Die lange Bank

Vor drei Jahren war ich zum ersten Mal in Rendsburg. Auf dem Weg nach Skandinavien hatten wir dort zwei Nächte in einem kleinen Bed & Pizza gebucht, wie uns Freunde sehr ans Herz gelegt hatte. Die längste Bank der Welt: ich hätte nicht geglaubt, dass sie sooo lang ist.

Schweden11_langeBankIm letzten Jahr wurde meine eigene lange Bank vielleicht noch länger als jene in Rendsburg. Vieles blieb unfertig, stapelte sich, dehnte sich aus …
Das mach ich später irgendwann!, ist wohl jener Satz, den ich im letzten Jahr am häufigsten gedacht und gemurmelt habe, wenn mir die Energie fehlte, Dinge, die nicht wirklich dringend waren, zu erledigen. Herzanliegen zum Teil, für die mir einfach die Kraft nicht zur Verfügung stand.

Meine Arbeitsstelle mit dem langen Arbeitsweg wurde zuweilen so belastend, dass ich am Abend halbtot war. Knapp reichte es zum Filme gucken. Bücher lesen. Schlecht schlafen war die Regel.

Gestern nun hatte ich meinen „Letzten“ und feierte ihn mit meinen Arbeitskolleginnen und -kollegen bei einem ausgiebigen Znüni. Unsere Chefin hielt eine kleine Ansprache, lobte meinen Einsatz, dankte mir und überreichte mir einen echt wunderbaren Blumenstrauß. 20140619-164005-60005536.jpgUnd als wäre das nicht genug, bekam ich ein Taschenbuch, von dem mir eine Arbeitskollegin mal vorgeschwärmt und mich sehr interessiert hatte und ein wunderschönes von allen gemeinsam gestaltetes Album mit persönlichen Lieblingsbüchern und Buchtipps – inklusive großzügigem Büchergutschein. Auf dass ich noch viele schöne Lesestunden genießen darf.

Nun fühle ich mich ein klein bisschen wie auferstanden, aus einer langen Haftstrafe entlassen; so, als wäre eine Tür aufgegangen, die ein Jahr lang geklemmt hatte …

Der Rest meines Lebens fängt jetzt an. Jetzt. Und jetzt endlich will ich meine lange Bank kürzer sägen. In dem ich aufräume zum Beispiel. Ich fange mit den Textleichen an. Fasse Notizen zusammen. Sichte, archiviere, lösche, teile, blogge …

Hier mal paar erste kleine Puzzleteilchen.

Darf man die Baustelle sehen, das Making-of, den Prozess, bevor etwas veröffentlicht wird? Muss etwas, das veröffentlicht ist, perfekt sein? Ist es eine Abwertung der eigenen Kunst, wenn man hin und wieder den Vorhang öffnet? Fluxus – sag ich nur. Kunst leben. Schwach-sein-dürfen. Mut zeigen zum Unperfekten. Fehler machen dürfen. (4.14) 

+++

Es gab Pizza, als sie begriff, dass alle jemanden brauchen, der sie liebt und an sie glaubt. Zumindest so lange, bis wir es selbst können. Denn das ist eins von ein paar Notwendigkeiten des Lebens. Dass wir uns selbst lieben, ganz und gar. Auf dass es der Welt ein bisschen besser gehe, als wenn wir es nicht tun. (21.5.11)

+++

Wunde Wunder, die wir sind, wissen wir um die Verwundbarkeit. Von den dünnen Stellen, aus denen ein Mensch gemacht ist und die ihn lebenslang anfällig sein lassen für dauerhafte Beschädigungen aller Art; berührbar, zugleich empfindlich, empfänglich für wie auch immer geartetes Glück. Doch wir hüten unser Geheimnis gut. (4.14)

+++

Heute bin ich eine Scherbe …(28.9.11)

+++

Lebst du das Leben, das du leben willst?
Nein, noch nicht, sage ich, noch nicht. Erst ansatzweise.
Der Vogel fragt weiter:
Wann lebst du denn endlich das Leben, das du leben willst? Ich zucke mit den Schultern, so fest, dass er fast herunterpurzelt, der Piepmatz. Aber nur fast, zum Glück, denn er soll nicht aufhören mit seinen Fragen. (20.12.11)

+++

Lob des Kleingeistigen – Wie gerne hätte ich manchmal ein einfacheres Gemüt … (12. 12.11)

+++

Gestern im Auto zurück in die Schweiz und heute im Zug zur Arbeit über Wichtiges nachgedacht. Heißt, über die Dinge, die im Leben wichtig sind. Dass jeder Mensch geliebt und wertgeschätzt zu werden braucht, sonst serbelt er dahin und verdorrt wie eine Topfpflanze ohne Wasser. Ein Mensch, der geliebt wird, lebt und handelt anders als einer, der nicht geliebt wird. Wenn wir niemandem haben, der uns liebt, fällt uns die Selbstliebe schwerer als wenn uns andere Menschen lieben. Doch ist es letztlich die Liebe zu uns selbst, die uns Frieden mit uns und mit unserer Mitwelt gibt. Nur, wenn wir uns selbst möglichst umfassend lieben, sind wir frei vom Denken und Urteilen anderer über uns. (11.6.14)

