Auch ruhende Vulkane sind Vulkane

Richard, der Ich-Erzähler – dank eines Stipendiums am College –, findet zufällig Aufnahme in der Klasse des exzentrischen Professor Julian, der als Einziger diese Gruppe Auserwählter unterrichtet. Die sechs jungen Leute aus dem Buch Die geheime Geschichte von Donna Tartt, das ich seit vorgestern lese, nähern sich in ihren Studien dem Wesen und Denken der Klassiker an, den alten Griechen, den alten Römern. Alle sind sie irgendwie besessen von dieser fernen alten Welt. Besonders Henry. Für ihn gibt es fast nur seine Bücher und die vielen Sprachen, die er studiert. Er will sich nach dem Studium, falls er es denn je abschließen wird, voll und ganz der Erforschung alter Sprachen und Kulturen widmen und Bücher schreiben. Geld genug hat er, um ein Leben lang nie etwas anderes arbeiten zu müssen. Für den jungen Kalifornier Richard, bis dahin kaum gereist, ist diese Gruppe ein Glücksfall. Seine ärmliche Herkunft verbirgt der Neunzehnjährige, der die neue Welt im Nordosten der USA mit offenen Sinnen aufnimmt, hinter einer erfundenen Biografie. Nach und nach übernimmt er den Lebensstil seiner neuen Freunde, die ein vom Rest der Welt losgelöstes Leben führen. Geld ist genug da um sorglos einen Tag nach dem andern nehmen zu können. (Doch eines Tages … Nein, mehr gibt’s nicht. Bin ja auch noch nicht weiter. Lest selbst. Das Buch lohnt sich!)

Schnitt.

Mein „neues Leben“, wie ich den neuen Lebensabschnitt als Selbständige für mich gerne nenne, ist ein Leben ohne sicheres Einkommen. Das ist, zugegeben, eine Herausforderung, die ich noch nicht so ganz verinnerlicht habe. Das bedingungslose Grundeinkommen ist leider noch nicht eingeführt worden und so sollte ich endlich mal in die Gänge zu kommen und neue Werbeaktionen für meinen Textservice aufzugleisen.

Stattdessen widme ich mich hingebungsvoll meinem technischen und kreativen Flow, vertiefe mich in HTML und CSS, arbeite an einem Kunstobjekt, das in fünf Wochen ausgestellt werden soll, texte da und dort an Artikeln und Büchern, bearbeite Bilder, gehe spazieren. Schlafe viel. Arbeite viel. Gehe spät zu Bett. Schreibe morgens stundenlang im Bett Tagebuch. Oder notiere Textideen. Kurz und gut: Ich lebe das Leben, wie es mir gefällt. Aber, ähm, darf ich das überhaupt? Darf man das? Nein, keine Angst, ich lebe nicht in Saus‘ und Braus‘, auch konsumiere ich keine anderen Drogen außer Schokolade und Buchstaben. Dennoch brauche ich ein wenig Geld zum Leben, denn ich muss monatlich Miete und Krankenkasse zahlen, Lebensmittel brauche ich auch und ab und zu Benzin.

Ein Mäzen, ich brauche einen Mäzen!, habe ich heute morgen zu Irgendlink gesagt, als wir kurz telefonierten. Ich brauche einen Henry (oder eine Henriette), wie ihn Richard gefunden hat … jemanden, der seinen materiellen Reichtum mit mir teilt. Habe ich zu ihm gesagt. Brauche ich. Weil ich mir nichts mehr wünsche, als so zu arbeiten, wie es mir entspricht. Ich arbeite viel, doch meine Arbeit ist nicht mit den Maßstäben der Wirtschaft messbar. Es ist Herzarbeit, Seelenarbeit, Arbeit, die nicht jetzt sofort sichtbar wird, allenfalls später. Es ist Arbeit, die ich gerne tue. [Natürlich sind wir, als Liebende und Geschäftspartner auch Mäzen und Mäzenin füreinander. Zurzeit relauncht Irgendlink meine Geschäftswebseite, wofür ich anderswo teuer Geld zahlen müsste. Und ich lektoriere ihm immer mal wieder Texte. Gabentausch, wunderbar!]

Elitär, so zu denken – in einer Welt voll Krieg und Armut? Darf ich mir ein materiell sorgenfreies Leben wünschen – und dürfte und könnte ich es genießen und mir gönnen, wenn ich es denn endlich hätte? Wie geht es andern Kunstschaffenden mit der Materie, dem Geld, dem schnöden Mammon? Und wie geht es allen andern damit?

Nachdem ich diesen Artikel heute Morgen, noch im Bett, notiert hatte, las ich Irgendlinks Blog. Siehe da:

Konstruktion und Dekonstruktion sind wie ungleiche Zwillinge, die ein Lebtag miteinander ringen, wer der stärkere ist. Einzig die Herzblutdinge, Texte wie diesen hier zu schreiben etwa, völlig ohne finanzielle Hintergedanken, einfach nur um des Textes willen, oder eben ein Kunstwerk zu schaffen, das man einfach nur um des Werkes willen schafft, sind ein Lichtblick im Werden und Vergehen, in dem die Kräfte in unbeschreibbaren Zyklen kommen, einander aufwiegen, überwiegen und wieder vergehen.

Quelle: Irgendlink, Zerfall, 11. 8. 2014

Neulich habe ich mal wieder meinen Essay über die KünstlerInnenseele gelesen, den ich vor Jahren verfasst habe. Das Fazit daraus?

Auch ein ruhender Vulkan ist ein Vulkan. Er wird durch seine Beschaffenheit definiert, nicht durch die Häufigkeit seiner Eruptionen.

Quelle: Das Wesen der KünstlerInnenseele, © by Sofasophia/dm

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3 Kommentare zu „Auch ruhende Vulkane sind Vulkane“

  1. Salü Sophie,
    Ich wünsche Dir viel Glück mit
    Textservice, Schriftgut und Selbstständigkeit. Lebe doch so, wie Du willst! Sei glücklich! Ich bin nicht der Typ für Selbständigkeit. . ..
    Tschüss.

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