Ich mach mir die Welt …

Gestern habe ich seit langem wieder einmal die Mappen gesichtet, in denen meine Mutter meine Kinderzeichnungen aufbewahrt hat. Was für eine Reise, die ich da gestern angetreten habe! Die ersten Bilder zeigen noch einfache Strichmännchen, die ich mit knapp vierjährig auf Papier gebannt habe. Doch bald erzähle ich zeichnend ganze Abenteuer- und Alltagsgeschichten. Die meisten Bilder in den Mappen habe ich zwischen vier- und siebenjährig gezeichnet. Jene Zeit, als meine ältere Schwester und spätere auch mein Bruder bereits in die Schule durften. Mein erstes Alphabet habe ich mit vierjährig auf die Rückseite eines Bildes gekritzelt. Papier war rar, drum brauchte ich Vorder- und Rückseite. Dass ich damals schon alle Buchstaben kannte, war mir bis anhin bekannt, doch dass ich bereits das ganze ABC konnte, in der richtigen Reihenfolge? Habe ich es womöglich abgeschrieben? Ich erinnere mich, dass wir oft Schüelerlis gespielt haben. Meine Schwester war die Lehrerin, der Bruder und ich die ABC-Schützen. An der Tafel standen erste Worte oder manchmal auch Zahlen. Wobei mich Buchstaben schon damals mehr fasziniert haben als Zahlen. Mit ihnen konnte alles neu erzählt werden, während Zahlen einzig dazu da waren, festzuhalten, wie viel so und so viele Äpfel und so und so viele Birnen wiegen.

Was mir auffällt, wenn ich durch die Bildermappen blättere: Ich habe ganz oft Situationen gezeichnet, die es bei uns als Familie nicht gab. Schon damals habe ich imaginiert und geträumt, meine Eltern auf Skiern gezeichnet zum Beispiel, weil die Eltern meiner Schulkameraden immer mit ihren Kindern in die Skiferien fuhren, wir uns das aber nicht leisten konnten. Zumal meine Eltern ja gar nicht Ski fuhren. Schon vor der Einschulung habe ich erste Bildergeschichten gekritzelt und mit dem Tacker in Heftform gebracht. Kaum des Schreibens mächtig, schrieb ich auf einer ausgedienten Schreibmaschine erste Fortsetzungsgeschichten. Auch diese feinsäuberlich in der Mappe abgelegt. Wobei – fein säuberlich stimmt nicht. Ich hatte schon immer eine Saukralle, wie untenstehendes Bild beweist. Knapp sieben war ich damals. Vermutlich kurz um die Einschulung herum, da damals das Schuljahr in der Schweiz noch im April angefangen hat.

20140730-161847-58727171.jpgSieht man sich meine Bilder an, auch die Photos, könnte man mich für ein glücklich gewesenes Kind halten. Was ich sicher irgendwie auch war, vor allem wenn man mich in Ruhe zeichnen und schreiben ließ. Aber ich war auch sehr scheu und brav und auf meinen Bildern, die unsere Familie zeigen, bin ich nur ganz klein und am Rand sichtbar. Ein einziges Familienbild ragt heraus. Es zeigt unsere Familie nach meiner Geburt. Ich im Mittelpunkt, in den Armen meiner Mutter geborgen. Ich erinnere mich, dass meine Mutter kurz davor erzählt hatte, wie sie mit mir nach der Geburt aus dem Krankenhaus gekommen sei.

Ich mach mir die Welt, wie-de-wie-sie mir gefällt, hej Pippi Langstrumpf …, war mein Lieblingslied und meine Lieblingsserie und darum habe ich wohl meine Kindheit einigermaßen aufrecht gehend überlebt. Pippi konnte so vieles, meine Heldin. Annika dagegen war wie ich – schüchtern – doch wuchs sie manchmal über sich hinaus. Das konnte ich doch auch? Meine Phantasie schenkte mir Flügel, Träume und Geschichten.
Noch immer glaube ich, dass wir uns unsere Welt – auf vielerlei Weise – zurechtspinnen. Darüber hat heute auch Luisa Francia geschrieben:

luisa in bayern – 30.07.2014 um 06:55:32

Wir selbst setzen die welt zusammen in der wir leben. Aus den bruchstücken von information, aus prinzipien, glaubensvorstellungen, selektiver wahrnehmung und ausgrenzung. Wir entscheiden was in unserer welt platz hat. Wir geben oder nehmen die zeit, wir werten auf oder ab. Wir färben ereignisse ein mit unseren gefühlen. Auch wenn wir scheinbar nichts aktiv tun oder entscheiden, wir gestalten dennoch selbst die welt in der wir leben.
Jede regel, jede wahrheit, jede weisheit wurde schon widerlegt oder gebrochen – alles ist wandelbar.
Was dich daran hindert ein freier mensch zu sein ist eine kombination aus verletzung, selbstmitleid, das gefühl, etwas besseres verdient zu haben, neid, mangelnde selbsterkenntnis, mangelnde disziplin. Daraus resultiert eitle resignation: das problem sind immer die anderen!

