Nach uns die Zukunft?

Heute Morgen habe ich leer geschluckt. Emil hat – ohne meinen Text gelesen zu haben – sozusagen die Fortsetzung meines gestrigen Artikels geschrieben. Er fängt mit einem Zeitungszitat, aus dem ich hier rezitiere an:

Zwar leben wir in einer Zeit galoppierender Modernisierung, der Begriff Zukunft wird jedoch nicht mehr durchweg positiv wahrgenommen. Wir wissen nicht, ob Kriege, Umweltkatastrophen, demografische Probleme oder Wirtschaftskrisen auf uns zukommen, bestenfalls bleibt alles, wie es ist. Man möchte an diese Zukunft nicht erinnert werden, man möchte vielmehr von dem Gedanken an sie abgelenkt werden. Also feiern wir in Mode und Stil die vergangenen Jahrzehnte. Die fünfziger, sechziger, siebziger, achtziger, sogar die neunziger Jahre: Jede vergangene Dekade erscheint uns attraktiver als das, was noch kommt. […] Früher bedeutete Industrie-Design, das gleiche Produkt für viele Menschen herzustellen. Ein Design musste für alle passen. […] Ein innovatives Produkt reißt die Menschen nicht mehr mit – es passt sich an sie an. Man kann kaum noch eine Zukunftsvision für alle formulieren. Denn die Menschen nehmen sich nicht mehr als Teil eines Ganzen, sondern als Individuen wahr. Mit ganz eigenen Werten und Interessen.

Quelle: Tillmann Prüfer im ZEITmagazin Nr. 43/2014; S. 24

Aus seinen Gedanken zitiere ich hier ebenfalls. Und zwar jene Sätze, die auch ich schon so ähnlich gedacht.

Ein Einzelner ist leicht abzulenken, die Kraft eines einzelnen Menschen ist schnell erschöpft. Eine Masse könnte tatsächlich etwas am System ändern – das aber ist nicht gewollt. Also wird der Mensch, der Bürger, zum Konsumenten gemacht. Und damit es ihm nicht langweilig wird, darf er sich seine Konsumgüter selbst gestalten: Farbe, Material, Oberflächenbeschaffenheit sind auswählbar. Aber schon die Haltbarkeit ist etwas, das keinesfalls mehr beeinflussbar ist: Gleichwohl etwas geschont wird, es wird wirklich kurz nach Ablauf seiner Gewährleistungsfrist kaputtgehen.
[…] Keiner mag mehr normal oder gar Durchschnitt sein, in irgendeiner Weise sich eben nicht nur unterscheiden von allen anderen, sondern sogar besser sein als alle anderen. Aber wir sollten uns unsere Gemeinsamkeiten nicht aus den Augen verlieren, sie uns nicht aberziehen (lassen) und sie schon gleich gar nicht verkaufen …
Und wir sollten uns wieder einer Zukunft bemächtigen, einer gemeinsamen, einer, die allen Menschen ein Leben gestattet ohne Existenzängste, ohne Hunger, ohne Sterben an heilbaren Erkrankungen, ohne Krieg und ständige andere Kämpfe.

Quelle: Der Emil, Denkaufgaben Individualismus vs. Gemeinschaft

Ich freue mich immer, wenn ich bei meinen Blogbesuchen auf Gedanken treffe, die meine eigenen spiegeln, weiterentwickeln und so bei mir als Inspiration und Ermutigung zum Weiterspinnen ankommen. Ich freue mich, wenn andere das Leben auf mir vertraute, ähnliche Art wahrnehmen.

Personalize-me überall wer dieses Blog liest, liest einen von mir personalisierten Blog. Zwar gibt es nur eine beschränkte Anzahl WordPress-Designs (Hunderte inzwischen, vermute ich), aber diese lassen sich immer – teilweise gratis, teilweise mit Aufpreis – den persönlichen Bedürfnissen anpassen. Kaum jemand hat ein unverändertes Standardthema. Wir alle wollen doch, wie Emil sagt, anders sein als der Durchschnitt. (Notiz an mich: Warum ist eigentlich die Normalität und der Durchschnitt so negativ gefärbt? Zumal wir alle, wenn es hart auf hart geht, auf gar keinen Fall nicht normal sein wollen.)

