Wenn sie wieder Schlange stehen

Wenn die Wörter Schlangen stehen, muss ich alles fallenlassen, was ich tue. Ich muss mich hinsetzen und schreiben. Die Türe aufmachen, sie hereinlassen. Das heißt, ich müsste. Meistens kann ich es nämlich nicht. Was soll ich denn tun, wenn es mir zum Beispiel mitten im Yoga passiert? Wenn die Wörter genau dann, wenn ich im Hund stehe – den Po gen Himmel gereckt –, über mich kommen? Ist das nun Inspiration oder ist es profane Ablenkung, wenn ich genau dann ganze Sätze denke, die meine Protagonistin betreffen, Erkenntnisse mich heimsuchen oder irgendwelche Schreibideen um meine Aufmerksamkeit buhlen? [Ähm, und ist es allenfalls bloße Eitelkeit, die mich zum Schreiben nötigt?]

Kaum. Ich müsste nämlich platzen, könnte ich nicht schreiben. Sogar auf der einsamen Insel, ohne Schreibutensilien, würde ich mir neue Geschichten ausdenken müssen und sie in die Höhlenwände ritzen.

polaroid_00Schreiben als Sucht?! Lesen als Sucht!? Womöglich. Doch was weiß ich schon wirklich über Süchte, außer dass ich süchtig bin? Nach immer wieder andern Dingen und Mechanismen. Und oft haben meine Substanzen keine gesundheitsschädigenden Wirkungen im herkömmlichen Sinn, aber doch bin ich es: süchtig. Ganz besonders bin ich süchtig danach, meinem Denken und Grübeln und Sinnsuchen auf die eine oder andere Art entfliehen zu können.

In einem andern Leben war ich diszipliniert. Sehr diszipliniert. Und sehr kontrolliert. Zugegeben, zweites bin ich noch immer. Aber die Sache mit der Disziplin überzeugte mich je länger je weniger. Wozu soll ich mich abrackern und – nur so als banales Beispiel – jede Woche die Wohnung putzen, wenn es doch im Zwei- oder Dreiwochentakt reicht. Ich trage schließlich Sorge. So und anders argumentierte ich am Anfang noch, um mich selbst zu überzeugen. Heute bin ich es längst. Ja, ich bin überzeugt davon, dass ich Dinge nicht tun muss, wenn ich sie nicht einsehe. Heute brauche ich Gründe etwas zu tun, nicht etwas zu lassen. Aber alle machen es so und so!, reicht mir nicht mehr. Ich will, ich muss die Arbeit verstehen, ihre Verursacher, ihre Ursachen, um mich zu etwas motivieren zu können. Und ich will die Ursachen der Ursachen wissen. Und natürlich auch, warum sie die Ursache der Ursache ausgelöst haben. Doch genau hier scheitere ich ständig. Ich bleibe auf der Strecke, finde selten nahrhafte Antworten. Bestenfalls sind sie vorläufig, abschließend aber nie. Und das zermürbt mich Sucherin. Es ist unerträglich.

Darum brauche ich also jene Dinge, jene Handlungen, jene Suchtsubstanzen. Sie sollen mich ablenken. Sie sollen mich vom eigenen Denken ablenken. Vom Grübeln. Von den Anstrengungen, die das Leben ausmachen (und die mich aus meiner Wohlfühlzone herausschubsen könnten, die ich mir eingerichtet habe).

Auf einmal sind sie da. Sie finden mich immer, die Wörter. Und ich sie. Wir sind schon lange befreundet, doch ich weiß auch, wie verwirrend sie sein können. Eindeutig sind sie selten und fast alle sind ein klein bisschen stolz darauf, dass sie eine ganz eigene Bedeutung haben. Eine, die sie von allen andern unterscheidet. Außerdem spielt es auch immer eine Rolle, wie sie sich aufstellen und wo sie sich hinstellen. Sie spielen Rollenspiele, hat mir einst ein Wort verraten. [Welches verrate ich aber nicht.] Ständig wechseln sie Position, während ich schreibe. Sie lehren mich, genau hinzuschauen, denn die Reihefolge ist alles. Alles.

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14 Kommentare zu „Wenn sie wieder Schlange stehen“

  1. Du hast mir aus der Seele geschrieben. Nur so schön hätte ich es nicht formulieren können, es sei denn, ich wäre grad beim Yoga. Oder auf dem Fahrrad. Im OP.

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  2. das ist doch noch so ein Phänomen, kaum, dass wir z.B. Auto fahren oder in der Wanne liegen oder eben im Schulterstand stehen kommen die Worte, die Sätze zu uns … und gehen eben uch oft wieder verloren, manchmal wiederhole ich in solchen Momenten so lange diese Sätze, bis ich sie einfach nicht mehr vergessen kann, ein anderes mal lasse ich sie gehen, in dem Bewusstsein, dass ja eigentlich nichts wirklich verloren geht, was einmal erschienen ist.

    Ein wunderbarer Text, liebe Soso, bei dem ich aber noch nachspüre, ob schreiben und Wörter fangen eigentlich eine Sucht sein kann oder nicht einfach nur ein Bedürfnis ist …
    wie auch immer noch, ich lese dich nach wie vor gerne …

    nun kann ich zwar kommentieren, aber nicht liken, auch gut 😉
    habs fein, du Gute
    herzlichst Ulli

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    1. besser kommentieren als liken, finde ich. gut, dass du wieder online bist. 🙂 ich habe dich vermisst.
      danke fürs kompliment und das mit der sucht in bezug auf das schreiben, ist ein denkansatz, der auch ein klein bisschen augenzwinkernd gemeint ist.
      atmen ist ja auch keine sucht. schreiben ist für mich wie atmen.
      habs gut – bürogrüessli in den norden!

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    1. bei mir ist es wie ebbe und flut … grad wieder eher flut …
      wobei – ganz ebbe gibts eigentlich nicht. eher halbmast …
      ich danke dir für deine mitfreude und hoffe, dass bei dir auch wieder flut wird … allerliebste grüsse nordwärts 🙂

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  3. Ob es bloße Eitelkeit ist – das frage ich mich auch oft. Wie wichtig nimmt man sich, wenn man glaubt, die eigenen Gedanken / Worte seien es wert, aufgezeichnet zu werden? Ist es wahr, ist es übertrieben; wie groß ist die Selbstüberschätzung, und was macht es mit einem, wenn man dem Drang des Schreibens nachgibt?

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    1. das schreiben der eigenen gedanken ist ja noch eins. aber dann – das teilen? diese angst vor exhibitionismus befällt mich oft. aber ich stelle ja auch fest, dass mir das lesen anderer persönlicher und literarischer texte (wie bei dir zum beispiel) gut tun, mir helfen, die welt umfasseder zu verstehen. mitlesen ist ja immer freiwillig.
      von daher finde ich das blogmedium schon irgendwie genial.
      selbst wenn wir alle, unsere gesellschaft, an selbstüberschätzung krankt, schätze ich doch die möglichkeit des www sehr.
      paradoxon – eins von vielen …
      danke für deine zeilen!

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  4. Oh ich kenne dieses Spiel mit den Wörtern: Sie kommen wie sie wollen und gehen, wenn man nicht schnell genug ist sie zu haschen. Und wir hecheln hinterher, denn manches muss eben aufgeschrieben werden. Das hast du gut eingefangen, ein wundervoller Beitrag! 🙂

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