Ganz ehrlich? Oder eine Art Credo.

Ganz ehrlich – das Älterwerden macht mir Angst. Früher, als ich dachte, ich werd‘ keine fünfzig, so wie ich lebe, war alles anders. Ich musste mir weder um Altersvorsorge noch um Falten Sorge machen. Ich würde schließlich vorher sterben. Gut so.

Nicht, dass ich mir Sorgen um Falten mache, um Altersvorsorge auch nur minim, doch heute, acht Tage bevor ich mein fünfzigstes Lebensjahr antreten werde und die neunundvierzigste Runde vollende, stelle ich fest, dass ich trotzdem Angst vor dem Altwerden habe.

Nein, nicht das Älterwerden an sich macht mir Angst, nicht die Jahresringe … Mehr ist es wohl die zunehmende Erkenntnis, wie diskrepant Realität und Illusion sind. Mein Bild davon, wie Altsein sein müsste, ist bestenfalls in mir drin. Echte Vorbilder habe ich kaum. Im Gegenteil, ich sehe und höre davon, wie hässlich mit alten Menschen umgegangen wird. Und ich ahne, wie viele Menschen im Alter allein sind.

Ich neige dazu, Leid zu sehen, zu spüren, zu ahnen, wo keins ist, denn letztlich weiß ich nicht, woran andere leiden. Daher kann ich eigentlich nur von mir auf andere schließen. (Und das ist wohl kaum das, was Empathie wirklich meint?)

Wie gerne würde ich andern ihre Lasten und schwere Erfahrungen abnehmen, doch ich ahne, dass ich das nicht wirklich kann. Nein, abnehmen kann ich niemandem etwas, aber vielleicht kann ich sie da und dort dem einen oder andern Menschen, Baum oder Tier ersparen, in dem ich dazu beitrage, dass schlimme Erfahrungen gar nicht erst gemacht werden müssen.

Ich will, dass niemand leiden muss. Und auch ich will nicht leiden. Den Sinn von Leiden habe ich noch immer nicht verstanden. Dass Leid adelt, ist Bullshit. Niemand ist zum Leiden geboren. Weder zum Leid an körperlichen Schmerzen noch an Grausamkeiten anderer.

Ich glaube, dass das Leben dazu da ist, das, was in uns ist, zu entwickeln. Den Kern, den Samen, zur Reife zu bringen, einen Kreis zu vollenden. Aus einem Apfelkern wächst kein Elefant, eine Gitarre ist keine Thailänderin und ein Kind mit Downsyndrom ist kein Mammutbaum. Aber ich bin ich, du bist du und die Kuh macht muh.

Ich habe Angst, sagte ich, Angst vor dem Älterwerden. Ja. Ich habe insbesondere Angst davor, mich zu verlieren, bevor ich weiß, was und wer und wozu ich wirklich bin.

Ich will bis am letzten Tag meines Lebens die fließenden Asanas des Sonnengrußes üben können. Wenn ich will. Ich will so schmerzfrei und gesund wie möglich, ich will achtsam und bewusst alt werden. Ich will das Leben als Geschenk betrachten, auch wenn der Radius womöglich immer kleiner wird, den ich aus eigener Kraft begehen kann. Ich will das Altwerden als ein In-die-Mitte-gelangen erfahren.

Ich will bei Verstand bleiben. Ich will meine Wahrnehmung behalten und ihr trauen, bis ich sterbe. Ich will in Verbindung mit lieben Menschen alt werden.

Und vor allem eins will ich: Mich und andere lieben bis zum letzten Atemzug.