Quelle: Luisa Francias Webtagebuch

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ausgleichen

Die Natur ist grausam. Sagt man. Dachte ich schon oft, wenn ich mich umschaute. Unheilbare Krankheiten, (zu viel/zu wenig) Sonne, (zu viel/zu wenig) Regen, Überschwemmungen und Unwetter, Aborte, unerträgliche Schmerzen, Unfruchtbarkeit, Geburtenüberschuss … Grausam – ist es das, was die Natur wirklich ist? Oder ist das alles nicht einfach dieses uralte Spiel von Werden und Vergehen? Die Natur als Jongleurin. Leid ist letzlich einfach unsere Wahrnehmung dessen, was in der Natur um uns und in uns geschieht. Nein, das ist nicht zynisch gemeint, einfach als Feststellung.

Ist Grausamkeit nicht vielmehr eine menschliche, zielgerichtete, auf Zerstörung und Leid ausgerichtete Tätigkeit aus Motiven, die wir alle – offen oder verschlossen – irgendwo in uns tragen? Nein, die Natur ist nicht grausam, sie folgt nur ihren eigenen Gesetzen. In die wir Menschen uns schon viel zu oft eingemischt haben. Die Natur folgt ihren Zyklen, ihrem eigenen energieausgleichenden Kreislauf. Sie folgt den Gesetzen des Ausgleichens. Ebbe und Flut. Die Natur handelt nicht mit Vorsatz böse, nicht aus persönlichen Gründen, nicht aus Hass und Rache. Ausgleichen ja, aber Gerechtigkeit üben, nein, das tut die Natur nicht. Die Natur ist weder grausam noch gerecht. Aber sie ist auch nicht nicht grausam und sie ist auch nicht ungerecht. Sie ist.

Gerechtigkeit ist eine Erfindung von uns Menschen, aber eine die in der Praxis nicht funktioniert. Sie scheitert schon daran, dass wir alle – innerhalb eines allgemein gültigen Rahmens, den wir mehr oder weniger okay finden – sehr unterschiedliche Vorstellungen von Gerechtigkeit haben.
Die „richtige Höhe” von Steuern zahlen zum Beispiel.
Das „richtige Strafmaß” bei Vergehen festlegen oder gar
Todesstrafe für Mörder?
Suizidhilfe für Betagte, die nicht sterbenskrank sind, aber lebenssatt, und die selbstbestimmt sterben wollen – geht das?
Auf Gewalt mit oder ohne Gewalt reagieren?
Sich vom Wetter, den Ämtern, der Nachbarin, dem Autofahrer auf der Überholspur nebenan ungerecht behandelt fühlen.

Ja, wir haben fürwahr viele Gründe, das Leben ungerecht finden zu dürfen. Oder grausam.

Ich übe mich aktuell darin, der Natur über die Schultern zu schauen und mich dem Prinzip des Ausgleichens anzunähern. Ein Prinzip, über das ich schon sehr oft gegrübelt habe. Gegrübelt darüber, warum es unter uns Menschen doch immer wieder irgendwie zu funktionieren scheint. Dort gebe ich etwas, da bekomme ich etwas zurück. Mich diesem Naturgesetz anzuvertrauen, braucht Mut.

Heute Morgen, bei meinem Spaziergang durch ein paar meiner virtuellen Lieblingsräume, las ich Candys Arikel über den Kreislauf Mensch. Für alle genug. Das Prinzip des Ausgleichens auch bei ihr. Ha – wie toll ist das denn? Ja, auch solche nährenden Texte dienen dem menschlichen Energieausgleich. So habe ich das Bloggen noch nie betrachtet. Danke, Candy, dass ich dich hier zitieren darf!

