Vom Warten

Warten wir nicht immer auf irgendetwas? Wir vielleicht nicht – ich aber auf jeden Fall. Als ich klein war, wartete ich darauf, groß zu werden. Und heute warte ich im Winter darauf dass es Frühling wird. Im Frühling warte ich auf den Sommer, im Büro auf den Feierabend, und am Bahnhof auf den Zug.

warten auf den zugDank der neugekauften App Polamatic (ja, sie macht süchtig, ich gestehe es), macht das Warten wenigstens ein bisschen weniger Kein-Spaß als ohne sie. Dass der Zug eine halbe Stunde verspätet eintrifft, finde ich dennoch ein bisschen lästig. Tatsächlich fällt sogar der Originalzug aus, dafür erbarmt sich der Nächste, eine halbe Stunde später, aller Wartenden – und wird noch voller als voll. Am Anfang stehe ich noch ohne Mantel in der Sonne, doch bald wird es mir dann doch zu kühl. Die letzten Sonnenstrahlen schwinden und endlich kommt unser aller Zug doch noch.

In B. angekommen spaziere ich gemütlich nach Hause, statt mit der Fahrrad möglichst schnell heimzuradeln. Am neuen Hochschul-Campus vorbei. Es ist noch nicht mild. Lauer Frühlingsabend. Kurz nach sieben Uhr. Blütendüfte. Ich knipse ein Mondbild mit Baum und schnuppere an Blüten, mich zum tausendundersten Mal fragend, warum nachts Blüten stärker duften als tags.

Zuhause finde ich meinen Schlüsselbund nicht. Nicht dort, wo ich ihn normalerweise befestige. Ich suche alle Taschen ab. Kein Schlüssel. Bestimmt habe ich ihn in aller Hast im Büro stecken lassen. In der einen Hand die Post, in der andern meine Tasche, dann auf den Zug rennend (der eine halbe Stunde zu spät gekommen ist). Bestimmt steckte er dort und mein Kollege hat ihn beim Verlassen des Hauses entdeckt und auf den Tisch gelegt.

Gut, dass ich einen Reserveschlüssel im Gärtchen versteckt habe. Bloß wo? Huch, er ist weg. Was nun? Mit dem Licht meines Telefons suche ich alles ab. Kein Schlüssel. Aber das kann doch nicht sein? Jemand muss ihn gestohlen haben. Jemand geht tagsüber in meine Wohnung und schaut sich meine Bilder an. Meine Bücher. Meinen Laptop. Ich fühle mich nackt. Sitze auf der Bank in meinem Gärtchen und überlege, was ich tun soll. Zu Freundin T. radeln und dort warten, bis der Liebste kommt? Hoffentlich hat dieser seinen Wohnungsschlüssel im Gepäck.

lieblingsthingsIch sitze und denke. Ich spüre jene Angst, die Menschen kennen müssen, bei denen eingebrochen worden ist. Ich sitze und auf einmal spüre ich den Schlüsselbund an meiner Gurtschlaufe. Ach ja, ich hatte ja gar keine Zeit, den Schlüssel woanders hinzuklemmen als an die Gurtschlaufe! Wie konnte ich das nur vergessen?! Ich hatte ja keine Jacke an und bin gerannt!

Erleichtert öffne ich die Haus- und Wohungstür, doch noch bleibt das Rätsel mit dem verschollenen Zweitschlüssel zu lösen. Später, mit mehr Ruhe und besserem Licht, finde ich auch den gut versteckten Reserveschlüssel und atme beruhigt aus.

Und wenn der Liebste nun auch bald da ist, ist für heute genug gewartet.

Und dann? Fängt dann endlich das Sein an?  🙂

____________________________________

Appspressionismus: Bilder von A-Z auf dem iPhone kreiert (fotografiert & montiert mit den Apps TurboCollage und Polamatic).

Advertisements

7 Kommentare zu „Vom Warten“

  1. Oh ja, manchmal muss man nur aufpassen, dass man nicht irgendwann einmal auf sein Leben zurückblickt und denkt: „Was hat mein Leben ausgemacht? Arbeiten und Warten?“ 😉 Ein schönes Thema – dazu könnte ich auch so einiges schreiben.

    Gefällt mir

    1. oooh, da hast du recht und deine aussage ist berechtigt. ich reflektiere oft, wenn ich warte, wie es mir dabei geht. und ich stelle fest, dass ich die wahl habe. und die heisst manchmal: ich will warten. aber manchmal eben auch nicht … da muss ich dann hinschauen. danke für deinen input, sehr kostbar!

      Gefällt mir

  2. Schön, dass bei Dir alles gut ausgegangen ist: Schlüssel wieder da, keine Einbrecher …
    Mir wurde einmal in meine Ente (2CV) eingebrochen (was nicht schwer ist), die allerdings sogar in der Garage hinter dem Haus stand. Mir ist nur eine alte Kassette mit von mir geschätzter Musik gestohlen worden. Aber das hat gereicht, mir meine Sicherheit über einen längeren Zeitraum weggenommen zu haben.
    Liebe Grüße, mb

    Gefällt mir

    1. wir sind vor jahren in brasilien überfallen worden, ein andermal hat mir ein taschendieb mein portemonnaie geklaut. beides war von schlimmem „angst-nachhallen“ begleitet. zum glück habe ich aber das vertrauen zur menschheit doch nicht ganz verloren. du hoffentlich auch nicht!?

      Gefällt mir

Kommentare sind geschlossen.