Wir bewegen uns in Japan

Den heutige Beitrag zu Geschichten von unterwegs hat Christian Popp verfasst.

Bereit für eine Reise mit ihm durch Japan?

+++++++++++++++++

Wir sind zu Fuß unterwegs, mit dem Zug oder mit dem Bus oder Taxi. Zu Fuß finden wir nicht immer gleich, was wir suchen, denn in Japan haben nur manche Straßen einen Namen. Wenn die Straße oder Haltestelle einen Namen hat und er steht auch noch auf einer Karte, fühlen wir uns als Analphabeten. Und doch ist es schön zu Fuß unterwegs zu sein. Besonders in Fukuoka genießen wir die Ampeln, bei Grün erklingen bekannte Melodien. Bei Mozart überqueren wir eine große Kreuzung.

Wir sind sicher, denn an jeder Baustelle wird uns von wenigstens einem, meist zwei Winkern der Weg gewiesen. Diese Sicherheitsfachleute haben rot leuchtende Westen und Leuchtstäbe wie Laserschwerter. Unterwegs trinken wir kalten Grüntee aus dem Automaten und manchmal Melonenlimonade, kalten Kaffee, oder Match – einen Energiedrink. Wir trinken aus und wissen nicht wohin mit der Dose oder Flasche, Mülleimer sind selten. Wir wissen wohin mit der vollen Blase, denn Toiletten sind häufig und sauber.

Wir benutzen die Bahn, den Shinkansen oder einen Expresszug. Die Expresszüge fahren unruhig, denn die Spur ist schmal, das erschwert den Klogang erheblich. Die Shinkansen sind schnell und bequem. Innen wie außen gleichen die Schnellzüge einem Flugzeug. Wie bei einer Concorde hat der Triebwagen eine lange Schnauze, damit wird der Tunnelknall vermieden und in Japan gibt es viele und sehr enge Tunnel. Der Zug zittert, wenn er in den Tunnel eintaucht. Die Shinkansen sind pünktlich, ein Zugführer muss sich schriftlich erklären, wenn er sich um mehr als 15 Sekunden verspätet. Alle Shinkansen in Japan zusammen verspäten sich um weniger als 5 Minuten am Tag. Gibt es einen einzigen ICE der sich nur um 5 Minuten verspätet? Man stelle sich den Aufwand vor, wenn sich deutsche Zugführer für ihre Verspätungen rechtfertigen müssten. Unser Shinkansen nach Hiroshima hat 60 Sekunden Verspätung, diese Fahrt kostet den Zugführer vermutlich die nächste Beförderung. Die Shinkansen sind schnell, sie benutzen ihr eigenes Schienensystem und halten fast nie. Wenn sie halten, dann nur kurz, zum schnellen Onboarden muss man am richtigen Waggon stehen. Wir fahren vorzugsweise das Modell N700, die aktuelle Generation mit Neigetechnik und einem Interieur der 90er Jahre. Sie sind sicher. Einer ist mal entgleist, doch da war gerade Erdbeben, eines, das auch einem Atomkraftwerk Schwierigkeiten machte.

Schaffner im Zug sind sehr freundlich, bevor sie den Waggon wechseln, drehen sie sich nochmal um und verbeugen sich vor den geschätzten Fahrgästen, auch wenn diese alle mit dem Rücken zu ihm sitzen. Schaffner sind Männer, Frauen servieren Getränke und kleine Speisen, sie sammeln den Müll ein.

Wir benutzen Busse und in Nagasaki und Hiroshima die Straßenbahn. Bei unserer allgemeinen Sprachlosigkeit zählen wir immer wieder Stationen durch. Wir fragen den Fahrer, wo wir sind oder wo wir aussteigen müssen, er nickt und wir denken – hat er auch verstanden? Haben wir verstanden? Spricht er gerade Japanisch oder Englisch? Straßenbahnfahrten kosten 120 Yen fix, das ist gut.

Wir fahren Taxi, Toyota Crown oder einen Nissan Crew. Autos im Design der frühen 80er Jahre, die es wohl nie bis nach Europa geschafft haben und so robust sind, dass sie niemals sterben. Das Alter der Taxifahrer passt zum Kraftfahrzeug. Die Fahrer sind elegant, sie tragen Schirmmütze und weiße Handschuhe. Ich denke auch, die Taxifahrer fänden Straßennamen oder Hausnummern toll. Ich wüsste gern, wie die Navigationssyteme hier funktionieren. Die Taxis sind gelb, schwarz oder weiß. Unter den Luxusautos ist weiß die populärste Farbe. Deutsche Autos werden also meist in weiß geordert, und mit vier Auspuffrohren. Wenn schon ein deutsches Auto, dann mit allen Extras, dem großen Motor und am besten von AMG, bei den Einfuhrbeschränkungen fallen die Kosten für Extras nicht ins Gewicht. Das macht Japan zu einem attraktiven Gebrauchtwagenmarkt, wenn man einen wirklich seltenen und unverbastelten Youngtimer sucht, obwohl das Lenkrad auf der falschen Seite ist. Und was in Deutschland schwarz bedeutet, ist in Japan weiß, die Farbe der Trauer. Ist es deshalb die häufigste Autofarbe? Weiß, habe ich gelesen, bedeutet auch Macht und Männlichkeit, denn die Unterwäsche der Samurai war weiß. Das erklärt selbstverständlich viel. In Japan fahren also japanische Autos. Besonders Suzukis Wagin R, oder ähnliche Modelle, passen in die kleinen Parklücken. Diese „Kei Cars“ werden dann aufgepimpt, dann sehen sie von außen böse aus oder innen wie eine Disneyphantasie.

Eine Woche werden wir uns noch in Japan bewegen und ich bin schon gespannt auf die U-Bahn in Tokyo, mal sehen, ob wir noch reinpassen.

© für Bild & Text: Christian Popp | 2013

Advertisements