Der letzte Mann

Das Gewissen ist an allem schuld. Es ist unsere höchste Instanz, denke ich, wie ich am Sonntagabend von Nord nach Süd fahre. Gewoben wurde dieses alles bestimmende Ding-in-uns von vielen verschiedenen Einflüssen und Idealen. Von anderen Menschen. Von Aufgelesenen, Angelesenem, Oktroyiertem, guten und schmerzhaften Erfahrungen …

Nicht nur unser Gewissen ist ein Mix, ein Remix sogar, sondern alles was wir tun. Was wir lassen. Was wir erschaffen. Alles. Ein Zusammenschnitt aus vielen bunten Farben. Recycling at its best.

Aber an allem schuld, was wir tun, ist, wie gesagt, das Gewissen. An meinen vielen Ambivalenzen zum Beispiel (ich fahre ziemlich gerne Auto, finde es aber eigentlich eine große ökologische Sünde. Ich habe es gerne warm, finde aber das Energiethema sehr schwierig, beinahe unlösbar). Das Gewissen trägt erfreulicherweise auch zu vielen Glücksmomenten bei.

Mein Gewissen ist meine innere Landkarte. Mein Schnittmuster. Es bestimmt, dass ich bei einigen Dingen perfektionistisch bin (beim Schreiben zum Beispiel) und bei gewissen Dingen sehr sensibel (Gesichter und Stimmungen von Mitmenschen), während ich bei andern Dingen eher nachlässig (Kleiderstapel im Schrank) oder geradezu blind (Kleider anderer Menschen) durchs Leben gehe. Das arme Gewissen. Das schlechte Gewissen. Aber halt, ich will ihm nicht die Verantwortung für all mein Scheitern in die Schuhe schieben. Ich ahne nämlich, dass ich diese Landkarte in mir drin ganz alleine zusammengemixt habe.

Diese neugekaufte App fällt mir ein, mit dem man Phantombilder bauen kann. Wir haben am letzten Samstag damit Heiko Moorlander kreiert, Irgendlink und ich, jenen Künstler, den Irgendlink als dessen Chronist nun schon seit über zwei Jahren begleitet und über ihn berichtet. Neuerdings steht sogar hin und wieder in der Zeitung etwas über diesen deutsch-amerikanischen Künstler, doch wie er aussieht ahnen wir bis anhin bloß. Deshalb auch unser Versuch, wenigstens ein Phantombild des Künstlers zu erschaffen.

Dass man mit den Apps – einer für Männer und einer für Frauen – auch Phantombilder von Bekannten und Unbekannten machen kann, ist eins. Aber wie sieht es mit Phantombildern von sich selbst aus? Ja, ich habe es ausprobiert. is_it_meGar nicht soo einfach. Obwohl es hundertsechzig verschiedene Nasen und hundertfünfundsiebzig unterschiedliche Augenbrauenpaare gibt, fand ich die Augen (hunderteinundachzig Varianten) am schwierigsten. Die Größe, die Abstände, die Kopfform … wie verschieden, wie ähnlich wir uns alle doch sind (hier als .gif, mit Originalbild kombiniert).

Back dir deinen Mann! – Da gab es doch mal dieses Backset für Singlefrauen. Mit meinen neuen Apps kann ich den letzten Mann kreieren. IMG_6704Von jedem Einzelteil (Augen, Nase, Mund …) nehme ich immer das letzte. Voll easy. Last but noch least. Ich könnte aber natürlich auch den ersten Mann schaffen. Ha! Und die erste Frau.

Auf dem Rückweg durch die Nacht höre ich Musik. Mal schalte ich leiser, mal lauter, mal singe ich lauthals mit, manchmal nicht, mal ist es zu warm und ich öffne kurz das Fenster, dann wieder muss ich die Heizung ein wenig aufdrehen. Wenn ich Durst habe, trinke ich. Für die Lust am Kauen steckt ein Apfel im Rucksack auf dem Beifahrersitz und wenn ich pinkeln muss, halte ich kurz am Waldrand. Kurz: ich reagiere unmittelbar auf die äußeren und inneren Umstände und Faktoren. Geräusche, Temperatur, Hunger, Durst …

mannomann1Wie die Katze, die sich holt, was sie braucht.
Warum nur finde ich es im Alltag so schwierig, genauso achtsam mit mir umzugehen, wie wenn ich Auto fahre?

Auto, so sagte mein philosophisch begabter Fahrlehrer seinerzeit, Auto bedeutet Selbst. Wenn du übers Auto nachdenkst oder davon träumst, geht es immer um dich und dein Leben. Vergiss nicht, du hast alles in dir, was du zum Leben brauchst. Alle Weisheit. Du bist alles. Du bist und kannst vieles.