„Hast Du Hunger?”[, fragt Candy den mageren Transsexuellen, der sie in der Nähe ihrer Wohnung um Wasser und um eine Hose gebeten hat]. Etwas Brot und Käse, originalverpackt, wechselt durch die Hände und lässt seinen Blick betroffen zu Boden wandern.
„Hör zu, ich will Dich damit nicht demütigen. Ich denke nur, manchmal geht ein Tag so schnell vorbei und irgendwann fällt einem auf, man hat noch gar nichts gegessen. Stell Dir vor, die beiden Jeans und T-Shirts konnte ich mal tragen. Aber da werde ich im Leben nicht mehr hineinpassen. Sie werden sicherlich nicht fehlen.”

Er schnäutzt sich in den Saum seines schmutziggrauen Tüllkleides und wünscht meiner Familie bis in den x-ten Ahnengrad Glück und gute Engelsmächte. Psst. Alles gut. Die behelligen wir damit nicht. Ein wenig überraschendes Glück für dich und mich. Damit hat das Schicksal schon genug zu tun.

Wir lächeln beide etwas schief.
Danke.
Gerne.

Gute Nacht.

Hinter mir zischt das Öffnen der Wasserflasche. Es war ein brüllend heißer, reicher, leiser Tag.
Genug da, für alle.

Und Gabi fehlt der Hauch einer Vorstellung, wie dankbar ich ihm bin, etwas von dem Wenigen das mir gerade möglich ist, in den großen Kreislauf Mensch, zurück zu geben.

Candy Bukowski

Quelle: den ganzen tollen Artikel findest du bei Candy Bukowski

Meine Energiewende

Energie? Je nach dem, wie wir ticken und konditioniert sind, denken wir beim Wort Energie an AKW, an Solarstrom, an Handyakkus oder (warum auch nicht?) an Kreislaufkollapse und Burnouts, wie Erschöpfungsdepressionen ja seit Jahren genannt werden. Wo immer ich hinsehe: Ohne Energie geht nichts. Ohne Energie könnte ich weder diese Zeilen schreiben (meine Finger brauchen dazu Energie, mein Hirn auch, die Tastatur sowieso) noch ins Internet hochladen. Energie ist jenes Medium, das aus der Idee, nein, halt, aus der Idee von Idee, ein Ding macht. Der Funke, der Same, die Leitung, aber auch die Botschafterin. Energie ist im Grunde der Dinge nur sichtbar durch das, was sie materialisiert. Sie ist und sie tut zugleich. Ansonsten ist sie unsichtbar. Unsichtbar ist auch der Pegel der Energie, den ich in mir drin habe. Habe? Habe ich Energie, horte ich, produziere ich, verliere ich sie? Und wenn ja, wie kann ich sie eigentlich speichern, bei mir halten? Wie geht sie eigentlich verloren und wie kann ich sie finden oder mehren?

Wie genau das alles funktioniert – Psyche, Körper und so weiter –, weiß ich nicht, nur dass ich vor einem Monat keine Energie mehr hatte. Dagegen ist heute, nach viel Zeit in der Natur, nach viel Zeit und Stille in meinen Innenräumen, mein Energie-Reservoir wieder intakt und voll. Ich habe meine Quelle reaktiviert, meinen inneren durch Lebensumstände begradigten Flusslauf renaturiert, habe neue Hecken gepflanzt, Schlaufen, Tümpel und Umwege wieder zugelassen, dabei wilde Trampelpfade unter die Füße genommen und die ausgetretenen Straßen verlassen. Während die Solarzelle, am Rucksack angebunden, Strom von der Sonne bezogen und meine materiellen Energiespeicher aufgefüllt hat, habe ich selbst, wandernd, meine innere Mitte wiedergefunden. Meine Quelle. Mein Stromnetz.

Wie kann ich gegenwärtig und zukünftig leben, nicht nur mit mir und meiner Mitte, diesem inneren Stromnetz, verbunden, sondern diese Fülle und Kraft auch teilend?, frage ich mich dieser Tage oft, und ich ahne, dass es einiges an Selbstdisziplin von mir erfordern wird, nicht wieder in meine alten Muster des nichtsnutzigen Energie-Verschleißens zu kommen. Wie oft führe ich mir Dinge zu Gemüte, die mir Energie absaugen – im übertragenem Sinne Junkfood für die Seele. Ich will liebevoll reflektieren, was ich denke, was ich lese, was ich sehe, was ich höre, was ich spreche, was ich erfahre, denn wenn ich mich mit Dingen und Menschen umgebe, die mir gut tun, kann ich auch meiner Umgebung gut tun. Wenn ich mich mit Nahrung füttere, die mich nur oberflächlich nährt, werden meine Gedanken, meine Texte und meine Begegnungen mit Mitmenschen banal, oberflächlich und nutzlos sein.

