Geschmeidige Finger oder goldenes Schweigen?

Ich möchte so gerne mal wieder einen richtig schönen, klugen Blogartikel schreiben, einen sofasophischen, einen nahrhaften. Nicht immer nur Dinge über meine Reisen schreiben, nicht immer nur Dinge über Dinge schreiben, sondern Dinge über das wirkliche Leben, bewegende Dinge. Manchmal jedoch hindert mich etwas, das ich schwer benennen kann, daran, einfach drauflos zu schreiben. Drauflos zu sophieren.

Die über dreihundert Follower auf WP und FB: warum followen sie mein Blog? (Followt man wem oder wen? Und wenn ja: warum?) Lesen sie meine Artikel wirklich oder lesen sie sie nur quer? Verstehen sie, was ich sagen will? Was sind das für Menschen, abgesehen von den vielleicht zwanzig-dreißig Menschen, die regelmäßig – oder auch nur hin und wieder – kommentieren? Und wie beeinflusst das Wissen um diese unbekannten Menschen mein Schreiben? Darf es mich überhaupt in irgendeiner Weise beeinflussen? Soll es sogar? Nennt man das womöglich Inspiration oder ist es eher Anpassung? Und warum schreibe ich überhaupt öffentlich? Falls ich nicht wollen würde, dass mir jemand beim Schreiben zuschauen und seinen Senf dazu abgeben kann, sollte ich es lieber im stillen Kämmerchen tun. Tue ich aber nicht. Weil ich bloggen will. Weil ich mich regelmäßig warm schreiben will. Damit die Finger schön geschmeidig bleiben. Und der Geist erst recht.

Sind öffentlich Schreibende narzisstisch? (Darüber habe ich hier schon oft andeutungsweise geschrieben.) Womöglich leben wir einfach in einer durch und durch narzisstischen Gesellschaft? Sage ich das nun, um von mir abzulenken? Jein. Ablenken muss ich nicht, denn vermutlich stimmt es – und ich bin es, auch, narzisstisch, meine ich. Denn ich gestehe, dass ich mich über mein Blog freue. Dass ich gerne rauf- und runterscrolle. Dass ich mich über Kommentare und so weiter freue. Dass ich mich über euch freue, die ihr mein Blog besucht. Dass ich mich über den Austausch mit euch freue. Abzulenken gibt es also nichts, nur zuzugeben.

Wenn ich mich auf andern sozialen Medien umschaue, begegnet mir – noch mehr als hier – Likegeilheit. Weniger auf meiner Timeline vielleicht, als bei Seiten und Gruppen, die ich hin und wieder frequentiere. Nicht immer, nicht überall. Aber doch oft und immer wieder. Und eine Oberflächlichkeit, gegen die auch ich nicht immun bin, weil wir doch alle immer zu wenig Zeit haben. (Wofür?) Wir wollen in möglichst kurzer Zeit möglichst viel lesen, möglichst viele Infos einnehmen, verdauen, allenfalls gleich outputen und reagieren und kommentieren und eine Meinung dazuhaben. Überall und zu allem wollen wir/sollen wir eine Meinung bilden. Eigentlich leben wir diesbezüglich in einer wirklich verrückten Zeit: überall ist unsere Meinung gefragt. Unsere (Be-)Wertung. Unsere Empfehlung. Überall haben wir die Möglichkeit, unsere Meinung zu sagen, zu schreiben, mitzureden, mitzudiskutieren.

Schön und gut, doch wenn ich manchmal öffentliche Diskussionen und Kommentarstränge lese – insbesondere bei politischen Themen – muss ich oft mit lesen aufhören. Weil … das ist oft respektlos und unter der Gürtellinie, was da geredet wird. Selbst aus hochsensiblen Themen werden bald schwarzweiße Grabenkämpfe. Polarisierung. Und das ist, so hoffe ich, nicht der Sinn dieser Meinungsfreiheit?

Kommt dazu, dass man sich, will man von seiner Meinungsfreiheit und -möglichkeit Gebrauch machen, fast überall anmelden muss. Daten, Daten, Daten … Sie wollen ja nur deine Seele, die Netzwerke! Um zu wissen, womit und wie sie dich noch besser und noch persönlicher bewerben können, damit du (weiterhin) eine gute Konsumentin bist. Nein, darüber werde ich heute nichts schreiben, darüber könnt ihr euch heute und immer wieder ganz allein den Kopf zerbrechen.

Deine eigene Meinung: zählt sie wirklich, bewirkt sie wirklich etwas?

Meine eigene Meinung: Hauptsache du machst dir Gedanken, du lässt dein Denken nicht vom Mainstream kämmen und föhnfrisieren, sondern erlaubst dir persönlich deine eigene Meinung. Das Wichtigste, was du dazu brauchst, ist wohl Mut, nein, das Wichtigste, was du zum Leben brauchst, ist natürlich Liebe. Die zu dir. Die zu andern. Die zur Welt. Weil – ohne sie könntest du wohl nicht mutig deine Meinung sagen wollen.

