Klischees und andere Versuchungen

Was war zuerst da, das Klischee oder der Mensch, der es vorzieht, ihm gemäß zu leben? Oder warum sonst leben manche Leute wie holzschnittartige Figuren aus Filmen und Büchern? (Ob es ihnen wohl an echten, lebendigen, menschlichen Vorbildern mangelt?)

Lese ich Geschichten, sehe ich Filme, betrachte ich Kunstwerke, kann es schon mal vorkommen, dass ich das Buch zuklappe, den Film ausschalte, die Ausstellung baldmöglichst verlassen. Ganz besonders dann, wenn die gezeigten Figuren auf Grund ihres Geschlechts, ihrer Berufswahl, ihrer sozialen Stellung irgendwie vorhersehbar reagieren.

Frauen, die kreischend beim Anblick von Mäusen oder Spinnen in Ohnmacht fallen, und hinterher über Mode, Schuhe und jene Männer lästern, ohne die sie doch nicht leben wollen und können, die wiederum an nichts anderes denken können als an Fußball, RTL und/oder Sex mit einer andern. Reiche Ärzte, altruistische Pfarrerinnen, verschlagene Anwälte, mit Farbflecken auf der abgewetzten Jeans herumlaufende Malerinnen, arbeitsfaule Sozialbezüger und dumme Blondinnen sind für mich als Leserin noch schlimmer als Redewendungen der Kategorie „es regnete in Strömen“. Ausgelutschte Begriffe allesamt, die wie Kaugummi, den wir auf die Straße spucken, den Geschmack verloren haben – falls sie denn je einen hatten. Man muss die neuen Metaphern, die es zu finden gilt, ja nicht auf Teufel komm raus an den Haaren herbeiziehen (höhö, ich kann es auch, das Klischee!), das nicht, aber … Ein bisschen mehr Phantasie bei der Wortwahl und ein bisschen mehr Realitätsnähe (Menschen beobachten, sie wahrnehmen) kann gewiss nichts schaden, wenn man über sie schreiben will. Besser einmal ein möglicherweise unpassendes neues Bild verwenden, als die LeserInnen zu langweilen. Ach, und dies noch gratis mit auf den Weg: Adjektive und Adverbien verstärken Klischees in der Regel, und sind oft nicht mehr als warme Luft. Das können sie ziemlich gut. Gut? Was heißt das schon? Eigentlich sind sie ja nicht wirklich schön, sie sind meistens ziemlich böse, oder jedenfalls doof und fast immer überflüssig. 😉

Ich mag dagegen Texte, ich mag Kunst, ich mag Filme, wo mich die KreatorInnen hinter ihre persönliche Fassaden mitnehmen. Mich interessiert, was sie beim Kreieren fühlten, will es zumindest ahnen. Ich will etwas fühlen, wenn ich lese, ich will neue Bilder erleben, die zwar an vertraute Gefühle anknüpfen, mir dennoch neue Erfahrungen ermöglichen. Ich will berührt werden, hingerissen, mitgerissen, auf den Kopf gestellt. Ich will, dass das Ding, das ich lese und betrachte, etwas mit mir macht.

Darum habe ich diesen Anspruch immer auch an mich. Mehr als an alle andern. Darum will ich bei der Kunst-Installation, an der ich zurzeit arbeite, nicht Schlagwörter – reduzieren können wir gut, aber wie steht es mit differenzieren? –, sondern Inhalte fühlbar machen. Die Ansprüche an mich selbst sind auch diesmal – wie immer, wenn ich etwas kreiere – fast unerreichbar hoch. Die Versuchung des Perfektionismus mal wieder. Doch vielleicht wird diesmal alles anders? Denn seit ein paar Tagen fallen mir ständig neue Ideen und Dinge* zu,

Leere Flasche – Alles ist nichts. Nichts ist alles

die mein Ur-Konzept ver-rücken und durcheinanderbringen. Sie landen, wenn der Wind weht, wie Lindenblüten in meinem Schoß. Ich brauche sie nur aufzubrühen. Abwarten. Tee trinken. (Ja, das ist auch eine bestehende Redewendungen … – Sorry, bin gleich wieder da, das Wasser kocht …)

Ausgestellt wird das Teil – ein Denkmal, ein Dankmal, eine Rauminstallation, ein interaktive Installation, aber ganz ohne Technik – erstmals am offenen Atelier in D-Zweibrücken in drei Wochen. [Mehr dazu: HIER KLICKEN.]