Mir selbst Gutes zu tun ist meine konkrete Absicht für eine friedlichere Welt, für ein friedliches Miteinander.
Würde jeder Mensch gut für sich selbst sorgen, wäre für alle gut gesorgt, sagte mein Vater oft, schon als ich noch sehr jung war. Natürlich kann man über diesen Satz geteilter Meinung sein, da ja längst nicht alle in der Lage sind, gut für sich selbst zu sorgen, doch der Kern der Botschaft hat mir als Kind eingeleuchtet. Obwohl ich es leider lange selbst nicht geschafft habe, gut für mich zu sorgen. Tja, Theorie und Praxis … denn gut für sich zu sorgen setzt Selbstliebe und Selbstachtung voraus. Diese zu lernen, kann ein lebenslanger Prozess sein. Aber ich gebe nicht auf.

Womit wir wieder bei der Energie und ihrer Quelle wären, denn ich ahne, dass Energie und Liebe aus der selben Quelle fließen. Aus Liebe zu mir selbst achte ich hinfort besser auf mein Energie-Reservoir und darauf, was ich einlasse, was ich zu mir nehme, was ich weitergebe. Meine persönliche Energie-Wende. Nicht dogmatisch, nicht verkrampft, nicht verurteilend, nicht mit erhobenem Moralfinger, sondern einfach nur darum, weil uns langfristig nur Lebensbejahendes wirklich gut tut und nährt.

Was mich nährt und meinen Energie-Pegel steigen lässt? Mich am und im Wasser aufzuhalten, Stille, Aufenthalte im Wald, wandern in der Natur, Bewegung, innehalten, Gespräche mit feinen Menschen, Liebe, Geborgenheit & 6, gute Bücher, Filme und Blogs …

Und dich?

Stell dir vor, es ist Krieg und niemand schiesst

Ich träume davon, dass sich Menschen über Grenzen hinweg die Hände zur Versöhnung reichen. Dass sie nicht länger das tun, was die Befehlshaber befehlen – kämpfen und töten nämlich und sich hassen –, sondern zu wahren Menschen werden, die sie im Grunde sind, und sich die Hände reichen.

Versöhnung ist der einzige Weg zum Frieden. Krieg ist NIE eine Lösung, NIE!

Doch nur Menschen, viele einzelne Menschen, können das Perpetuum mobile des Krieges stoppen. Viele einzelne mutige Menschen.

Ich will nie aufhören, an den Mut von Menschen zu glauben, auch wenn man mich nun gewiss naiv oder illusorisch nennen wird. Warum auch immer glaube ich trotz allem noch an die verändernde und heilende Kraft von Mut und Versöhnung.

luisa in bayern – 25.07.2014 um 07:02:43

Vor den augen der welt werden in palästina frauen und kinder massakriert und niemand kann es scheinbar verhindern. Dabei ist es ein aussichtsloser krieg der erbittert geführt wird, immer von neuem, und der nie gewonnen werden kann. Schaut man sich die situation von gaza an: umschlossen von israel versteht man die angst. Schaut man sich aber die situation von israel, umschlossen von arabischen ländern an, versteht man auch, warum israel glaubt stärke zeigen zu müssen. Krieg funktioniert aber nie. Palästinensische und israelische polizei hätte die jugendlichen gemeinsam verfolgen müssen, die drei israelis entführt und umgebracht haben und dann auch die, die den palästinensischen jungen gefoltert und getötet haben.

all diese menschen sterben und nichts wird sich ändern. Wenn man schon so oft und so lang krieg geführt hat und nichts ist besser geworden – ist es da nicht zeit umzudenken?!

in diesen kriegskonflikten denkt aber anscheinend niemand und schon gar nicht um. Und weil am krieg kräftig verdient wird (auch von europa), männer anscheinend den ständigen kampf brauchen und frauen ihre männer und söhne in den krieg hinein hetzen wird’s halt so weitergehen. Ja klar, frauen sind genauso beteiligt. Kinder wachsen mit trauma und hass auf. Die situation wird perpetuiert. Ist es möglich, dass die verantwortlichen das nicht sehen wollen/können?!

Quelle: Luisa Francia auf salamadra.de