furchtbar bürgerlich

Seit ein paar Tagen geistert diese Worte durch meinen Kopf. Seit ich Ich hatte auch mal so eine furchtbar bürgerliche Phase irgendwo in einem meiner vielen Blogkommentare der letzten Tage geschrieben habe.

Bürgerlich, furchtbar bürgerlich – sogar? War ich das? Vermutlich schon, zumindest als ich noch gaanz jung war, am Anfang meiner ersten Ehe, als wir dazu noch freikirchlich und fromm waren. Puh. Und damals hat‘s wohl sogar auch zu mir gepasst. Und mich vor dem einen oder anderen bewahrt, wie ich hinter festgestellt habe. Mir aber auch den einen oder andern Kratzer beigefügt. Wenn und wäre? Egal. Das gehört eben auch zu mir und meiner Suche. Außerdem kann ich ja Dinge in meinem Leben, die mir heute nicht mehr passen, nicht einfach mit Mausmarkierung und Tastenklick auslöschen. Das echte Leben schlägt eben manchmal die seltsamsten Umwege und Haken. Verworfen habe ich dieses christliche Wissen, wie man richtig lebt, glaubt und sich von Jesus seine Schulden von den Schultern nehmen lässt schließlich zugunsten einer spannenden Ungewissheit, zugunsten eines Lebens, das an den Rändern unscharf war, das viel zuließ, viel möglich machte, viel Raum für eigene Erfahrungen bot. Das passte und passt besser zu mir. Fertige Antworten stehen mir nicht. Sie drücken wie zu enge Schuhe.

Ähm? Wo war ich gleich? Bürgerlich also, darüber wollte ich ja schreiben. Furchtbar bürgerlich sei ich gewesen. Tja. Erwachsen sei man erst dann, wenn man die Ratschläge der Eltern nicht mehr per se ablehne, las ich mal in jener bürgerlichen Zeit und vielleicht deshalb versuchte ich das eine oder andere aus, das mir meine Eltern und andere Verwandte und zum Teil sogar Gleichaltrige vorlebten und war ganz die nette Hausfrau, kochte und buk für den abends von der Arbeit heimkehrenden Ehemann und ja, dabei fühlte ich mich gar nicht mal so schlecht. Neue Rezepte kochte ich aus Kochbüchern nach und nähte Vorhänge und ähnliche Sachen. Macht das schon bürgerlich aus, furchtbar bürgerlich? Hm, nein, das reicht wohl noch nicht. Ist bürgerlich denn nicht eher eine Haltung, eine politische, eine Werte-so-und-so-definierende, die Art und Weise zu denken und zu handeln?

Okay, ich lege jetzt einfach mal los mit meiner Definition: Ein bürgerlicher Mensch hält sich immer schön am Sicherheitsgeländer seiner Arbeitsstelle und seiner Fünftagewoche fest. Er hat in der Regel eine Hunderprozent-Stelle und legt regelmäßig Geld für Ferien, Steuern, Dritte Säule, Lebensversicherung und ein neues Auto zurück, zahlt monatlich per Dauerauftrag seine Hypothek ab (Haus oder Wohnung) und ist mindestens in einem Verein oder einer Stammtischrunde dabei. Ob Fasnacht, Häkeln, Jassen oder Samariter ist dabei einerlei. Er hört am liebsten Schlager im Dreivierteltakt, liest Arzt- oder Heimatromane und schaut am Samstagabend eine Quizshow. Über seine Arbeitsstelle definiert er sich als lebenswerten Menschen, als integeres Mitglied der Gesellschaft. Wählen tut er in der Regel irgendwas in der Mitte, was nicht zu viel Veränderung verspricht oder vielleicht ein bisschen rechts davon, insbesondere wenn es um fremde Dinge wie Flüchtlinge oder Arbeitsplätzeklau oder sowas geht. Schließlich haben wir uns ja diesen heiligen Wohlstand erarbeitet, da geht es doch nicht, wenn Fremde einfach daherkommen und sich in das von uns mühsam gemachte Nest legen. Mühsam? Das ist es, mühsam … Ein bürgerlicher Mensch arbeitet mühsam und lobt sich selbst dieser Mühe und des Schweißes seines Angesichtes. Er hat wenig Verständnis für jene, die möglicherweise gerne arbeiten und auch mal nichts tun und darum vielleicht nur Teilzeit „in den Stollen gehen“, vielleicht sogar freischaffend sind, und dann womöglich noch etwas mit Kunst oder Kultur oder so am Hut haben. Wozu soll das bloß gut sein? Die zahlen eh kaum Steuern. Sozialschmarotzer!

Bürgerlich bedeutet für mich eine innere Haltung, die ziemlich wenig Räume hat für unbekanntes, die sich auf Traditionen und Wege festlegt, die man schon immer so und nicht anders gegangen ist. Bürgerlich ist vielleicht mein Synonym für unflexibel? Obwohl … nein, das ist zu wenig. Bürgerlich ist mehr. Es hat sogar Farben: beige, orange, grün, und riecht nach Staub und nach Siebzigerjahre. Häkeldeckchen sind sein Markenzeichen und saubere Fenster mit Gardinen davor und Sätze wie „was denken wohl die Nachbarn, wenn ich …“. Bürgerlich sein ist ein freiwilliges Gefängnis.

Obwohl … sind wir nicht alle Gefangene unserer eigene Denkmuster, unserer Haltungen und Prinzipien? Und bin ich womöglich nicht doch auch ein klein bisschen bürgerlich mit meinem Gärtchen auf der Terrasse, mit den selbst eingekochten Marmeladen, Einbauküche, Spülmaschine und Auto? Oder ist mein Auto womöglich zu alt für Bürgerlichkeit?

Was genau steckt denn hinter meinem Feindbild Bürgerlichkeit? Wohl ist es die Intoleranz, die mich am meisten reizt, diese aus allen Poren triefenden Überheblichkeit spießbürgerlicher Menschen, dieses zur Schau getragene Selbstgefälligkeit, diese Haltung von „ Schaut her, ich mache es richtig!“, die ich nicht ab kann. Und ja, vielleicht bin ich insofern tatsächlich auch ein klein bisschen bürgerlich, dass ich natürlich auch davon überzeugt bin, dass ich den besseren Durchblick habe als die andern, denn – im Gegensatz zu ihnen – weiß ich zumindest, dass ich nichts weiß. Weil ich begriffen habe, dass es keine letzten Antworten gibt. Weil ich nicht mehr an Gerechtigkeit glaube. Ach, ich gestehe es, ich habe schon so oft Menschen dieser Spezies mit einer Art Verachtung und Intoleranz betrachtet. Mit genau dieser inneren Haltung sogar, die ich an ihnen verabscheue.

Ich habe es ja gesagt, auch ich habe furchtbar bürgerliche Seiten. 😉

Warnung:
Das ist so etwas ähnliches wie eine Satire. Zu allfälligen Nebenwirkungen befragen Sie bitte Ihre Bloggerin oder Ihr Herz.