Mädchensein

Wenn ich morgens aufwache und die Füße aus dem Bett strecke, bin ich hin und wieder die Alte, die ich einmal werde (wenn der Rücken knarzt) eher aber bin ich – eigentlich meistens – das Kind, das ich noch immer in mir hege. Nicht jenes, nein, das ich früher war, jedenfalls nicht genau jenes. Jenes Kind bin ich heute, das sich die Welt schöndenkt. Heute lebe ich in einer schönen Welt. Ich meine gar, so aussehen zu müssen. Als dieses Kind, das so denkt und fühlt. Nein, fühlen tu ich mich auf jeden Fall nie und nimmer neunundvierzig wie ich es seit drei Tagen bin. Jahreszahlen für Menschen sind mir immer abstrakt geblieben. Und eigentlich verstehe ich gar nicht, warum ich mich gestern so über das Kompliment meiner Kundin gefreut habe, die mich zehn Jahre jünger geschätzt hat.

Warum nur kommt für uns das Alter, das Altern einer Beleidigung gleich, einer Schmach? Warum assoziieren wir mit Älterwerden viel zu oft und viel zu wenig bewusst eine Art wachsende Un(zurechnungs)fähigkeit in Bezug auf Denken, Fühlen, Wissen, Können und Lebenskunst? Und warum ist Sterben so hässlich konnotiert?
Ob es eher mehr oder eher weniger Menschen gibt, für die das Altern schlimm ist, richtig schlimm meine ich, mit Schmerzen und Leid?
Und das Sterben – wie steht es damit? Nenn sie trüb meine Gedanken, egal. Denn draußen knallt die Sonne vom Himmel und ich fühle mich heute Mädchen. Ich bin Mädchen.

girlme1Ich gehe barfuß durchs Leben dieser Tage. Erwachsensein fühlt sich oft an wie das Kinderspiel So-tun-als-ob. Fake it till you make it. Will ich das denn machen, dieses Erwachsen-Sein? Und wenn nein, welches Erwachsen-Sein würde zu mir passen?

Alt und weise sein, eines Tages, ja gut, das tät‘ ich gerne. Eines fernen Tages. Aber es zu werden, den Weg dahin zu gehen, mich diesem Ding namens Altsein anzunähern jeden Tag einen Schritt mehr …
Doing by doing? Kannst du es, tust du es?

Ich bewundere Menschen, die Dinge tun, die ich nicht kann. Autorinnen und Autoren oft genug für ihren ganz eigenen Stil. Für ihre Worte, ihre Wendungen, ihre Metaphern. Für ihre Text(ili)e(n), die sie weben. Für ihren Blick auf die Welt, der immer anders ist als meiner. Zwar beschreiben sie oft Erfahrungen, die mir vertraut sind, doch in Worten, die mir fehlen. Und ich bewundere auch andere Fotografierende. Oder Menschen, die besser singen und tanzen können als ich. Ja, ich weiß, vergleichen ist Schei***, aber bewundern und staunen dürfen, das werde ich mir nicht nehmen lassen.

So gehe ich meinen Weg. Mädchen, Frau, Alte, die ich bin.

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Das obige Bild stammt aus meinem Fotoalbum. Ich bin darauf etwa acht- oder neunjährig, auf Sonntagsspaziergang mit den Eltern und Geschwistern (mit Gimp und iPhone nachbearbeitet).

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14 Kommentare zu „Mädchensein“

  1. Nachträglich meinen Glückwunsch zum Geburtstag!!! Und mach dir keinen Kopf wegen den Jahren, das hab ich schon lange aufgehört, und ich bin ein paar Jahre weiter als du. Vergleich dich nie mit Jüngeren, sondern immer mit Gleichaltrigen. DAS hilft! 🙂 Ich wünsch dir von Herzen alles Gute.

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    1. das ist ein feiner tipp. danke für die geburtstagswünsche!
      weisst du, es ist nicht die altersjahreszahl, die mich beschäftigt, sondern wohl eher meine/unsere einstellung zum alter(n). und über den verfall und die vergänglichkeit – im kontrast zu würde und lebenswert.
      herzlichst, soso

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  2. Das kann ich alles sehr gut nachvollziehen – dieser Text mit seinen Gedanken hätte auch von mir sein können. Dieses Gefühl, dass man „so-tut-als-ob“. Manchmal habe ich mit Menschen zu tun, die sagen wir, 25 Jahre alt sind und weitgehend erwachsen und ich denke (mit Schrecken) „ich könnte deine Mutter sein“. Als mein kleiner Bruder 40 wurde dachte ich: das darf nicht sein. KLEINE Brüder MÜSSEN unter 40 Jahre alt sein, sonst sind es doch keine kleinen Brüder mehr. Aber trotzdem: Alles Gute zum Geburtstag!

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    1. liebe susanne, ich danke dir herzlich für deine zeilen … und mich tröstest es ja, wenn andere dieses „erwachsenseinsollen“ unserer zeit auch mit einer gewissen befremdlichkeit beobachten. 🙂
      als jüngste meiner geschwister ist es wohl möglich, dass diese über mich denken: aber eine kleine schwester darf doch nicht über vierzig sein … 🙂
      danke für die lieben wünsche zum geburtstag!

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  3. ohne die anderen Kommentare gelsen zu haben, schreibe ich frei von der Leber weg, wir dürfen und vielleicht müssen wir es sogar, jede Phase unseres Lebens zu uns nehmen, die des Kindes, die des Heranwachsenden, die des Erwachsenseins und die der Alten … es ist eins, wie viele andere darüber denken, wichtig ist doch letztlich nur die eigene Haltung zu diesen grossen Themen.
    Erwachsensein heisst für mich die volle Verantwortung fürmichundmein Leben zu tragen und demnach zu handeln, nein, nicht nur für mich allein, auch für das Leben an sich … und das, was mir einst als Last erschien (und manchmal auch noch tut), wird weich, wenn das Mädchen in mir auch sein darf, wenn ich es spielen und tanzen ölasse, wenn der Raumdafürist und die Alte,ja,die scheint nunmanchmal schon durch, auch sie darf sein,mit all ihren Falten,die von ihrem Leben erzählen!
    ich grüsse dich herzlichst
    Ulli
    du weisst es ja,die Lakotassagen, dass man erst mit 53 wirklich erwachsen ist, du hast also noch ein bisschen Zeit 😉

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    1. die lakota sagen: mit 35 kommst du in die pubertät. so habe ich es im kopf. die erwachsenenzahl wusste ich nicht.
      ja, alles integrieren, alles ist immer da. das ist wohl die grosse lernaufgabe des lebens.
      danke für deine zeilen “frisch von der leber weg” 🙂
      grüessli aus dem büro (zweitletzter tag)

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