Ausgelesen II. #9 – Der kalte Schlaf

Manchmal habe ich einfach Glück. Neulich surfte ich auf Onleihe, einem eBook-Leihportal, bei welchem meine Bibliothek angeschlossen ist und fand ein Buch von Sophie Hannah. War es der Vorname der Autorin und dessen Ähnlichkeit zu meinem Blogtitel oder war es eher der Titel des Buches – Der kalte Schlaf – der mich angesprungen hat? Neugierig habe ich die Buchinfos geöffnet und Buchzusammenfassung und Textausschnitt gelesen. Beides gefiel mir und darum lud ich das Buch für zwei Wochen auf meinen Reader ein. Und nun, zwei Tage später, habe ich es bereits fertig gelesen. Und das, obwohl das Buch alles andere als leichte Kost ist! Gut, meine Erkältung hat sicher dazu beigetragen, dass ich mir ein paar zusätzliche Lesestunden gegönnt habe … Dennoch. Es ist mal wieder eins dieser Bücher, das mich rundum überzeugt – nicht nur gefallen mir Idee und Plot, sondern eben auch der Schreibstil.

Der britische Humor der Autorin erinnert mich an jenen der genialen schottischen Autorinnen Kate Atkinson und Helen Fitzgerald. Und doch schreibt sie ganz anders ist. Und natürlich kann man auch Atkinson und Fitzgerald nicht wirklich vergleichen, doch allen ähnlich ist eben eine Art Fatalismus, gepaart mit liebevoll-schwarzem Humor.

Hannahs Figuren sind wunderbar schräg und doch so echt, so liebevoll und menschlich, so gut, so böse, so kaputt, so genial, so tolpatschig und so sensibel wie das wirkliche Leben. Irritierend an Hannahs Erzählstil mag sein, wie die Autorin nicht nur immer wieder die Perspektiven wechselt, sondern auch zwei Ich-Erzählerinnen das Wort erteilt.

cover der kalte SchlafDass eine Hypnosetherapie schlussendlich den Schlüssel für zwei Morde und noch mehr Mordversuche liefern würde, hätte Amber auch nicht gedacht, als sie eines kalten Novembernachmittags ihre Schlaflosigkeit behandeln lassen will. Natürlich glaubt sie nicht wirklich an den Humbug und kann es darum nicht so richtig nachvollziehen, was sie davon halten soll, als eine Erinnerung hochsteigt, die sie gar nicht wissen kann. Die Therapeutin, die die Rahmengeschichte-Erzählerin ist und auch von Amber sehr glaubwürdig und mit deren ganzer Skepsis geschildert wird, liefert im Laufe der Geschichte einige sehr spannende Zusammenhänge aus der Psychologie. Sie erzählt über das Wesen von Erinnerungen, wie Verdrängung funktioniert und wie Narzissmus entsteht. Für mich als Nicht-Psychologin klingt alles sehr nachvollziehbar und im Kontext mit der Geschichte auch glaubwürdig, doch was eine psychologisch geschulte Person darüber denken würde, weiß ich nicht. Der Verweis auf eine Liste konsultierter Fachliteratur sagt mir aber, dass die Autorin es sich  nicht leicht gemacht hat.

Sophie Hannah zeichnet ihre Figuren so herrlich lebendig, menschlich und dreidimensional wie ich es mag. Dabei karikiert sie zwar ein klein wenig, ohne dabei aber klischeehaft zu werden. Ich mag vor allem Amber, die mich mit ihrer Art, die Welt zu sehen, ein bisschen an mich selbst erinnert. Wie ich oft genug, stößt auch sie immer wieder auf Unverständnis, wenn sie etwas wahrnimmt, was niemand anders so sieht. Weiter schätze ich die Ausgewogenheit der Erzählperspektiven. Das Ermittlungsteam  der Polizei hat ungefähr gleich viel Präsenz wie die in die Mordfälle verwickelten Personen und die Geschichte entwickelt sich entsprechend vielschichtig. Dennoch sind, wie ich inzwischen erfahren habe, die Polizisten – allen voran Charlie Zailer und ihr Partner Simon Waterhouse  – der rote Faden in den Büchern von Sophie Hannah.

Nun habe ich mir bereits ein weiteres Buch dieser Autorin geliehen. Ein älteres. Ich hoffe, dass mich Das fremde Haus ebenso packt wie Der kalte Schlaf.