* Diese Flasche wartete gestern auf mich, als ich das Altglas entsorgte. Sprach zu mir. Nimm mich mit, bettelte sie. Nun denn, so soll es denn sein. Du wirst Kunst!, sagte ich zu ihr. Worauf sie Anlauf nahm, hochsprang und sich in meinen Fahrradkorb setzte.

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8 Kommentare zu „Klischees und andere Versuchungen“

  1. Nuja, Du hast schon recht mit den abgedroschenen Redewendungen. Sie nerven, weil man sie meistens irgendwann einmal zu oft gehört hat. Andererseits sind sie etwas vertrautes, manchmal wenn sie sehr ortsspezifisch sind, fast ein bisschen wie Heimat. Wenn sie in ein Land gehören, dass es nicht mehr gibt, allemal. Jedenfalls fällt mir das auf bei sehr jungen Redewendungen, die so nur ins Ländle passten und auch so nur dort entstehen konnten

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    1. mehr als die redewendungen nerven mich undifferenziert beschriebene figuren. bei den redewendungen halte ich es mit paracelsus: die dosis macht das gift. und ja, natürlich kann man mit ihnen lokalkolorit betonen. in dialogen finde ich sie oft sehr nützlich, weil die leute sie ja beim sprechen auch wirklich verwenden. anders bei erzähltexten …
      bei dir wäre mir übrigens ein inflationärer gebrauch von abgelutschtem noch nie aufgefallen … 🙂

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  2. Liebe Soso,
    nicht immer komme ich beim schreiben um derlei Redewendungen und Metaphern herum, mir geht es ums Gesamtbild, selbst wenn darin etwas versteckt ist, was ich schon hundertmal gehört, gelesen, gesehen habe, der Kontext kann daraus etwas Neues entstehen lassen. Wirklich Neues gibt es letztlich nicht, oderrr?!

    herzliche Grüsse
    Ulli

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    1. wie ich schon bei inch oben geschrieben habe: es kommt auf die menge an. und auf den kontext. das sowieso. letztlich verwenden wir ja auch wörter wie und oder oder immer wieder. es kommt eben darauf an, mit altvertrautem neue räume zu erschliessen. wobei, so wirklich-wirklich ganz neu ist ja nichts. ausser die veränderung. aber auch die dreht sich im kreis. wie die erde. und das lebensrad auch. 😉
      ps: bei dir wäre mir übrigens ein zuviel von wendungen und vertrauten metaphern auch noch nie aufgefallen.

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  3. Das Vorhersehbare in Filmen und Büchern, die schlecht konstruiert sind und in denen sich noch dazu klischeehafte holzschnittartige Personen bewegen, sind wirklich langweilig und nervend, da kann man nur abschalten oder das Buch zuklappen, falls man mal die falsche Wahl getroffen hat. Aber manche alte (wenn durch die Zeit auch schon abgelutschte) Redewendungen benutze ich auch schon mal, ab und zu, sie sind ja auch „sprechend“.

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    1. ich denke, es ist ein unterschied, ob wir sie sprechend benutzen oder in einem erzähltext. und ob wir uns der verwendung bewusst sind oder meinen, das sei nun gutes deutsch. pointiert und mit maß verwendet, kann eine redewendung schon sinnvoll sein. aber eben … das maß (siehe obige kommentare von mir …). die dosis, sagt paracelsus, macht das gift … 😉
      und ja, zum ps: wie wörter und begriffe entstanden sind, finde ich auch immer wieder faszinierend.

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