Über die Enden

Viele Enden habe ich schon in meiner Sammlung. Enden von Arbeitsstellen, letzte Tage in Wohnungen, letzte Tage von Ferienreisen, Enden von Beziehungen, Liebesgeschichten und Blumensträußen.

toteRose_wzDie letzten Tage naher Menschen auch – Mutter, Vater, Sohn. Dann die Enden von Büchern, Musikstücken und Filmen. Und von Texten, die ich selbst geschrieben habe.

Doch selbst nach so viel Erfahrung mit Enden bin ich immer zuerst hilflos. Nein, an Enden kann ich mich nicht gewöhnen, oder zumindest nicht an die Löcher, die sich jeweils mit ihnen in mir auftun. Löcher ohne Brücken.

Aber immer auf Vorrat Brücken mit mir herumtragen, nur damit ich im Notfall gewappnet bin, wenn das nächste Ende kommt, will ich nicht. So bleibt mir nichts anderes als warten, bis sie langsam zuwachsen. Ballast habe ich eh schon genug. Sogar (zu) viele Wörter schleppe ich mit mir herum. Wörter, die keinen Sinn ergeben, solange ich sie nicht ausgespuckt habe.

Ob sie danach noch immer Ballast sind, kann ich nicht sagen. Oder sind sie neue Anfänge, sobald sie aufgeschrieben sind – von mir, von andern? (Und spielt es überhaupt eine Rolle, wer die Wörter aufschreibt, an denen ich kaue?)

Dort drüben, jenseits der Brücke, die es mir diesmal aus Wörtern zu spinnen gelungen ist, lauern sie, die neuen Anfänge. Das weiß jedes Kind, denn jede Brücke ist eine Verheißung. Eine Verführung vielleicht. Drüben ist es anders, ist es drüben besser gar? (Was die Frage impliziert, ob ich über die Brücke gehen soll. Lohnt es sich, dieses Ende hier, so sehr, dass es den neuen Anfang rechtfertigt? Aber was sonst? Denn so weitermachen kann ich schließlich nicht, oder?)

Fragen wogen auf und ab. Wellen im Fragenmeer.
Flut. Ebbe.
Manchmal ertrinke ich.
Manchmal finde ich ein Stück Treibholz und ertrinke diesmal nicht.
Manchmal finde ich sogar ein Ufer.

Schon wieder ein neuer Anfang.

Ja, ich kann sie gut, die Enden, auch wenn sie mich hilflos machen. Und leer. Paradox, ja, und auch die Sache mit den Brücken ist suspekt. Vielleicht klappen sie, wenn ich mittendrin stehe, hoch und lassen zuerst einmal die Schiffe passieren, auf jenem Fluss unter meinen Füßen, der Anfang und Ende verbindet und den Weg zum Meer weiß, weil er ihn ist.

(écriture automatique, 3.6.14, überarbeitet)

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8 Kommentare zu „Über die Enden“

  1. liebe Soso, was für ein feiner Text! Und was für ein grandioses Bild dazu … hier die begeisterung, da die Betroffenheit, das Nachspüren, ja, Enden kann ich auch gut, die Neuanfänge sind nicht immer so zauberhaft und geheimsnisvoll, wie uns dies die Dichtung verheisst, sie verschweigt den Bammel, ob auch dieses Mal alles gut geht, ob auch dieses Mal die Brücke trägt, hin ins neue Land, das dann doch schon bald nicht mehr ganz so neu ist, weil das Alte mitkommt. Wie fein es doch wirklich wäre all diese Vergangenheit einmal abzuwerfen und wie ein Kind, das gerade die Welt entdeckt wirklich Neues erobern zu dürfen …
    ich drücke dir auf alle Fälle die Daumen und wünsche dir vor allen Dingen grünes Land, jenseits der Brücke …
    Ulli

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    1. oooh, danke für deine zeilen. ja, die neuanfänge haben zwar ihren zauber … aaber … die kluft zwischen ende und anfang ist, wie geschrieben, für mich immer sehr herausfordernd. danke für deine gute wünsche, die ich sehr gerne in erfüllung gehen sehe. bei dir und mir und uns allen.
      herzlichst, soso
      ps: mail folgt, bin auf dem berg 🙂

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