Irgendwann ist der Höhepunkt jeden Wachstums erreicht. Alles hört irgendwann auf, zu wachsen, jeder Mensch, jeder Baum. Oder sagen wir es so: Ein Baum wächst irgendwann nur noch langsam; mehr in seiner Qualität als in der Quantität (Größe, Länge, Höhe, Breite, Dicke, Umfang und so weiter). Auch der Umfang von Individualismus wird eines Tages nicht mehr zu toppen sein. Was dann? Wird das Pendel vom höchsten Punkt – wie es die Schwerkraft vorgibt – wieder zum andern Ende zurückschwingen, zum Kollektivismus? Zu einer neuen Form davon womöglich?

Werden wir Menschen – wenn wir schon die Vergangenheit so glorifizieren wollen, wie im obigen Artikel beschrieben – aus der Geschichte lernen und irgendwie einen Weg finden, der als ganze Gesellschaft gangbar ist. Und zwar für alle, nicht nur für eine Elite, zu der wir  – selbst wenn wir nicht viel Geld haben – dennoch gehören. Immerhin sitzen wir an einem Laptop/PC/iBook oder Notebook und können lesen und schreiben. Und ein paar andere Dinge mehr.

Wie wir – als Ganzes, als Gesellschaft – uns unserer Zukunft bemächtigen, weiß ich nicht. Ich bin gespannt. Und ich hoffe, dass ich dazu beitragen kann, dass es ein Weg ist, der uns allen das Leben lebenswerter macht.

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10 Kommentare zu „Nach uns die Zukunft?“

  1. karl marx hat das mal formuliert. wir haben das bis zum erbrechen auswendig lernen müssen.
    er sagte, dass die gesellschaft die summe der beziehungen und der verhältnisse unter den individuen und nicht die individuen als solche ist.
    er benennt drei gesellschaftsformen, die sich auf einer art spirale höher entwickeln.
    die urgesellschaft
    der bürgerliche kapitalismus (als vorstufe sklaverei, feudalismus)
    der sozialismus und daraus die klassenlose gesellschaft.
    irgendwo hat seine spirale wohl einen knick. früher fand ich das nämlich einleuchtend.
    heute bin ich unsicher.
    deine überlegungen teile ich.

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    1. irgendwie denke ich, dass wir uns eben als gesellschaft unsere umgebung gemeinsam erschaffen. wir bekommen das, was wir „verdient haben“, also: wir bekommen, was wir uns erarbeiten, erdenken, konsumieren, kreieren. und das meine ich nicht mal wertend, einfach als eine art fakt. wir schaufeln uns das eigene grab, wäre es auf zynisch gesagt.
      wo genau wir hingehen? ich hoffe einfach sehr, dass wir wieder mehr mitverantwortung übernehmen. jetzt und zukünftig. und dass die währungen nicht primär geld und zeit sein werden, sondern mehr und mehr wieder zwischenmenschliche begegnung. was marx über beziehungen sagte, leuchtet mir irgendwie ein.
      danke für deine gedankenunterfütterung!

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    2. …“ich hoffe einfach sehr, dass wir wieder mehr mitverantwortung übernehmen. jetzt und zukünftig. und dass die währungen nicht primär geld und zeit sein werden, sondern mehr und mehr wieder zwischenmenschliche begegnung“ …ach wie sehr möchte ich das auch hoffen. grade aber war ich in berlin. konsum, geld, der schöne schein beherrschen hier die straßen. wahrscheinlich war es ein fehler, dass wir uns die neue mall angesehen haben. größer, teurer, mehrmehrmehr!
      ich kann es kaum in worre fassen.
      kaminabendliche grüße aus meiner höhle 😉

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    3. hoffen wir und tun das unsere zum besserwerden 🙂 den lebensmittelsatz nehme ich mit in mein „alles andere so“

      und dann lese ich eure reise weiter, die mich übrigens segr fesselt und beeindruckt. aber dazu wannanders mehr.

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  2. Mein Artikel war schon gegen 22 Uhr fertig und auf 00.15 Uhr geplant, Ich konnte also Deinen Text ganz sicher nicht vorher lesen. Ich würde auch nicht den einen als Fortsetzung des anderen bezeichnen (Deinen sah ich, als ich ihn sah, eher als Fortsetzung meines Textes an 😉 ), sondern sehe zwei Texte mit miteinander sehr eng verwandten Sichtweisen auf das Leben, das Universum und den ganzen Rest …

    In diesem Sinne „thanks for all the fish!“

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    1. ja, so kann man das auch sehen. für mich war es eine art fortsetzung von gedankenfolgen.
      witzig ist, dass wir ja dann quasi gleichzeitig ähnliches gedacht und geschrieben haben.

      in diesem sinne: ich hoffe, das berühmte handtuch sei immer in reichweite. bei fisch weiß man nie so genau … 😉

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