+++

Sauber machen
kann sie
gut, sie putzt
als ginge es um ihr Leben.
Die ganze Welt
möchte sie putzen. Damit
sie sauber wäre.
Endlich. Ein Ort
zum Leben.
(24.11.13)

Advertisements

16 Kommentare zu „Die lange Bank“

  1. Viel Glueck beim „Verkuerzen“ Deiner persoenlichen „langen Bank“! Und geniesze die Zeit, die Du dadurch spaeter gewinnst. Uebrigens: eine extrem lange Bank habe ich auch – manchmal. Aber ich bin zuversichtlich, sie verkuezen zu koennen. Irgendwann einmal. 😉
    Liebe Gruesze aus dem suedlichen Texas,
    Pit

    Gefällt 1 Person

    1. irgendwann hört alles auf, war der satz, den ich gestern in mir drin „hörte“, als ich mein ex-büro das letzte mal verliess. irgendwann. wir wissen bloß nicht wann … es lebe die hoffnung!

      Gefällt mir

  2. Das Leben gibt es nur in Phasen.
    Von den Scherben kannste ein hübsches Mosaik anfertigen, rein gedanklich.
    Und dich als Scherbe nicht weiter zersplittern- es mal mit Glaskleber versuchen…Der Gedanke mit der Scherbe traf einen Nerv bei mir. –

    Gefällt 1 Person

    1. sind wir nicht alle scherben? aus glas – aus sandkörnern, recycling aus allem, was je war?
      teil vom ganzen. vom grossen. so war das mit der scherbe AUCH gemeint.
      danke!

      Gefällt mir

  3. Meine lange Bank ist sicher ebenso lang wie die in Rendsburg. 🙂
    Textleichen: Unvollendete, Enden ohne Anfang, zusammenhanglose Sätze, Gedankenschnipsel … so was gibt es auch bei mir und eine Unmenge mehr, dass auf Bearbeitung wartet. 😦
    Frau müsste nur mal endlich irgendwo anfangen. *seufz Aber wo? Auch das wird sich finden …
    Liebe Grüße zu dir und viel Erfolg beim Bank-kürzer-sägen. Aber lass dir gesagt sein, solche Bänke sind hinterlistig, die haben nachwachsene Schwänze wie die Eidechsen. *mbg*
    Schmunzelgrüße, Szintilla

    Gefällt 1 Person

    1. ooohweia, ich ahnte es. eigentlich, so resümmiere ich, ist aufräumen wohl immer nur eine art bergeverschieben. selbst wenn die berge in der müllverbrennung landen sind sie noch da: als ideen, in der luft … 😉
      danke für dein tolle „entmutigung“ *lach*

      Gefällt mir

    2. So ist das – es verschwindet nix, es verändert nur den Aggregatzustand. 🙂
      Ooooch, du, im Entmutigen bin ich weltspitze. *mbg*
      Manchmal hilft auch Abwarten und Tee trinken, wenn man Glück hat erledigen sich einige Dinge von allein (fallen von der Bank, werden geklaut, verrotten und zersetzen sich, laufen von allein davon oder krabbeln von allein wieder nach vorn und schreien lautstark nach Erledigung).

      Gefällt 1 Person

  4. liebe Soso, die Abschiedsgesten deiner Ex-KollegInnen rühren mich und ich freue mich mit dir, dass es so herzlich war!
    deine gesammelten Gedanken erinnern mich sehr an Pessoa, den ich gerade gestern Abend wieder las, nie mehr als zwei, drei Seiten, dann habe ich genug Futter … und genauso geht es mir gerade mit deinem … genug Futter für den Tag- danke dafür
    und geniesse die Freiheit vom Pendeln und der Lohnarbeit
    herzlichst Ulli

    Gefällt 1 Person

    1. ja, gell, das war wirklich herzig. nun ja, meine innere zynikerin & zweiflerin meinte natürlich, dass sie damit das schlechte gewissen löschen wollen. wobei, die einzelnen abschiede (beim definitiven tschüss, was ja gestaffelt ging, weil die einen schon früher gingen …) waren dann genau wie die jeweiligen beziehungen (drei superherzliche, vier herzliche und der große rest “neutral” und einer kühl …) – und doch, ich bin sooo froh, ist das kapitel nun vergangenheit.
      ich bin auf das neue kapitel in meinem lebensbuch gespannt und wünsche mir sowohl kontinuität als auch viel freiraum für kreatives und wildes.
      herzlicht, soso

      ps: dass du bei meinen schnipseln an pessoa denken musstest, ließ mir das blut in den kopf steigen. (aber das ist wohl einfach zufall, weil du ja gestern pessoa gelesen hast …)

      Gefällt mir

Kommentare sind geschlossen.