Was raus muss

Manchmal ist schreiben wie kotzen. Was raus muss, muss raus. Raus in die Tasten. Was da ist, jetzt? Sehnsucht. Immer eigentlich, immer ist da eine Sehnsucht. Eine nach einem sorglosen Leben für alle. Weil alle für einander Verantwortung tragen. Verantwortung: ja, Sorge und Angst ums Überleben: nein.

Eine der Ideen eines Sozialstaates ist es ja, jene Menschen finanziell mitzutragen, die zu jung, zu alt, zu gebrechlich, zu krank, zu dies und zu jenes sind, sich ihren Unterhalt mit ihrer eigenen Hände Arbeit zu verdienen. Das Solidaritätsprinzip. Eigentlich. Doch die Definition der Eigenschaften, welche die einen Menschen von den andern Menschen unterscheidet – fast hätte ich trennt geschrieben – ist schwierig und wohl noch schwieriger umzusetzen. Als Basis dienen – so mutmaße ich – die Menschenrechte und andere verfassungsgemäße Inhalte.

Gut und schön. Ich mag ja das Solidaritätsprinzip. Eigentlich (schon wieder). Mir gefällt der Gedanke, dass jeder etwas dazu beiträgt, damit die Welt lebenswert ist, bleibt und wird – je nachdem, wo wir uns gerade aufhalten. Nicht überall ist das Leben so einfach wie hier, wo ich bin. Nicht überall regnet es genug, nicht überall scheint die Sonne genug. Nicht überall gibt es genug Arbeit für alle, letztes eigentlich fast nirgends. Nein, das alles meine ich nicht moralisierend, ich zähle nur ein paar Fakten auf, die zum Ungleichgewicht auf der Welt mittragen.

Der Kuchen müsste nach Solidaritätsprinzip so verteilt werden – ja, das wissen wir alle –, dass alle davon was abgekommen, alle davon satt werden. Wir können es kaum mehr hören, dieses Reden über Gerechtigkeit.

Was ich sagen will? Dass ich mich frage, ob oder besser warum nicht auch Kulturschaffende und Eltern (insbesondere Alleinerziehende) – ähnlich wie früher die Prediger und Pfarrerinnen von ihren Gemeinden – von der Gesellschaft mitgetragen werden. Zwar arbeiten diese Berufsgruppen sehr viel und auch konkret im Dienste der Gesellschaft und zur Lebenswertsteigerung der Um- und Mitwelt, doch ihr Werk wird wenig anerkannt, kaum wahrgenommen, kaum honoriert. Nur ein kleiner Teil aller Kunst- und Kulturschaffenden kann von seiner Arbeit leben, Alleinerziehende schon gar nicht (von der zuhause geleisteten Arbeit jedenfalls nicht). Dabei sind es gerade diese zwei Berufsgruppen, von denen Gedeih und Verderb einer Gesellschaft zentral abhängt. Die einen, weil sie den Zeitgeist abbilden, transformieren, mitgestalten, die andern, weil sie hauptverantwortlich für die Qualität der Geschäftsleute, Verkäufer, Dozentinnen, Ärzte, Straßenbauerinnen, Lehrkräfte, Arbeitskräfte von morgen sind. Weil sie mit ihren Erfahrungen, mit ihren Ressourcen, mit ihrem Wissen, mit ihrem Leben formen, wie ihre Kinder die Zukunft gestalten werden.

Ob ich hier bin, um das alles zu verstehen? Eine Frage, die ich mir sehr oft stelle. Vielleicht hilft es mir auch einfach, zu akzeptieren, dass ich nicht alles verstehen kann. Nicht einmal einen Bruchteil von allem, denn so etwas wie ein Alles gibt es eh nicht. Da gibt es ja immer neues, das nachwächst und altes, das verschwindet auf der größten aller Festplatten, dem Universum, in dem wir leben. Vielleicht ist ja schon viel mehr verschwunden, als noch kommen wird und alles doch irgendwie endlich? Ausgehend von einer Endlichkeit dieser Erde … oder von allem. Schwindlig wird mir ob dieser Gedanken, die meine Finger fast ohne mein Zutun in die Tasten hauen.

Diese Illusion des Wissens.

Was ist Wissen schon? Macht es mich frei, mächtig, besser im Hinblick auf das Wohlergehen der Welt?

Freiheit – eine große Illusion, denn meine Freiheit reicht nicht weiter als an meine eigenen Grenzen, jenen im Kopf und jenen, die meine Gesellschaft und meine Erziehung mir auferlegen. Schutzgrenzen auch, viele. Vielleicht nicht mal so schlecht. Vielleicht einfach zu akzeptieren, dass sie sind. Und sind Grenzen wirklich das Gegenteil von Freiheit? Wenn nein, was dann?

Ist Freiheit womöglich eher eine Art Gesinnung, ein Denken-über-Dinge, eine Art Umgangsform, die sich daran zeigt, wie wir mit gesellschaftlichen Problemen und persönlichen Sorgen umgehen, eine Haltung dem Nicht-Ideal der Welt gegenüber?

Vielleicht geht es ja darum, zu begreifen, dass ich allein nichts, mit andern zusammen alles verändern kann. Eine Rückkehr zum Kollektiv wagen – als Gesellschaft? Modelle gäbe es schon ein paar.
Doch was wäre gewonnen?, höre ich sie fragen, die Menschen, wenn ich diese Gedanken aussprechen würde.

Muss man immer gewinnen? Muss es immer mehr und noch mehr sein?
Der Individualismus: eine Gratwanderung, auf der wir Menschen uns befinden. Eine, die ich mitwandere. Eine, die ich grundsätzlich unterstütze. Grundsätzlich. Aber manchmal unterwandere ich meine eigenen Grundsätze mit subversiven Gedanken: Wohin führt es, wenn wir alle uns selbst verwirklichen? Und was genau heißt das wirklich und überhaupt?

Werden wir schmerzfreier und gesünder leben, wenn wir uns selbst gefunden haben? Wir alle, meine ich. Auch die im Süden, im Osten, im Westen, im Norden. Alle.

ICH – manchmal macht mich dieses Wort und alles, was es beinhaltet, beinahe kotzen.

Menschenrechte. Ja, die braucht es. Und es braucht uns, die sie anwenden.

automatisch geschrieben und von Tippfehlern befreit am Freitag, den 20. Juni 2014

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