Ewige Pilgerschaft

Ein Pilger ist einer, der eine Haltung sucht zu Ranken
und anderen Fesseln, doch welche? Soll ich sie
mit meinem scharfen Pilgermesser abhacken, so
schnell sie wachsen? Oder sie hegen und pflegen und
jeden Tropfen, egal welchen Wassers, auffange, um sie
in ihrem Ringen zu stärken? Liebe ist das
Geheimnis im Innern dieses Gehens. Wie
ein Hund läuft sie uns voraus aus dem Bild.*

Was willst du festhalten, Frau?
Worum sorgst du dich?
Was pflegst du?
Und was lässt du los?

Wofür gehst du?
Wofür brennst du?
Was ist das Holz,
was das Öl deines Lebensfeuers?

Und womit löschst du den Brand?
Womit deinen Durst?

Was schneidest du ab und wozu?
Was lässt du wachsen und wohin?

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* Den ersten Abschnitt zitiere ich aus Anne Carsons Die Anthropologie des Wassers; Aus Burgos, 3. Juli.

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Reizwörter #1 – Schuld und Scham

Ich beginne heute mit einer unregelmäßigen Serie mit Texten zu Reizwörtern.
Wörter, die reizen, haben wir alle.
Wörter, die uns auf der Zunge liegen, oft viel zu oft;
Wörter, die uns schmerzen,
Wörter, die wir meiden.
Dazu werde ich frei assoziieren und danach möglichst wenig verändern – allenfalls Tippfehler entfernen. Es werden deshalb ziemlich rohe Texte sein, art brut littéraire sozusagen. Ihr könnt mir gerne Wörter nennen, die ihr vom mir „bearbeiten lassen“ möchtet. Und wenn ihr Lust habt, könnt ihr diese Reizwörter-Idee bei euch in den Blogs gerne weiterspinnen.

 
*****

Scham und Schuld

Etwas müssen wir uns doch von unserer ständigen Scham erhoffen, etwas müssen wir uns doch von unseren steten Bitten um Verzeihung versprechen? Würden wir uns ständig schämen, würden wir uns immerfort schuldig fühlen, wenn wir davon nichts hätten? Und das Fremdschämen erst, was erwarten wir uns davon?

Ich schüttle das Sieb, die Fragen darauf sind hartnäckig. Sie passen nicht durch die Löcher, verkleben sie nur, bleiben hängen, lassen mich ohne Antworten zurück.
Im Becken darunter die Leere.
Leere.
Leer.
Mein Becken.

Schuld? Ent-schuld-igung heißt doch Nimm die Schuld von mir, die ich mir aufgeladen habe.
Die ich glaube, mir aufgeladen zu haben.
(Wieso lasse ich mir etwas aufladen? Bin ich es gar selbst, die auflädt und wieso? Und wieso fühle ich mich dir gegenüber schuldig?)

All diese Dinge, für die ich mich schäme.
Weil ich nicht gut genug bin.
Weil ich eine falsche Entscheidung getroffen habe.
Weil ich etwas nicht weiß.
Weil ich etwas nicht kann.
Weil ich etwas kann.
Weil ich mehr weiß und mehr kann, als andere.
Weil ich etwas getan habe. Etwas gutes vielleicht sogar.
Weil ich die bin, die ich bin.
Weil ich bin.
Weil ich.

Und dafür die Scham.
Die Schuldgefühle.
Dafür.
Deswegen.

Ich baue Schuldtürme aus Dingen. Aus Definitionen. Bald werde ich einen Kran brauchen.
Ich bin zu klein um die neuen Steine oben drauf zu legen.
Ich bin zu klein für meine Schuld.
Ich schäme mich dafür, dass ich so klein bin.
(Obwohl ich groß wäre, innendrin, aber niemand als ich weiß es.)
Ich schäme mich dafür. Darum ziehe ich schon wieder den Kopf ein. Wie immer.
Ich habe mich an die Scham gewöhnt.
Ich habe mich daran gewöhnt, an allem Schuld zu sein.
Ich lade mir die Schuld der Welt auf die Schultern. Immer mehr.
Ich breche zusammen.
Ich kann nicht mehr.
Endlich.
Ende der Schuld.
Scham stirb.

 

(Assoziatives Nachdenken über die Reizwortthemen Schuld und Scham)

Ein neuer Atem

Heute stelle ich euch ein neues Buch vor. Ausnahmsweise mal keinen Roman und ausnahmsweise eins, das ich noch nicht gelesen habe. Ich kenne allerdings den Verlag und ich habe schon einiges über Frau Spirig gelesen. Auch ihre Antworten aus dem Interview, aus dem ich nachfolgend zitiere, sprechen mich an. Am liebsten würde ich mich mal mit ihr zusammensetzen und über Trauererfahrungen sprechen. Und ja, ich bin fast sicher, dass ich das Buch demnächst lesen werde.

Trauma-CoverErfahrung mit dem Thema hat Janine Spirig. Sie ist Mutter von drei Kindern und seit 1999 verwitwet. Ihr Mann ist erschossen worden. Der Lehrermord erschütterte St. Gallen. «Wie sehr, habe ich erst viel später realisiert», sagt sie. […]

Das Perfekte im Unperfekten

«Wir haben hohe Erwartungen an das Leben, dass es stets rundläuft und ohne Leid. Wir lernen in unserer Gesellschaft nicht, mit Leid umzugehen», sagt Janine Spirig. «Wir verdrängen es. Es ist unangenehm.» Ein Trauma zwinge einen umzudenken, sich mit den eigenen Abgründen auseinanderzusetzen – und dabei das Tragende im Untragbaren, das Verbindende im Trennenden zu finden. Sie habe gelernt, das Leid – neben der Freude – «leben zu lassen» und zu akzeptieren, dass «das unperfekte Leben das perfekte sein kann; das gibt eine neue Leichtigkeit».

«Unverdaubare Ereignisse»

Ist ein Trauma nie vollständig therapierbar? Sie muss nicht lange überlegen, schüttelt den Kopf. «Es gibt unverdaubare Ereignisse.» Nach einer Pause: «Das Trauma hat etwas Zerstörerisches. Wenn es gelingt, mit dem Erlebten im Alltag umzugehen, verliert es mit der Zeit seine zerstörerische Macht.»

Weg sei es auch dann nie. «Es ist im Körper gespeichert.» Und es werde immer mal wieder «wachgerüttelt». Durch eine Begegnung, ein Wort, eine Erinnerung. Planlos, unberechenbar. Für einen selber wie für die Umgebung.

Regula Weik im Tagblatt über das neue Buch von Janine Spirig, «Trauma, und ein neuer Atem», Edition Spuren, Winterthur, 2014

Quelle: www.tagblatt.ch/ostschweiz