In einem Zug gelesen #10 – Zwischen zwei Wassern

Véro und ihr Partner, der Ich-Erzähler, verbringen ihren Urlaub in der Bretagne. Sie pflücken Muscheln auf den Granitfelsen von Feunteun Aod, als unvermittelt eine mächtige Welle vor den beiden aufsteigt und Véro verschluckt. Er überlebt wie durch ein Wunder – und genau das ist sein Problem. neeser_coverDie Verletzungen des Körpers lassen sich kurieren, doch wie lässt sich das Schicksal des Überlebenden annehmen?
Ein Jahr später reist der Erzähler erneut in das kleine bretonische Küstendorf. Er will Abschied nehmen, sich mit dem Meer und sich selbst versöhnen.
Andreas Neeser erzählt eine große, eine wichtige, eine existentielle Geschichte. Ich möchte mit Zitaten Lust auf dieses Buch machen, das mich sehr berührt hat.

„Im Nachhinein ist jedem Verhängnis zu entkommen. Der Konjunktiv schreibt jede Geschichte neu, das Leben hingegen geht nicht in Revision.“

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„Meine Klasse und Max, das wäre eine Konfrontation. Generation Copy/Paste und das lebende Original. Hipness gegen Verbindlichkeit, Bodycare gegen Natürlichkeit, Fastfood gegen Nachhaltigkeit. Übelzunehmen wäre das meinen Teenagern nicht. Wie sollten sie es besser wissen? Junge Menschen, die das zweck- und gewinnorientierte Leben zwingt, sich immer raffiniertere Vermeidungsstrategien anzueignen.“

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„Einen Gedanken, bevor die Welle kam, gibt es nicht. […] So muss es sein, sagte Véro, und wir legten uns ineinander, schmeckten im Mund des andern die faserigen Reste der Krabben. Als ich aus dir herausfiel, war ich nichts mehr, woran ich mich erinnern könnte.
Und dann war die Welle da. Ich hatte sie nicht kommensehen. […] Etwas hatte sie aus dem Meer herausgewuchtet, aufgetürmt unmittelbar vor unserem Muschelfelsen.“

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„Ich hatte mir diesen Moment sehr emotional vorgestellt. Auge in Auge mit dem Lebensretter. Und dann passierte nichts. […] Heute Morgen ist mir erneut bewusst geworden, das der Tod hier draußen immer auch etwas Anekdotisches hat. Man erzählt sich Geschichten vom Sterben, weil sie zum Leben gehören. Doch der Tod, über den gesprochen wird, ist immer ein entfernter Tod. Die Geschichten über das Sterben sind Platzhalter für die Sprachlosigkeit im Eigenen.“

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„Neuerdings schichte ich den Steinhaufen um, wenn ich herkomme. […] Es sind lange Tage hier oben. Nicht immer stehe ich sie durch. Wenn sich alles dreht im Kopf, wenn die Fliehkraft jeden einzelnen Gedanken gegen die Schädelwand drückt, kommen die Kopfschmerzen.“

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„Ich akzeptiere den Tod von Véro, und ich würde gerne auch seine Sinnlosigkeit akzeptieren. Ob ich es kann – ich weiß es nicht. Dass ich letztlich keine Wahl habe, ist mir jetzt klar. Dein Verdienst. Will ich je wieder einen klaren Gedanken fassen können, will ich überhaupt wieder etwas zustande bringen in meinem Leben, dann darf ich die Sinnlosigkeit des Todes nicht mit Sinn füllen wollen. Jede Sinnsuche würde mich von mir weg, aus mir herausführen. Ich muss die Sinnlosigkeit akzeptieren und hinter mir lassen. Einen anderen Weg, der mich bei mir selbst bleiben lässt, gibt es nicht. In mir drin gibt es keinen Sinn. Und einen anderen will ich nicht.“

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„Man funktioniert, man kämpft mit dem Alltag, der keiner mehr ist, und die Wunde frisst sich ein. Das Schmerzloch bemerkt man erst dann, wenn man längst begonnen hat, sich darin aufzulösen. Wenn man nicht trauern kann. Wies soll so etwas zu überwinden sein?“

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Andreas Neeser gehört schon seit langem zu den konstanten, hochinteressanten Autoren in der Schweiz, weil er die Möglichkeiten der Sprache ausschöpft. Seine literarische Arbeit wirkt über die Schweiz hinaus in die deutschsprachige Literatur hinein. Er ist einer der ganz spannenden Autoren, weil er eben nicht einfach den Leuten nach dem Maul schreibt, sondern das tut, was die Literatur kann: Fesseln, nicht nur über den Inhalt, sondern vor allem auch durch die Sprache.
Hardy Ruoss

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12 Kommentare zu „In einem Zug gelesen #10 – Zwischen zwei Wassern“

  1. Hm, ich muss ehrlich sagen, Deine Zusammenfassung hat mir Lust auf das Buch gemacht. Die Zitate dagegen haben es mich wieder von der Liste streichen lassen. Klingt mir zu gestelzt. Aber vielleicht ist das tatsächlich auch eine Frage der Lebensphase. Es gab eine Zeit, da las ich so was

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    1. gestelzt? gar nicht, gar nicht … das mag an der auswahl der zitate liegen, dass du diesen eindruck bekommst. ich finde das buch sehr authentisch. ich spüre seinen schmerz, seine suche, seine sehnsucht – und ich entdecke in vielen aussagen mich selbst wieder und mein eigenes ringen um lösungen, die es so vielleicht gar nicht gibt …

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