Unterwegs

Montagmorgens um perversfrüh halb acht auf dem Bahnhof B.. Menschen fluten die Treppe herunter, die ich hinauf muss. Ab und zu bleibe ich stehen, um nicht angerempelt zu werden. Oder um niemanden anzurempeln.

Meine zweitletzte Fahrt mit dem Zug nach Bdf steht mir bevor. Anderthalb Stunden bis ins Büro, am Abend nochmals. Ich datiere meine Fahrkarte und gehe langsam, mich um die andern Pendlerinnen und Pendler schlängelnd, zu meinem bevorzugten Einstiegsort fast in der Mitte des Perrons, zwischen den Treppen. Dort wird am wenigsten geplappert, auf dem Steig und im Zug. Kaum bin ich dort, fährt der Zug ein. Immer bin ich knapp, nie habe ich ihn verpasst und nur gerade zweimal in einem ganzen Jahr kam ich wegen technischer Probleme zu spät. Verschlafen habe ich mich nie, ich Schweizerin. Dafür war ich ein paar Mal krank. Resümée im Zug auf Handytastatur.

Lemminge. Der Zug fährt immer langsamer, ruckelt nur noch in Dezimetersprüngen, und bleibt schließlich stehen. Wir tun es ihm gleich. Wie Japanerinnen mit kleinen Füßchen ruckeln wir Wartenden möglichst nahe zur Tür, ellbögeln uns unauffällig in die erste oder zumindest in die zweite Reihe.

Die Türen öffnen sich mit schrillem Gejammer, dann kotzt der Zug Menschen aus. Nach der letzten Frau – ist es eigentlich immer eine Frau, die zuletzt aussteigt? – wechselt die Fließrichtung. Wie bei den Lachsen. Oder ist es ein großer Magnet, der uns Menschen in den Zug hineinzieht, uns Lemminge?

Ich finde einen Platz in einem Viererabteil, das ich mit einer jungen Frau teile. Bereits macht sich die Sommerferienzeit bemerkbar. Der Zug ist weniger voll als sonst. Wir fahren los, während ich mein Phone aus dem Rucksack hole um diese Zeilen hier zu tippen.

Nächster Halt: B…! Ein Raunen und Lächeln geht durch den Zug, einige (ich zum Beispiel) blicken verstohlen aus dem Fenster. In B. bin ich doch vorhin eingestiegen? Bin ich im falschen Zug? Fahre ich gar rückwärts, zurück ins kuschelige Bett?
Nächster Halt: A…!, klingt nun die korrekte Ansage durch die Lautsprecher. Fehler sind menschlich, aber sie müssen korrigiert werden.

In A. spuckt der Zug wieder viele Leute aus und saugt mit seinem großen Magnet neue Leute an.
Billettkontrolle! Alle Billette bitte! Kollektives Kramen in Taschen, Hosen, Jacken und Rucksäcken. Ich hatte immer ein gültiges Billett dabei, ergänze ich meine Kopfstatistik. Nein, falsch, einmal bin ich dunkelgrau gefahren. Ich wollte kurzfristig ein Handybillett lösen, da ich erst auf dem Bahnhof gemerkt hatte, dass die Mehrfahrtenkarte voll war. Dummerweise konnte ich mich partout nicht ins Internet einloggen und doppelt dumm war, dass ich ausgerechnet an jenem Morgen mein Portemonnaie zuhause im andern Rucksack vergessen hatte. Doch das Glück war mir hold und an jenem Morgen gab es keine Kontrolle. Im Büro hatte ich mir Geld für die Rückfahrt ausgeliehen.

Wir treffen pünktlich in O. ein, Ausstieg in Fahrrichtung links, schallt es aus den Lautsprechern. Ob es wohl noch ein anderes Land gibt, dass sich in der Durchsage für seine Pünktlichkeit rühmt? Japan vermutlich? Früher, als sowieso alles besser war und die Züge immer pünktlich fuhren, pünktlicher als heute, brauchte es diese attributive Aus- und Ansage nicht.

Pünktlich auf die Minute steige ich in O. aus, lasse mich mit dem Fluss der PendlerInnen treiben, in die Unterführung spülen und eine weitere Treppe hoch. In einen andern Zug. In einen noch sehr stillen Zug. Vielleicht zehn Nasen bis L., voller wird der Zug erst in H.. Ich packe mein Joghurt und meine Karotte. Mein bewährtes erstes Frühstück. Zuhause bringt ich außer ein paar Feigen noch nichts runter. So früh morgens kann ich nichts essen.

Durch ihre Augen
Durch ihre Augen

Nachher suche ich den E-Book-Reader und lese bis ich um zwanzig vor neun in Bdf. ankomme. Der zweitletzte Bürotag mit Austrittgespräch.

***

Stunden später. Es ist Abend. Viertel nach fünf. Wieder besteige ich einen Zug. Nachhause. Heute ist der Feierabendzug nur halbvoll. Die andere Hälfte der Menschheit ist in den Ferien. Angenehm ruhig ist es. Nicht zu heiß, nicht zu kalt. Manchmal wünsche ich mir ja auch im richtigen Leben diese Ausgewogenheit, aber lauwarm passt nicht wirklich zu mir.

***

Ein weiterer Beitrag für unseren Zyklus Geschichten von unterwegs

© by Sofasophia 2014

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6 Kommentare zu „Unterwegs“

  1. Liebe Soso,
    das ist ein grossartiges Bild und eine feine Beschreibung der Pendlerin …
    ich dachte an die Zeit,als ich an einer U-Bahn-Endstation wohnte, die dort Hochbahn war und ich täglich dieses einsaugen und aussprcken beobachten konnte. An Lemminge habe ich dabei nie gedacht, aber ans auskotzen schon 😉

    herzliche Grüsse zum sehr frischen Abend
    Ulli

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    1. daaanke für dein feines kompliment, das tut gut. ich beschreibe ja eigentlich nur meine unmittelbare wahrnehmung – so als „studie“.
      bin froh, wenns morgen abend vorbei ist, dieses pendeln! yess!

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    1. „perversfrüh“ hab ich von jürgen abgekupfert 🙂 — bin froh, dass auch der rest ebenso gut ist, der ist von mir … nun steh ich also (gleich) das „letzte mal“ perversfrüh auf, liebe wildgans. the very last day im büro.
      winkewinke!

      (aber hier gehts heiter weiter … und unheiter manchmal vielleicht auch?)

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