ausgleichen

Die Natur ist grausam. Sagt man. Dachte ich schon oft, wenn ich mich umschaute. Unheilbare Krankheiten, (zu viel/zu wenig) Sonne, (zu viel/zu wenig) Regen, Überschwemmungen und Unwetter, Aborte, unerträgliche Schmerzen, Unfruchtbarkeit, Geburtenüberschuss … Grausam – ist es das, was die Natur wirklich ist? Oder ist das alles nicht einfach dieses uralte Spiel von Werden und Vergehen? Die Natur als Jongleurin. Leid ist letzlich einfach unsere Wahrnehmung dessen, was in der Natur um uns und in uns geschieht. Nein, das ist nicht zynisch gemeint, einfach als Feststellung.

Ist Grausamkeit nicht vielmehr eine menschliche, zielgerichtete, auf Zerstörung und Leid ausgerichtete Tätigkeit aus Motiven, die wir alle – offen oder verschlossen – irgendwo in uns tragen? Nein, die Natur ist nicht grausam, sie folgt nur ihren eigenen Gesetzen. In die wir Menschen uns schon viel zu oft eingemischt haben. Die Natur folgt ihren Zyklen, ihrem eigenen energieausgleichenden Kreislauf. Sie folgt den Gesetzen des Ausgleichens. Ebbe und Flut. Die Natur handelt nicht mit Vorsatz böse, nicht aus persönlichen Gründen, nicht aus Hass und Rache. Ausgleichen ja, aber Gerechtigkeit üben, nein, das tut die Natur nicht. Die Natur ist weder grausam noch gerecht. Aber sie ist auch nicht nicht grausam und sie ist auch nicht ungerecht. Sie ist.

Gerechtigkeit ist eine Erfindung von uns Menschen, aber eine die in der Praxis nicht funktioniert. Sie scheitert schon daran, dass wir alle – innerhalb eines allgemein gültigen Rahmens, den wir mehr oder weniger okay finden – sehr unterschiedliche Vorstellungen von Gerechtigkeit haben.
Die „richtige Höhe” von Steuern zahlen zum Beispiel.
Das „richtige Strafmaß” bei Vergehen festlegen oder gar
Todesstrafe für Mörder?
Suizidhilfe für Betagte, die nicht sterbenskrank sind, aber lebenssatt, und die selbstbestimmt sterben wollen – geht das?
Auf Gewalt mit oder ohne Gewalt reagieren?
Sich vom Wetter, den Ämtern, der Nachbarin, dem Autofahrer auf der Überholspur nebenan ungerecht behandelt fühlen.

Ja, wir haben fürwahr viele Gründe, das Leben ungerecht finden zu dürfen. Oder grausam.

Ich übe mich aktuell darin, der Natur über die Schultern zu schauen und mich dem Prinzip des Ausgleichens anzunähern. Ein Prinzip, über das ich schon sehr oft gegrübelt habe. Gegrübelt darüber, warum es unter uns Menschen doch immer wieder irgendwie zu funktionieren scheint. Dort gebe ich etwas, da bekomme ich etwas zurück. Mich diesem Naturgesetz anzuvertrauen, braucht Mut.

Heute Morgen, bei meinem Spaziergang durch ein paar meiner virtuellen Lieblingsräume, las ich Candys Arikel über den Kreislauf Mensch. Für alle genug. Das Prinzip des Ausgleichens auch bei ihr. Ha – wie toll ist das denn? Ja, auch solche nährenden Texte dienen dem menschlichen Energieausgleich. So habe ich das Bloggen noch nie betrachtet. Danke, Candy, dass ich dich hier zitieren darf!

„Hast Du Hunger?”[, fragt Candy den mageren Transsexuellen, der sie in der Nähe ihrer Wohnung um Wasser und um eine Hose gebeten hat]. Etwas Brot und Käse, originalverpackt, wechselt durch die Hände und lässt seinen Blick betroffen zu Boden wandern.
„Hör zu, ich will Dich damit nicht demütigen. Ich denke nur, manchmal geht ein Tag so schnell vorbei und irgendwann fällt einem auf, man hat noch gar nichts gegessen. Stell Dir vor, die beiden Jeans und T-Shirts konnte ich mal tragen. Aber da werde ich im Leben nicht mehr hineinpassen. Sie werden sicherlich nicht fehlen.”

Er schnäutzt sich in den Saum seines schmutziggrauen Tüllkleides und wünscht meiner Familie bis in den x-ten Ahnengrad Glück und gute Engelsmächte. Psst. Alles gut. Die behelligen wir damit nicht. Ein wenig überraschendes Glück für dich und mich. Damit hat das Schicksal schon genug zu tun.

Wir lächeln beide etwas schief.
Danke.
Gerne.

Gute Nacht.

Hinter mir zischt das Öffnen der Wasserflasche. Es war ein brüllend heißer, reicher, leiser Tag.
Genug da, für alle.

Und Gabi fehlt der Hauch einer Vorstellung, wie dankbar ich ihm bin, etwas von dem Wenigen das mir gerade möglich ist, in den großen Kreislauf Mensch, zurück zu geben.

Candy Bukowski

Quelle: den ganzen tollen Artikel findest du bei Candy Bukowski

Advertisements

6 Kommentare zu „ausgleichen“

  1. Du sagst es: die Natur IST, der Mensch bewertet. Wir können von ihr lernen, indem wir sind, ohne Wollen und Tun, ohne ringen und kämpfen, einfach nur sein, und mit dem gehen, was ist.

    Danke auch für die feine Geschichte von Candy!
    liebe Grüsse Ulli

    Gefällt mir

  2. Ja, die Natur ist nicht grausam. Sie schießt nur manchmal überoder zurück – und das nicht zuletzt, weil der Nensch grausam zur Natur ist bzw. sie angesichts des Postulats der Wirtschaft nicht achtet (z.B. Klimaerwärmung).

    Gefällt 1 Person

Kommentare sind geschlossen.