Spazierensehen

Heute darf ich mit euch eine noch unveröffentlichte Geschichte von unterwegs teilen. Geschrieben hat sie Uwe Heckmann, dessen Bilder einige von euch von Pixartix und von seinem Blog kennen.

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Ach, dieses Gehen auf den Straßen der Stadt, wie es mich ablenkt und unterhält, abstößt und dann wieder mitreißt in den Fluss der winzigen Ereignisse und mit flüchtigen Begegnungen füttert, welche eine Mitschrift fordern, heute anders als gestern und morgen wieder neu.

Gleich beim Raustreten, diese Lichtfülle: blendend heller Sonnenschein, ein Vademekum auf einer Runde, die mich zunächst kurz den Stadtpark durchstreifen lässt. Dort springen mir die samtig grün in der Sonne leuchtenden Baumrinden in die Augen. Vereinzelt kommen mir Jogger mit ihren Leidensmienen entgegen, und eine walkende Rentnerschar kreuzt meinen Weg, aus deren Mitte ich das Satzfragment „schlau machen über die grünen Damen“ vernehme. Bevor ich länger über den möglichen Sinn dieser Verlautbarung ins Grübeln gerate, lenkt mich schreiender Graffitikitsch ab, der die strenge Tektonik einer Backsteinwand mit einer silbern glänzenden Haut und einem mir unbekannten Schriftzug bedeckt. Ich schlendere weiter, ohne Mühe und Not, überspringe federleicht die Baumschatten, höre in der Ferne das Lärmen der Spielplatzhirsche, schaue zwei Eichhörnchen beim Umkreisen eines Stamms im flotten Tanz ihres Liebesspiels zu, und pfeife dem dunklen Begleiter an meiner Seite ein munteres Liedchen.

Kurz hinter dem Park komme ich an einem „Space Art Center“ vorbei, in dem „TranceEvents“ angeboten werden. Amüsiert über diese „multikreative“ Erlebnishilfestellung erfreue ich mich am Anblick einer gewöhnlichen Plastiktüte, die durch den böigen Wind aufgeblasen und auf die Straße gefegt wird. Ein Auto überfährt sie mit einem hellen Ton, durch den einige Passanten erschrocken ihren Gang unterbrechen und innehalten. Die Ramschauslage eines Buchladens lasse ich aus Gründen meiner leichten Verführbarkeit lieber links liegen und trotte weiter durch verminte Grünanlagen, überhole einen übergewichtigen Briefträger mit honiggelbem Bürstenhaar, in dem sich Pappelsamen verfangen haben, und treffe in einer Einkaufsstraße auf rastlose Beauty-People beim Konsumglücksspiel, die ich treidelnd umgehe.

An einer Baustelle beneide ich für einige Momente den Kranführer wegen seiner Übersicht, mit der er das Wimmelleben unter sich zu betrachten in der Lage ist, bis mich das Wort „Tageszulassung“ in dem Schaufenster eines Autohauses zu einer Instant-Meditation über Tage mit und ohne Zulassung anregt: etwas loslassen, sich gehenlassen, andere fallenlassen, alles oder nichts zulassen. Als lässliche kleine Sünde gönne ich mir bei einer Bäckerei drei Quarkbällchen und gehe weiter, um nach wenigen Schritten einen Vertreter der Generation Golf beim Parken einzuweisen und dafür ein geschäftsmüdes Lächeln als Dankeschön zu erhalten.

Parfümbomben explodieren in der Nähe der „Wohnsinn“-Anlagen, wo betuchte und statusbewusste Mütter in spe ihren Nachwuchs stolzgeschwellt vor sich hertragen. Eine der Hochschwangeren wendet angeekelt den Blick von dem Schauspiel ab, das sich an der nahegelegenen Ampel ereignet. Dort taumelt ein junger Mann unruhig umher. Er versucht offenbar mit seiner rechten Hand aus der Hosentasche ein paar Münzen zu fischen, warum und zu welchem Ende bleibt auf immer unerkannt. Eine ewiglange Minute verbringt er mit dieser Tätigkeit in einer unbequemen, wankenden Körperhaltung. Als er sich aufrichtet, sehe ich, dass eine glühende Zigarette lose in seinem halboffenen Mund hängt. Dann nimmt er die beiden neben sich stehenden Bierflaschen an sich und torkelt bei Rot über die Straße. Von keinem Auto erwischt, doch von vielen Umstehenden ungläubig und missgünstig beobachtet, erreicht er unversehrt die andere Seite und entschwindet bei der nächsten Ecke in der Menge. Ich wundere mich über den passgenauen Satz, den ich unvermutet auf einem Mülleimer zu lesen bekomme: „Drink your Beer and Mosh“.

Zuletzt fällt mir noch ein „ReadyMix“-Lkw auf, der mich freudig heimkehren lässt, da dieser Name an meine promisken Augenreisen auf den Straßen der Stadt erinnert. Es ist ein ständiger Wechsel der Szenen, in die ich nicht eintrete, ein Puzzle zufälliger Bilder, die mein Blick isoliert und dann wieder dem Fluss der Erscheinungen übergibt, zwischen Sehen, Würdigen und Loslassen pendelnd, einzig betreut von meinen Assoziationen und inneren Texten, mit dem Vorteil, am Ende eines jeden Spaziergangs weder vollkommen zufrieden noch wirklich enttäuscht zu sein. Und so werde ich weiter hoffnungsfroh meine Tage verwalsern und dabei im steten Vertrauen auf den nächsten Schritt diese verspielt hinfälligen Scherben des Alltags sammeln: Was braucht man andere Abenteuer!

© für Text und Bild bei Uwe Heckmann | 2014

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3 Kommentare zu „Spazierensehen“

  1. „… im steten Vertrauen auf den nächsten Schritt diese verspielt hinfälligen Scherben des Alltags sammeln: Was braucht man andere Abenteuer!“
    So ist es. Und ich bin dankbar für die Mitnahme. Immer wieder!

    Viele Grüße & weiterhin sichere Straßen, Fritsch.

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    1. ihr zwei ähm drei – danke für eure zeilen! ja, kann ich nur sagen, ja – genau!
      und euch schöne pfingsttage mit tollen foto- und geschichtensujets wünschen.
      herzlichst, soso

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