bestimmt, aber von wem?

Ich sehne mich nach mehr Authentizität, sinnierte ich heute Morgen, als ich Yoga übte. Kurz vorher hatte ich mich noch gefragt, warum ich mich für Dinge, die ich im Grunde total gerne mache und die ich als sehr wohltuend erlebe, so überwinden muss. Faulheit? Ja, schon, aber das ist nur eine von einer ganzen Anzahl Antworten. Auch Selbstsabotage ist eine davon – obwohl sie natürlich keine ist.

Beim Yoga blitzt auch dieser Gedanke auf: Ich sehne mich nach einem selbstbestimmten Leben.

Doch was heißt das überhaupt? Und wie fremdbestimmt bin ich wirklich, wer bestimmt mich fremd? Gehören meine Zimmerpflanzen und meine GeschäftskundInnen zu den mich fremdbestimmenden Faktoren – oder (falls nicht) deshalb nicht, weil ich mich diese Verantwortlichkeiten selbst ausgesucht habe? Ist meine Arbeitsstelle ein mich fremdbestimmender Faktor, obwohl ich den Arbeitsvertrag freiwillig unterschrieben habe? Ist meine Mietzinsrechnung ein mich fremdbestimmendes Element, obschon ich diese Wohnung freiwillig und gerne bezogen habe? Was genau bestimmt mich fremd, wenn nicht ich selbst in jenen Momenten, wo ich nicht tue, was ich gerade aus Überzeugung hier und jetzt tun will? Ist etwas-tun-sollen schon Fremdbestimmung und wie schlimm ist Fremdbestimmung überhaupt? Fremdbestimmung ist kein Synonym für Verantwortung für etwas zu tragen. Was ist sie überhaupt? Und ist 100%ige Selbstbestimmung überhaupt möglich und erstrebenswert? Freiheit pur? Illusion nur? Wie würde sie in echt denn konkret aussehen?

Beim Weiterkreisen um dieses unfassbare Thema stelle ich fest, dass meine Sehnsüchte nach mehr Selbstbestimmung auf der Ebene des Alltags, der Alltagsgespräche, hängen bleiben, bei der Freiheit des Denkens. Ich fühle mich konkret oft dann unfrei und fremdbestimmt, wenn es darum geht, was ich sagen soll. Wie ich agieren, wie ich reagieren, wie mich verhalten soll. Adäquat. Gruppenkonform. Gesellschaftskonform. Angepasst. Gegen den Strom schwimmend.

Selbstbestimmung hat mit Mut zu tun. Mit jenem Mut, zu sagen, zu tun, zu lassen, zu wollen, was mit meinem Herz synchron ist. Und mit meinem Kopf.

((Aber da fängt auch schon mein Problem an, denn Kopf und Herz sind oft genug nicht synchron. Der Kopf gehorcht anderen Geboten und Mustern als das Herz. Ist mein Kopf eher die objektivere Instanz, will das Herz vom Subjekt ausgehend oft etwas anderes. Die beiden tauschen sich zwar laufend aus und das nicht mal im Streit, aber einig werden sie sich fast nie. Ich stelle ich mir das Ganze zuweilen als eine Art bilaterale Konferenz vor, wo viel abgewogen und argumentiert wird – ohne eine wirkliche Lösung zu finden. Am Schluss hat leider oft der Kopf das Sagen, denn weil er besser argumentieren kann, gibt das Herz meistens nach. Es denkt sich: Was zählen schon Gefühle gegenüber all der klugen Argumente dieses schlauen Kopfes? Synchronisierung ist also nicht wirklich das richtige Wort. ))

Meinen obigen Satz – Den Mut, zu tun, zu sagen, zu lassen, zu wollen, was mit meinem Herz synchron ist – muss ich umschreiben in: Den Mut, zu tun, zu sagen, zu lassen, zu wollen, was mit meinem System synchron ist.

Ist Selbstbestimmung also eine Frage des Mutes? Sicher, aber nicht ausschließlich. Ich denke, wie selbstbestimmt wir leben können, hängt auch vom gesellschaftspolitischen Kontext ab, in welchem wir uns aufhalten. Es ist eine Frage der Prägung auch, wie sehr wir unser Leben selbstbestimmen wollen und können. Und sicher eine Frage der Fähigkeit, uns und unsere Mitwelt in einer reflektierenden Haltung wahrnehmen zu können.

Verhält sich unsere Kompetenz, uns, unsere Mitwelt, unser Verhalten, das Verhalten anderer kritisch und reflektierend wahrnehmen zu können, vielleicht umgekehrt proportional zu unserer Glücks-„Kompetenz“? Je mehr wir uns kritisch mit der Umwelt auseinandersetzen und über sie nachdenken, desto unglücklicher wären wir demnach? Keine Ahnung, ob das so ist. Ich las einst in einer Statistik über Depressionen und Suizide (leider weiß ich nicht mehr, wo das stand), dass der Anteil gebildeter Menschen, die sich das Leben nehmen, ziemlich hoch sei. Das lässt möglicherweise den Schluss zu, dass Menschen, die mehr über das Leben nachdenken als der Rest der Menschheit, eher am Leben verzweifeln. Ist das Glück möglicherweis umso schwerer zu finden, je komplizierter wir das Leben wahrnehmen? [Das sind jetzt aber keineswegs ausgereifte oder gar recherchierte Aussagen, nur so Gedankenfetzen …]

Anders gesagt: Ist zu viel Freiheit und Selbstbestimmung gefährlich – und wenn ja, für wen?

Wie kann ich, wie können wir, in dieser Gesellschaft uns gegenüber treu sein und doch in ihr integriert leben?

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4 Kommentare zu „bestimmt, aber von wem?“

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