Tja, … und schon wieder ist nichts aus meinem Schöner Artikel-Plan geworden (siehe oben). Vielleicht sollte ich also einfach mal nichts sagen/schreiben … schweigen ist ja bekanntlich Gold?

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11 Kommentare zu „Geschmeidige Finger oder goldenes Schweigen?“

  1. bloß nicht nix sagen! bitte! ich lese dich so gerne.
    und man kann dem schon sehr verfallen, dem netzwerken. aber ist es nicht gleich dem abends in die kneipe gehen und leute treffen? nur ruhiger, weil ohne gegröhle und zu laute musik? und nachhaltiger, weil das heute gesagte auch morgen noch da steht?
    ich hab da nicht so viel ahnung oder besser nur eine kleine ahnung von.
    kein fb, kein twitter und ähnliches. bewußt nicht.
    nur whatsapp für bequemes dem-kind-nahe-sein. nasowas 🙂
    ich gehe dann wohl auch mal laub und so … dabei läßt es sich herzhaft nachdenken!
    🙂

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    1. das nichts-sagen habe ich ja bloggenderweise bereits ad absurdum geführt … 🙂 und nein, ich möchte nicht ohne schreiben sein, könnte gar nicht. vielleicht manchmal mehr unöffentlich, statt öffentlich, aber nicht ohne.
      und ja, die netzwerke haben ihren namen, wenn man sie als das nutzt, was sie sind, verdient. ich fühle ich im blognetz ziemlich geborgen, im mailnetz auch, im fb-netz irgendwie auch … es sind halt alles einfach feine menschen, mit denen ich mich da treffe.
      wie in der kneipe, guter vergleich.
      danke und cheers 🙂

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    2. genau, so sehe ich das auch.
      ich setz mich in der kneipe auch zu den leuten oder mit den leuten, die ich mir aussuche.
      im netz ist die wahrscheinlichkeit höher, jemanden zu finden, mit dem man sich auch in die kneipe setzen würde 😉
      so proste ich dir auch zu ♥

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  2. Aber du schreibst doch immer schöne, kluge Blogartikel 🙂 Vermutlich haben wir beim Schreiben immer unsere treueste Fangemeinde etwas im Hinterkopf und sind nicht ganz so losgelöst, wie wir uns dies manchmal gerne einbilden. Ein Artikel ist so etwas wie die Quersumme der täglichen Gedanken. Was raus muss, muss raus. Wer sich davon nicht angesprochen fühlt, weil es gerade nicht seiner Stimmung entspricht oder zu seinem Gedankengut passt, liest quer oder eben gar nicht. Du schreibst so, wie du bist und das gefällt uns. Du schreibst, weil du Talent dafür hast. Wenn du besser stricken als schreiben könntest, hätten wir hier täglich Bilder von Gestricktem, mit oder ohne Fallmaschen und den Narzissmus, tragen alle Menschen in sich. Ich für meinen Teil siehe lieber gestrickte und gehäkelte Texte als Selfies. Ist auch viel inspirierender, weniger narzisstisch und nährreicher.

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    1. hach, und ich weiss sogar, dass du das nicht einfach als bauchpinselei schreibst. weischwieschön! merci vielmol für dini wort!
      ja, ich weiss es ja eigentlich schon, dass ich das will und „muss“ (innerliches müssen), aber eben: zweifel und so weiter gibts halt immer mal wieder. und dann muss man sich ein bisschen zu grunde gehen lassen und wieder auftauchen.
      danke für den gedanken mit der quersumme, der gefällt mir besonders gut.

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  3. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen, denn all das frage ich mich auch und all das zerdenke ich oft auch. Und ja, liebe Soso, all das muss hin und wieder mal raus. Ich atme gerade erleichtert aus! (Würde ich mal über kluge Dinge schreiben, käme sehr ähnliches dabei raus.)

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  4. Ich finde, es geht nicht darum „schöne, kluge“ Beiträge zu schreiben. Viel mehr ist das Schreiben (für uns alle?!) doch eine Leidenschaft. Etwas, das gut tut. Das Freude bringt, wenn man seine Gedanken niedergeschrieben hat und merkt, dass es anderen gefällt, dass auch andere die gleiche Meinung vertreten oder mit guten Argumenten eine andere Meinung verkünden. Ich finde, dass Blogartikel eine wunderbare Möglichkeit sind, sich und seine Gedanken mitzuteilen, vielleicht Anregungen zu geben, ein Lächeln zu schenken oder jemanden vielleicht wirklich zum Nachdenken anzuregen. Von daher ist JEDER Blogartikel klug und schön. Denn für irgendwen ist vielleicht genau dieser Beitrag der Grund, warum sich das Gedankenkarussel dreht 🙂

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    1. dankeschön. das artikelintro ist augenzwinkernd gemeint und durch den artikel ja auch ad absurdum geführt.
      und ja: ich schliesse mich deinem blog-plädoyer 100%ig an. ist genau meine meinung. weshalb ich auch si gerne blogge und andere blogs lese!
      danke und willkommem hier.
      und auf wiederlesen!

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