allem von Frauen gelesen“-Statistik mitbegründen. Nicht nur lese ich tatsächlich viele Krimis, ich gucke auch viele. Bitte fragt mich bloß nicht wieso. Die These, dass Krimis ein Aggressionsabbau-Potential haben, kann ich weder bestätigen noch dementieren. Obwohl … ein bisschen Psychohygiene bewirken sie sicher, diese Mordgeschichten, wenn auch nur im Sinne von: Auch andere haben es manchmal schwer (nein, das ist NICHT zynisch gemeint …).

Aber eigentlich, wenn ich genau hinspüre, geht es mir um die Menschen. Wie verhalten sich Menschen in krassen Situationen? Wie gehen sie mit Unrecht, mit Drama, mit Tod und Leid um? Die Antwort? Immer wieder anders. Und das ist es wohl, müsste ich die Frage nach meiner Krimi-Sucht beantworten, was ich sagen würde: Die Figuren sind immer wieder anders. Und immer geht es um Tod – auf immer wieder andere Art. Ein Thema, das für mich kein Tabu, sondern sehr wichtig ist – schon als Kind – Leben und Tod, um genauer zu sein.

Lange Vorrede, ich weiß, um auf mein aktuelles Zug-Buch einzuspuren. Ich lese Die Frau im Spiegel von Eric-Emmanuel Schmitt. Und nein, das ist KEIN Krimi. Und doch äußerst spannend. spiegel_coverDas Buch greift ein Thema auf, das uns alle – Frauen wie Männer – angeht. Schmitt erzählt von drei sehr unterschiedlichen Frauen aus drei verschiedenen Zeitepochen (Mittelalter, Anfang zwanzigstes Jahrhundert und Gegenwart), die über Umwege endlich zu sich selbst finden.

In jeder Zeit war es schwierig sich selbst zuliebe, gegen den Strom zu schwimmen. Das ist heute nicht anders als vor sechshundert Jahren, als Anne statt der Heirat mit einem jungen hübschen Burschen ein Leben als Mystikerin wählt. Und es ist heute nicht weniger schwer als vor hundert Jahren als Hanna ihren goldenen Käfig verlässt, um Psychoanalytikerin zu werden. Auch Anny, die Hollywoodschauspielerin springt aus dem Karussell aus, um sich auf die Suche nach ihrer wahren Natur zu machen. In vorgefertigten Rollen leben wir alle, auch wenn wir vermeintlich freier als je zuvor leben. Wie oft lassen wir uns von falscher Rücksicht oder Scham bremsen statt auf unsere Intuition zu hören … Oder wir lassen uns von wirtschaftlichen und existentiellen Ängsten ausbremsen. Nachvollziehbar.

Aber. Ja, das ABER und die Frage WIE SONST? taucht in Großbuchstaben vor meinen inneren Augen auf. Ich lasse die beiden ein, füttere sie und lasse zu, dass sie mir in den Ohren liegen. Ob ich ihnen eines Tages antworten kann und Schritte tun – ähnlich wie Anne, Hanna und Anny in Schmitts Buch?

Schmitt erzählt als Mann die Schicksale von Frauen. Kann das gut gehen? Ja, es kann, es tut. Ich bin positiv überrascht. Ein lesenswertes Buch.

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14 Kommentare zu „In einem Zug gelesen # 8 – Die Frau im Spiegel“

  1. der Mensch an sich … die Frau … der Mann …

    das Thema geht wieder um, in der neusten Ausgabe der „Zeit“ gibt es 12 Artikel zu 12 ungewöhnlichen, aber vergessenen Frauen, Mützenfalterin schrieb etwas in ihrem Blog und durch das Großmutterprojekt und -Sein denke auch ich wieder über dieses Thema nach. Mir gefällt, dass du schreibt „vermeintlich“ freier- na klar, sind wir freier, wir können wählen, aaaber es sitzt uns noch so vieles in den Zellen und all das abzuschütteln, zu transformieren braucht seine bzw. ihre Zeit, manchmal fürchte ich, dass meine Zeit nicht reicht, um mich wirklich einmal frei zu nennen …

    ich denke auch über die vielen Schubladen nach, die z.B. damit anfangen, dass wir ständig die Unterschiedlichkeiten zwischen Männern und Frauen unterstreichen, oder betonen, wie hochsensibel, wie begabt etc. wir sind. Ja … wir sind es, andere sind anders, andere sind ähnlich, ich wünsche mir immer und immer wieder Begegnungen in denen man neugierig auf das andere ist, ohne es zu betonen oder betonen zu müssen.
    Nun ja, das sind eben Wünsche – das andere ist die Realität und die scheint nicht ohne Schubladen auszukommen … seufz …

    upps, das war jetzt aber lang

    herzliche Grüße Ulli, die auch immer wieder gerne Krimis liest und anschaut …

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    1. danke für diese weiterführenden weisen gedanken zu meinem, liebe ulli.
      ja, mögen wir uns diese „neugier“ erhalten und den blick differenzieren – trotz der schubladenfalle!
      (habs gut, liebe oma!!! 🙂 )

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  2. Stündlich warte auch ich aufs Omawerden….doch nie würde ich mir die Wartezeit oder sonstige mit dem Lesen oder Schauen von Krimis vertreiben- mit sehr seltenen Ausnahmen. Während meine Schwester so gut wie NUR Krimis liest.
    Mir machen die Szenen Angst, wenn ich denn mal zufällig z.B. sehe, wie jemand in einer Art Sarg gefangen ist, nicht raus kann….und sich so ein Sadistendepp genüsslich drüber beugt- ne, das ist für mich nichts als umsonstene Riesenaufregung mit Herzrasen- und ich kann es so lange nicht vergessen…
    Lässt euch denn das kalt, oder ist es simples Hobby- oder wie hält man sich Mitfühlen und -leiden fern?

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    1. Erste Regel wildgans: Ist nur ein Film. 😉 Zum Anderen gewinnen die Guten soweiso immer. Der Mörder, Entführer etc. wird am Ende immer aus dem Verkehr gezogen.

      Wenn Filme vor lauter Mitfühlen oder Mitleid etc. überschäumen würden, schaut es sich keiner an. Niemand möchte in Filmen das wahre Leben sehen. Die Guten gewinnen immer.

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    2. nein, es ist nicht das nichtmitfühlen, eher das abgelenktwerden von den eigenen gefühlen, was mich geschichten und krimis lieben lässt. ich fühle so sehr mit, wenn ich solche geschichten „konsumiere“, dass ich auch oft weinen muss. warum ich mir das antue? ich weiss es nicht. womöglich, wie gesagt, ablenkung vom eigenen karsumpel?
      vielleicht ist es ein bisschen wie wortman sagt: das wissen, dass am schluss das gute gewinnt, tut einfach gut. und zu wissen, dass es eben nur ein film ist, ebenfalls. das mitfühlen kann und will ich aber beim filmeschauen nie von mir fernhalten.

      mitfühlen tue ich allerdings dennoch viel mehr, wenn ich tagesschau gucke oder zeitung lese, denn dort geht es ja um echte menschen in der echten welt. (… und darum ertrage ich davon nicht wirklich viel.)

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