still

Alltag ist Reizüberflutung. Ich aber sehne mich nach leeren Herzräumen. Nach leeren Sinnen, die ganz ohne Reize wahrnehmen dürfen, was ist. Was ist? Ist denn nicht alles, was ist, irgendwie ein Reiz für die Sinne oder wäre allenfalls eine weiße Wand die Lösung? Das Dunkel der Nacht oder ein leeres Notizbuch womöglich? Oder ein leerer Zug? Eine leere Straße? Nein, auch sie sind alle nicht ohne Reize. Und auch nicht ohne Reiz, aber wohl ohne Reizüberflutung. Die Dosis macht das Gift.

Leere Räume mag ich. Zumindest, wenn die Leere des Raumes meine Phantasie anregt. Aha, das haben wir es! Das ist es, was Leere und was Stille sollen: meine eigene Fülle wecken, den eigenen Schatz öffnen.

Einen Reiz nehme ich als wohltuend wahr, wenn er das, was ist, nicht überdeckt, sondern entwickelt, auspackt. Wenn beispielsweise ein Duft mich nicht abstößt, sondern in mir drin Türen öffnet.

Neulich hat Sherry über einen Duft geschrieben. So anschaulich, dass ich ihn mit meinen eigenen Sinnen wahrnehmen wollte. Und darum das erste Mal in meinem Leben eine Parfümerie betrat. Die Verkäuferin mittleren Alters überraschte mich positiv. Nicht nur wusste sie sofort, wo Rosabotanica steht, auch wusste sie vieles über die Wirkung von Düften, so dass wir bald in ein anregendes Gespräch über Farben und Gerüche vertieft waren. Sie füllte mir ein winziges Fläschchen mit Rosabotanica ab, damit ich herausfinden kann, ob es allenfalls mein Duft ist. Ja, ich mag den Duft. Ja, was Sherry über ihn geschrieben hat, kann ich nachvollziehen. Aber nein, ich glaube nicht, dass es mein Duft ist. Er löst bei mir zwar Vertrautheit und Geborgenheit aus. Neugier und vielerlei Wohlgefühle. Aber es ist nicht der Duft, der sagt: Da, riecht, das bin ich.

Ich stelle mir vor, dass es für jeden Menschen eine Art Heimatduft gibt. Im neulich hier vorgestellten Buch, Die Frau, die nie fror, findet Pirio, die Hauptfigur, etwa zwanzig Jahre nach dem Tod ihrer Mutter, die eine Meisterin der Düfte war, ein Fläschchen mit den einmaligen Duft ihrer Mutter, dessen Rezeptur mit ihrem Tod verschwunden war. Dieser Duft erweckt in Pirio vieles wieder zu neuem Leben: Erinnerungen, Farben, Erlebnisse.

Ich stelle mir also vor, dass auch ich einen Duft habe, der meine Identität prägt, meine Persönlichkeit ausdrückt. Vielleicht denke ich das, weil ich fast alle Menschen, die ich kenne, in Farben wahrnehme. Und weil für mich fast alle Farben einen eigenen Geschmack oder einen Geruch haben. So ähnlich stelle ich mir jetzt vor, dass eben auch jeder Mensch eine Art Duftidentität hat. Ob das nun ein Parfüm ist oder einfach der Duft der Haut, ist nicht entscheidend, nur, dass wir ihn zulassen. Dass wir uns zulassen.

Ich stelle mir vor, dass wir Menschen dieser doch recht exhibitionistischen Gesellschaft uns deshalb so sehr auf die eine oder andere Art auszudrücken bestrebt sind, weil wir mit unserer inneren Leere nicht klarkommen, will heißen, weil wir den Zugang zu unseren Sinnen und Schätzen verloren haben. Und ich ahne, dass wir deshalb so sehr dran sind, uns selbst zu finden, zu werden, zu sein, weil wir irgendwo unterwegs verlernt und vergessen haben, uns zu lieben, zu spüren und zu wissen, was wir brauchen. Und wie wir eigentlich wirklich sind.

So füllen wir diese Leere in uns, die der Raum für unsere eigenen Bilder wäre, diese Leere also füllen wir mit Schall und mit Rauch. Mit klugen Sätzen und mit hohlen Phrasen, mit Rollenspielen, mit käuflichen Dingen.

Einzig um die Stille in uns nicht zu hören und die Leere nicht zu sehen.

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10 Kommentare zu „still“

  1. ein vielschichtiger Text ist das, den du uns hier präsentierst, liebe Soso … da wäre einmal die Geschichte um den Duft herum, ich habe mich schon oft gefragt, ob sich so viele mit einem bestimmten Duft umhüllen, um von ihrem eigenen abzulenken? Viele mögen sich vielleicht nicht riechen? Die Wissenschaft sagt ja, dass es der Duft des Anderen ist, der die Liebe, die Anziehungskraft weckt.

    So, wie wir modernen Menschen uns von einer Attraktion zur nächsten hangeln, bleibt wenig Raum für das Eigene, das sich oft nur in der Leere und der Stille wirklich zeigt … aber genau diesen Raum brauchen wir doch, den der zwischen Ein- und Ausatmung ist, der zunächst leer ist und dann, wenn wir in diese Leere eintauchen sich plötzlich entfalten kann und zeigt was wirklich darin wohnt!

    danke für deinen Appell nach mehr Stille und Leere
    liebe Grüsse Ulli

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    1. duft als ablenkung vom eigenen versus heimatduft als spiegel und ausdruck der eigenen persönlichkeit … das ist die frage, über die ich auch nachdenke. die ablenkungsdüfte empfinde ich laut und schrill, die heimatdüfte als stimmig und sinnlich – grob gesagt.
      ich erlebe düfte manchmal auch als schutz – im positiven und im negativen sinn (rauchwolke um einen menschen z. B. = komm mir nicht zu nahe).
      ich geniesse grad, dass ich stille und leere tage mit dem liebsten „füllen“ darf, unserer eigenen fülle raum gebend.
      danke dir für die anregenden gedanken!

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  2. Ein guter Text. Ich mag künstlerische Arbeit, weil ich merke, was aus dem Kern zu holen ist- Leere- ein Nichts-oder Farbigkeit und Lebendigkeit. Deswegen gehe ich da auch ohne Plan vor, weil mir sonst die Möglichkeit fehlt, etwas über mich zu erfahren.

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    1. ja, genau, diesen aspekt habe ich auch gemeint in meinem artikel. danke fürs kompliment und für deine erzänzung.
      habt es gut, ihr zwei … lg aus w von uns beiden …

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  3. Ohne immer wieder auch Räume der Stille oder stille Räume zur Verfügung zu haben (oder zu finden), würde ich vermutlich ein wenig durchdrehen. Manchmal erlebe ich das als Defizit und staune über die Belastbarkeit anderer Menschen. Schön, liebe Soso, wie Du hier darüber geschrieben hast.
    Danke und liebe Grüße, mb

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    1. mir gehts auch so, wenn ich mich mit andern vergleiche. dann aber denke ich: ich bin eben so. und das ist okay. oder sogar gut. ich würde nicht nur ein wenig durchdrehen.
      wie froh ich bin, andere zu kennen, die ebenso feinhäutig sind wie ich – dich zum beispiel! danke!!

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