Kleiner Glaubenskrieg am Spieltisch

Spät wars geworden, doch die Spielrunde so spannend, dass an ein Aufhören nicht zu denken war. Gemeinsam hatten wir vorher ein wunderbares Konzert mit Büne Hubers experimenteller Zweitband IMG_6838Meccano Destructif Commando genossen. Nun saßen wir zu viert an meinen Esstisch und spielten Wizard. Ein verflixt magisches Kartenspiel, dass dem Schweizer Jass Differenzeler ziemlich ähnlich ist. Nicht die Kartenwerte, sondern die Stiche zählen, die erreicht werden. Oder besser gesagt, kommt es darauf an, wie genau ich meine Stiche vorausgesagt habe. Für Freundin M. und mich, die wir als Schweizerinnen mit den Jassregeln groß geworden sind, diese sozusagen mit der Muttermilch aufgenommen haben, waren gewisse Regeln keiner Diskussion und Erklärung wert. Farbe bekennen – ja klar, immer! Außer wenn man einen Trumpf hat. Denn – wie beim Jass – kann selbstverständlich ein Trumpf jederzeit ausgespielt werden. Logisch! Und natürlich darf mit einer höheren Trumpfkarte eine vorher gespielte Trumpfkarte gestochen, also übertrumpft werden. So viel zur Ausgangslage.

Unsere Partner auf der anderen Tischseite – mein Liebster aus Deutschland, ihr Liebster aus Frankreich – kannten andere Kartenspiele, andere Spielregeln, andere Modi zum Thema Farbebekennen. Handhabungen, die uns zwei Schweizerinnen nicht mal im Traum einfallen würden. Handhabungen, die es so nicht geben darf. Nein, man darf doch nicht nicht übertrumpfen dürfen, und nein, man darf doch auch nicht keine Trumpfkarte spielen, nur weil man noch die ausgespielte Farbe auf der Hand hat – aber sicher nicht …

Wie an einem Schweizer Stammtisch, wenn eine bodenständige Jassrunde geklopft wird, ging es lange nach Mitternacht am ovalen Tisch laut hin und her … Französisch, hoch- und schweizerdeutsch versuchten wir uns gegenseitig von unseren je verinnerlichten Regeln zu überzeugen … Denn diese waren ja schließlich die richtigen!

Leider schweigt sich das Spielregelbüchlein über genau dieses Thema auf – weil es ja logisch ist, dass man … ja, aber was denn nun wirklich? Und wie? Gibt es denn richtig und falsch? Und müssen wir das Spiel, weil es in Deutschland hergestellt und in USA/Kanada entwickelt wurde, nun nach dieser oder jener Spielart spielen – oder, weil ich es vor zwanzig Jahren in der Schweiz gekauft habe, nach der hiesigen?

Lange Rege, kurzer Sinn: Zu viert beschliessen wir, die noch verbleibenden Runden nach deutsch-französischen Regeln zu spielen. Gar nicht mal so einfach für mich, diese Umstellung! Doch finde ich es immer spannend, über den Gartenzaun zu gucken.

Anderes ist nicht einfach deshalb, weil es anders ist, schlechter. Und nicht alles ist für alle und überall gleich oder richtig,  wie ich es und weil ich es so und so kenne.

Advertisements

8 Kommentare zu „Kleiner Glaubenskrieg am Spieltisch“

  1. Oh ja, liebe Soso, ähnliche „Spieleabende“ habe ich auch bereits erlebt. Allerdings handelte es sich um ein ganz anders Spiel, und es waren nur deutsche Spieler und Spielerinnen beteiligt … … dennoch wurde beharrlich auf die jeweils bekannten und gewohnten Regeln beharrt. 😉
    (Einmal steigerte sich ein guter Freund dermaßen in die Verteidigung „seiner“ Regeln hinein, dass das Spiel beendet werden musste … noch nach etlichen Jahren kam das Thema immer wieder mal auf den Tisch …)
    Ich denke, Ihr habt das doch fein gelöst!
    Herzlich, mb

    Gefällt mir

    1. ich find auch. ich mag diese art auseinandersetzung, wo ich mittendrin merke, dass ich was gelernt habe. bei unserm „glaubenskrieg“ ging es auch immer ganz respektvoll zu. das war fein.
      danke für deine zeilen, liebe mb. 🙂

      Gefällt mir

  2. Darf ich für die nächste Runde helfen: http://de.wikipedia.org/wiki/Wizard_%28Spiel%29

    Regeln sind nur Anhaltspunkte. Was kann man schon regeln im Leben? Nichts. Außer der Einkommenssteuererklärung, und die ist ja auch unmenschlich.
    Ich hab solche Diskussionen immer beim Mühle-Spiel. Da gewinn ich praktisch immer, außer wenn jemand daherkommt und sagt, dass Schnappmühlen zulässig sind. Sind sie aber nicht, denn das ist total doof, der andere hat ja keine Chance mehr. Und da gewinn ich auch meistens nicht. Völlig falsche Regel also. 😉

    Gefällt mir

    1. na klar sind schnappmühlen zuläßig, drum verlier ich bei mühle immer.

      danke! den wiki-link habe ich schon im artikel verlinkt, liebe anhora, aber da steht eben leider auch nichts neues.

      ich spiele/wir spielen die wenigsten spiele exakt nach regel, lieber improvisieren!

      es lebe das selbst-lösungen-finden!

      Gefällt mir

  3. das erinnert mich an einen Spieleabend mit zwei Deutschen, einer Norwegerin und einem Japaner, jede und jeder beherrschte gleich mehrere Fremdsprachen, wir spielten Scrabble und dann gab es eben doch das eine und andere Wort, das nur einer kannte, es war sehr witzig …
    schön ist es, wenn man Regeln als Umrandung anschaut und dann die eigenen zuführen kann … aber das klappt eben nicht mit allen Menschen, wie mb schreibt, das kenne ich leider auch …

    liebgrüß
    Ulli

    Gefällt mir

    1. ja, ihr zwei … regeln als umrandung, das gefällt mir auch. ich nenne es leitplanken und denke dabei auch an den strassenrand als „grenze“. es klappt mit menschen, die ähnlich ticken. da spielen die sprachen letztlich eine untergeordnete rolle, denke ich grad. dafür die chemie eine umso größere … 🙂
      gute nacht und dankeschön für die feinen gedanken!

      Gefällt mir

Kommentare sind geschlossen.