Von A bis Z

Es ist halb sieben abends, als ich endlich loskomme. Im Auto Kram für fünf Tage. Auch Arbeitszöix. Laptop und Kunst und so. Ich fahre los. Der Tank ist fast voll. Der Verkehr moderat. Alles gut. Und auch die Rush hour, dieser tägliche Wahnsinn, für heute fast vorüber. Ich fädle mich in den Verkehr ein, höre Kristofer Åström beim Singen zu und lasse meinen Gedanken von der Leine.

Viel zu schnell bewegt sich ein Auto, denke ich bald, viel zu schnell für einen Menschen, viel zu schnell für eine Seele. Und zugleich kann es mir nicht schnell genug gehen, bis ich endlich dort bin, wo ich hin will. Zum Liebsten aufs einsame Gehöft. Paradox.

Menschen!, denke ich, Menschen – alles machen wir kaputt. Wir scheißen unserer Mutter in den Bauch, bloggte Glumm neulich, die Gräfin zitierend.*

Was ist das Schlimmste, was wir tun?, frage ich mich. Das Schlimmste? Krieg natürlich. Immer diese Powergames. Immer dieses Mehr-wollen, dieses Nicht-genug-bekommen, dieses Besser-sein-müssen-sollen-wollen … Wie ich mich vom einen Gedanken zum nächsten hangle, ist es mir wie beim Zoomen zumute. Zuerst Weitwinkel. Nun Zoom. Nun mich im Visier. Nicht verurteilend, einfach nur betrachtend.

Krieg fängt im Kleinen an!, predigte unsere Mutter immer. Frieden auch, sage ich. Stimmt ja auch. Frieden mit mir selbst? Ja, auch der. Ich schäle Schicht um Schicht – schon bald Basel, der Regen hat zum Glück aufgehört – und schaue mir bei der Häutung zu. Immer kommt noch was neues untendrunter zum Vorschein.

Unsere Unzufriedenheit  – ist sie nicht in erster Linie die Unzufriedenheit mit uns selbst. Weil wir nicht wirklich handeln, wie wir wollen. Weil wir nicht wirklich sind, wer wir sind. Weil …oh,  nun köchelt meine Gedankensuppe. Grenzübergang nach Frankreich soeben passiert. Die Suppe dickt ein. Die Essenz kommt zum Vorschein. Ihr Name ist Inkonsquenz. Darum, begreife ich, darum sind wir mit uns nicht im Frieden. Mit uns nicht. Mit der Welt nicht. Banal? Gut möglich. Mir egal, denn in mir drin habe ich diese Erkenntnis, die ja nun wirklich nicht neu ist, bisher nie so ganz mit allen Sinnen begriffen. Der Kopf reicht eben nicht um zu verstehen. Nicht ganz. Er ist nur ein Teil und selbst mein aktuelles Verstehen ist immer nur ein Anfang.

Immer weiter. Da vorne muss ich abzweigen, wenn ich nicht in Mulhouse landen will. Richtung Strasbourg.
Hey, was willst du denn? Blink doch, wenn du auf meine Spur willst, du Depp! Ich kann schließlich nicht Gedanken lesen? Puh. Wo war ich gleich?

Verstehen? Ähm, nein, Stopp! Inkonsequenz war das Stichwort. Gut. Also weiter. Was kann ich also tun, um meiner Inkonsequenz zu begegnen und wo bin ich selbst inkosequent – ganz konkret? Auto- statt Zugfahren, ja, das ist schon mal ein Thema. Als Grüne sollte ich doch eigentlich … Ja, aber die Reise zum Liebsten dauert mit dem Zug doch fast doppelt so lang und ist außerdem doppelt so teuer und überhaupt! Schon geht’s los. Die zwei Herzen in meiner Brust. Sie sind es, die sich nicht einig sind und mich zu all meinen inkonsequenten Taten verführen.

Baustelle bei Colmar. Schmalspur. Die Straße wird saniert. Wurde aber auch Zeit! versus Och, war das wirklich nötig?

Also, schön langsam, immer der Reihe nach. Die zwei Stimmen. Ja, ihr Gezänk macht mich oft sehr unzufrieden. Und Unzufriedenheit schürt bekanntlich neue Unzufriedenheit, wenn sie nicht gelöst wird. Meine Gedanken mäandern, ohne dass ich ihnen immer so genau beim Plappern zuhöre. Kurz vor Strasbourg merke ich auf, als es in der wilden Diskussion auf einmal um fehlende Selbstliebe als Ursache allen Übels geht.
Ja, genau!, werfe ich ein. Das ist der Punkt, um den sich alles dreht. Denn wenn ich mir mit Selbstliebe begegne, umfassend, umfassender, am allerumfassendsten, kann ich mir meine Inkonsequenz und alles, was daran klebt, jederzeit verzeihen – statt mich mit meiner Unfähigkeit fertig zu machen. Das eine nimmt mir Energie, das andere gibt mir welche. Und wenn ich mehr Energie zur Verfügung habe, kann ich auch konkrete Schritte tun, konsequenter zu handeln, zu denken, zu sein. Denn eigentlich-eigentlich-eigentlich möchte ich ja schon, aber eben …

Bei Haguenau verlasse ich die Autobahn und fädle mich nach zwei Kreisvortritten auf die Überlandstraße nach Norden, Richtung Bitche, ein. Bald da. Nur noch etwa siebzig Kilometer.

Die Sonne verabschiedet sich. Wunderbare Stimmung. Und eigentlich-eigentlich-eigentlich ist es ja schön, das Leben, aber eben …

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* “Weißt du, was Naturzerstörung ist, Joe? Naturzerstörung ist nichts anderes, als der eigenen Mutter in den Bauch zu scheißen.”

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