Und du bist viele – füge ich heute hinzu und zwinkere Pessoa zu.

Damals habe ich zwar mit großen Ohren gelauscht und gut aufgepasst, doch ahnen und verstehen kann ich erst heute – wenn auch immer noch nur ansatzweise.

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Appspressionismus: auf dem iPhone kreiert (mit der App FlashFace kreiert, mit GIMP zu .gif zusammengesetzt). Geschrieben &  hochgeladen ab Laptop

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8 Kommentare zu „Der letzte Mann“

  1. Was es nicht alles gibt!! Staun!!! Ein schöner Artikel über Gewissen und wie man die Zeit so füllt beim Fahren. Lieb Grüß in die Schweiz!

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  2. ein Sosotext, wie ich ihn liebe, der mich mitnimmt durch ihre Gedankenstraßen, auf denen ich selbst ins sinnieren komme und mich frage, ob ich denn auch mein Gewissen selbst gebaut habe, was ich nämlich bezweifel. Ich glaube, dass es mir eingepflanzt wurde und es gab schon viel Arbeit daran es umzuerziehen 😉 und wo es gelungen ist, da stimme ich dir dann wiederum zu-
    einen weisen Fahrlehrer musst du gehabt haben! meiner war einfach nur ein Proll, was war ich froh, als er endlich nicht mehr neben mir saß und ich endlich alleine schalten und bremsen durfte … und so halte ich es auch im Leben gerne, selbst schalten, fahren, brausen, dann bremsen, anhalten, Pause …

    habs fein,
    Ulli

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    1. die aufgaben eines fahrlehrers sind vielfältig. ich denke, er hat in seinen unterricht weit mehr eingebaut als nur gutes autofahren. auch über die lebensfahrt habe ich von ihm viel gelernt und denke immer mal wieder an ihn – dankbar.
      zum gewissen … sicher, es wurde uns eingepflanzt, mit auf den weg gegeben. aber dennoch glaube ich eben auch daran, dass wir wählen, was wir ihm einverleiben. bewusst oder unbewusst, oft genug ohne viel über die konsequenzen zu wissen.
      vieles habe ich schon ausgerissen und vieles wird noch … ich arbeite auch dran – wie du mag ich es lieber, selbst zu schalten. und zu bremsen, auch mich selbst …
      danke fürs kompliment! 🙂

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  3. Ach, das Gewissen. Da könnte ich gleich wieder stundenlang drüber nachdenken und wollte noch mal in meinen Büchern aus dem Philosophie-Studium nachlesen. Aber ich weiß ja, wie das endet … … je mehr ich lese und zu wissen/ahnen glaube, um so mehr bin ich verführt, noch immer weiter zu lesen und zu recherchieren und nachzudenken ..
    Früher ging das. Und heute reicht die Zeit kaum, gewissenhaft allem nachzukommen, was wirklich wichtig für mich und meine Menschen drum herum ist. Gewissensbisse nennt man das, oder?
    Danke Dir für Deine Gedanken, liebe Soso !!
    Herzlichst, mb

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    1. ach ja, diese sich-selbst-in-den-schwanz-beissende schlange – wie gut ich sie kenne. ich danke dir für diesen input und die erkenntnis, dass eigentlicheigentlich alles besser und einfacher wäre, wenn wir dem schlechten gewissen nicht so viel raum gäben. wenn.
      ich danke dir für deine zeilen herzlich, liebe mb, und wünsch dir eine gute nacht!

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  4. „Warum nur finde ich es im Alltag so schwierig, genauso achtsam mit mir umzugehen, wie wenn ich Auto fahre?“
    Die Antwort gibts du ja am Anfang deines Beitrags ja selbst: Es ist das schlechte Gewissen. Nicht dass es die Sache richtig macht, aber wir leiden schon am strengen Blick, woher er auch kommen mag: Mach dich nützlich, gib dein Bestes, enttäusche niemanden, fordere nichts. Damit kann man sich mühelos den ganzen Tag beschäftigen, wenn man nicht gerade Auto fährt.
    Ich fahre übrigens auch gern, und aus dem gleichen Grund wahrscheinlich: Da hab ich keinen Stress. Ich kann genießen, was ich gerade tue, weil niemand von mir verlangen kann, dass ich gerade jetzt etwas anderes tue. Befreiend ist das. Und ein bisschen ballaballa … 😉

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    1. ach, du verstehst mich. genau das ist es wohl: weil ich jetzt nichts anderes kann als das, was ich tue: autofahren. am wohlsten ist mir doch, wenn ich mich auf etwas ohne wenn und aber einlassen kann.
      wenn doch nicht immer dieses talent zur selbstsabotage durchdrücken würde.
      danke, liebe a., für deine zeilen, die mir richtig gut tun!

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