Zerlegen. Zusammensetzen.

Es gibt da ein paar Apps, die Bilder zerlegen. Allen voran Decim8. Und natürlich Frax und Segmentix. Anders als die üblichen Bildbearbeitungsprogramme zerpflücken sie ein Bild nach bestimmten mathematischen Gesetzen in Einzelteile und setzen sie – Simsalabim – neu zusammen. Du gähnst? Sorry, ich will dich nicht mit technischen Dingen langweilen, doch was ich eben erzählt habe, taugt ganz gut als Metapher.

Ich nehme mich zuweilen zerlegt wahr. In Einzelteile aufgelöst. Sehe nur einzelne Anteile von mir. Wie ich reagiere. Wie ich agiere. Wie ich träume. Wovon. Wie ich leide. Woran. Und warum ich mich verweigere. Oder mich hingebe und wann. Und wem.

Teile von mir. Teile, die manchmal ohne Kontakt und Absprache mit der Zentrale – Herz? Hirn? – handeln. Und das nicht mal unbedingt intuitiv richtig, sondern aus Gewohnheit. Einzelteile, die agieren. Die reagieren.

Das Ganze ist mehr als die Summe ihrer einzelnen Teile. Nicht neu. Aristoteles hat schon begriffen, dass – außer in der Mengenlehre – nicht das bloße Zusammenfügen von Dingen etwas zu einem Ganzen macht. Dass das Ganze eben nicht identisch mit Summe ist. Auch Decim8, das auf geniale Weise ein Bild in seine einzelnen Teilchen zerlegt und neu zusammensetzt, kann mir nicht dabei helfen, ganz die zu sein, die ich bin.

Zufällig habe ich heute morgen einen Schnappschuss von mir gemacht, als ich diese App (Decim8) für die Bearbeitung eines andern Bildes öffnen wollte. Aus lauter Spaß habe ich das grimassierende Selfie darauf ein paar Mal durch die besagte App genudelt, mit andern Apps nachbearbeitet und ständig die Frage im Kopf gedreht, was eigentlich ein Selbstbildnis über mich aussagt. Wird es anderen je zeigen können, wie ich mich fühle? Wie ich mich wahrnehme? Ist es nicht auch bloß ein weiteres dieser Teile meiner Selbst? Und wer oder was bin ich überhaupt …? IMG_8774Kann ich mich je, kann jemand mich je als Ganzes wahrnehmen?

Das Ganze? Das wäre ja nur unter Einbezug meiner Mitwelt wahrzunehmen … Jedenfalls annähernd. Ich kann einen Menschen nur erahnen, wenn ich ihn in seiner Umgebung erlebe. Wie ein Mensch mit Tieren umgeht, sagt ebenso etwas über ihn aus als auch wie er Pflanzen behandelt. Oder wie er sich fortbewegt. Wo er Pause macht. Was er isst. Wie er trinkt. Worüber er stolpert.

Ja-ja, ich schweife ab. Über die Zerlegung wollte ich mich auslassen. Und dass Zerlegung und Zusammenfügung zentrale Elemente unseres Alltags sind. Wenn ich mich nicht immer wieder zerlege und von meinen Mitmenschen zerlegen lasse, laufe ich Gefahr, zu stagnieren.

Letzten Sonntag – unterwegs mit Irgendlink über Wiesen und durch Wälder – sprachen wir über die Fallgruben des Alltags und des Lebens …
Am schlimmsten, sagte ich, am schlimmsten finde ich, wenn wir aufhören, uns zu bewegen. Nicht unbedingt von Ort zu Ort, aber in uns drin. Wenn wir stagnieren.

Heute, wie ich hier sitze und diese Zeilen hacke, hallen diese Worte in mir nach. Und ich begreife auf einmal, warum ich als Kind den folgenschweren Satz aussprach, dass ich nie in einem Haus wohnen wolle, wenn ich groß sei.
Ich will immer in Wohnungen wohnen, dann kann ich immer den Ort wechseln, wann immer ich es will, schwor ich mir. Wie alt war ich da? Vielleicht elf oder zwölf? Aufgewachsen in einem Einfamilienhaus an einer kleinen Einfamilienhaus-Wohnstraße in den Siebzigern. Eine Kindheit mit viel Natur. Mit Wald in der Nähe. Mit Garten. Mit Spielkameraden in der Straße. Und mit einer subtilen Ahnung davon, was Stagnation mit Menschen macht. Mit meiner Mutter vor allem. Mit meinem Vater auch, aber weniger.

Heute könnte ich mir durchaus vorstellen, in einem Haus zu wohnen, denn ich habe die Mechanismen der Stagnation durchschaut und laufe wohl nicht Gefahr, ihnen zu erliegen. Dennoch war jeder meiner über zwanzig Umzüge ein heilsames Abenteuer der Zerlegung meines Lebens. Eine Fragmentierung. Ein Chaos.
[Oops, mein Mailprogramm bimmelt. Die Adressänderung einer Freundin, die im Kistenchaos sitzt und in ein paar Tagen umzieht.]

Das wichtigste am Prozess der Selbstzerlegung ist die Erkenntnis, dass wir ihn als vorläufig begreifen. Dass er übergeht in eine kreative Phase der Neuordnung. Und dass auch diese nur vorläufig ist.

Ordnung muss man machen, Unordnung kommt von allein. Shit happens. Ausgleich gibt es immer nur für den Bruchteil einer Sekunde. Dann bricht die Welle und das Wasser fällt. Und die Schaukel baumelt auf die andere Seite zurück. Das Gesetz der Schwerkraft macht auch vor immateriellen Prozessen nicht Halt.

Wie viel, wie wenig, kann ich die Neugestaltung meines Lebens wirklich beeinflussen? Mehr als ich bisher dachte, vermutlich. Aber auch weniger als ganz und vollständig. Denn da sind so viele Einflüsse, die mitwirken. Nicht nur die Gesetze der Mathematik, denn das Leben hat mehr zu bieten als Nullen und Einsen.