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10 Kommentare zu „Ganz ehrlich? Oder eine Art Credo.“

  1. das sind feine Vorsätze fürs Alt-werden!
    Ich habe in den letzten Jahren viele fitte Menschen über 70 kennenlernen dürfen, nicht, dass sie nicht auch vom Zipperlein hier und da gezwickt werden, das nicht, aber sie sind wach im Geist geblieben und haben Freude als Überschrift über ihr Altwerden und ihr Leben geschrieben, sie geben weder sich selbst auf, noch lauschen sie den vorgestanzten Meinungen vom ALTWERDEN, SIE FOLGEN EINFACH NUR WEITERHIN SICH SELBST- (upps, das war keine Absicht, aber ich lasse es jetzt mal so stehen)
    aber ich glaube auch, dass es nicht ohne unser Zutun geht, soll heissen, dass der Körper, unser Haus, gepflegt werden möchte, er lohnt es, wenn wir uns gesund ernähren und ihn bewegen, wenn wir ihn nicht über die Masse strapazieren, aber das sind auch schon wieder Luxusartikel in einer Welt, die viel von uns fordert, trotzen wir diesen Forderungen und pflegen wir unsere Lachfalten 🙂

    herzliche Grüsse Ulli

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    1. ich hoffe, dass wir wirklich so alt werden können. weil … wir haben ja den luxus, dass wir denen vor uns besser zuschauen können, als die vor uns ihren vorfahren. wir haben mehr zeit und mehr möglichkeiten, denk ich mal. unser luxus ist vielleicht auch eine art verändertes bewusstsein oder zeitgeist? ach, ich weiß auch nicht so genau … die angst ist trotzdem da, immer mal wieder. vor demenz, vor krebs zuweilen, vor schmerz vor allem …
      aber ich versuche, mit bewussten gedanken, wie diesem artikel, den ängsten entgegenzuschauen, in die augen zu schauen sozusagen.
      danke für deine zeilen! 🙂
      ps: ich mag lachfalten sehr!

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  2. danke dir für deine gedanken. eineR (luisa?) hat mal gesagt, wo die angst ist, da geht’s entlang. also ab 50, 40, 30 … auf direktem weg ins alter? 😉
    ich meine, dass leid zum leben gehört wie krankheit, gesundheit, geburt oder tod . wir leiden immer wieder mal an etwas. nur sollte es halt nichts bleibendes sein. vorüberwehen nur.
    so wie die christlichen herren leiden interpretiert haben, kann und will ich es auch nicht nachvollziehen.
    jahrhunderte waren als begriffe in schule und geschichtsstudium gängig. jedoch nie spürbar. für mich war es in den tagen vor und nach meinem 50. burtseltag so, dass ich das erste mal fühlen konnte, was mit „ein jahrhundert“ gemeint ist. als wäre der begriff aus meinem kopf in meinen körper gerutscht. eine sehr angenehme und willkommene erweiterung.

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    1. dass leid zum leben gehört, kann ich schon bejahen, liebe a., aber dass leid „sein muss, um“, glaube ich nicht. leid ist teil der vergänglichkeit, teil des materie-seins, teil unserer Veranlagung, uns an dinge zu klammern – das ist jedenfalls meine Theorie. aber am leid ist nichts, das es zu beschönigen und zu veredeln gäbe. es ist einfach teil der Natur des lebens. nicht mehr und nicht weniger.
      das mit der angst könnte gut von luisa sein, ich meine mich zu erinnern, ja. und ich weiss auch, dass ich noch viel zu viel von ängsten gesteuert bin. aber die erkenntnis ist doch schon ein erster schritt in die andere richtung … hoffe ich. wie auch immer … es ist ja auch nicht nur angst, ein bisschen freue ich mich auch. und ich hoffe, eine tolle alte zu werden, vielleicht auch ein bisschen eine weise alte. das wäre schön!

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  3. Hallo Soso, bei Verstand bleiben… da denke ich auch oft dran. Wenn Du beim Lesen meines Blogs denkst: jetzt hat sie echt den Verstand verloren, lass es mich wissen, vielleicht helfen dann noch Pillen.

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    1. die Idee ist mir noch nie gekommen, bis jetzt habe ich dich immer gut verstanden … 🙂
      das machen wir so, aber nur wenn du mir auch sagst, wann es zeit für die pillen wird, abgemacht? 😉

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    1. das leben nicht bestehen zu können ist eine meiner urängste. und auch ich werde trotzdem älter – und lerne täglich ein wenig dazu, wie ich mit meinen monstern leben kann.
      danke für deine zeilen, für deinen input!

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