Verlieren und wieder finden

Meine letzten Monate waren intensiv, äußerlich und innerlich. Randvoll fühle ich mich, fast übersättigt. Voll mit Wörtern, mit Bildern. Heute ist fasten, verdauen und ausscheiden angesagt. Selbst Worte finden. Allenfalls ein Buch lesen. Allenfalls ein Buch besprechen. Spazieren gehen vielleicht. Ansonsten: selbst schreiben. Selbst kreieren. Selbst denken. Und dieser leisen Irritation in meinem Leben zuhören, die mich da fragt, was wirklich ist, wahr war und echt wird. In diesem Augenblicken möchte ich mein Netz sehen, alle meine Spuren, die ich bis hierher gegangen bin. Alle Verbindungen, Vernetzungen, Verstrickungen, Beziehungen, Verwandtes und Verwandte, Relations. Denn relativ ist alles. In Bewegung auch. Ein Ziehen und ein Lassen. Dichte Netze, in denen ich hänge. Dichte Schichten, gedichte Schichten. Geschichten. Gedanken, Spiele, Worte. So viele, dass mir nur schreiben bleibt. Ausscheiden.

Über das Verlieren nachdenken und was man finden kann, wenn man loslässt. Selbst wenn man es nicht bewusst getan hat. Die vielen Menschen, die meinen Weg kreuzen. Gekreuzt haben. Noch kreuzen werden. Manche sind eine Zeitlang fast parallel zu mir unterwegs, ganz nah tangieren oder kreuzen sie meine Umlaufbahn sehr oft und sehr intensiv. Irgendwann verändern sich unsere Lebenskurven und man sieht sich seltener, hört sich weniger und auf einmal ist ein Mensch weit weg. Obwohl er im Herz geblieben ist. Solche Menschen auf einmal wiederzusehen, ist für mich immer wieder wie Briefkasten öffnen am Geburtstag. Danke, liebe R., für diesen wunderbaren Nachmittag und Abend gestern. Den Einblick in dein Leben. Und in das deines kleinen-großen Sohnes. Ich fühle mich beschenkt.

Umlaufbahnen. Wege, die wir gehen. Ich möchte, wie gesagt, meine Wegkarte manchmal sehen, von oben am liebsten, wie einen von meiner Track-App aufgezeichneten roten Weg auf meiner Lebenskarte. Aber nicht nur die Wege von gestern, von letztem Monat, von letztem Jahr. Ganz von Anfang an! Würde ich so womöglich meine Lieblingsorte herausfinden, jene Orte, die mich am meisten nähren? Wären dies jene Orte, wo ich am häufigsten bin? Oder hat Häufigkeit keine Bedeutung, weil sie im Grunde nichts über die Qualität eines Ortes aussagt? Lieblingsorte – was müssen sie erfüllen, um diesen Namen zu verdienen?

Was Bern für mich ist, versuche ich noch immer zu verstehen. Immer wieder. Gestern war ich mal wieder dort und in der Umgebung unterwegs. Zuerst auf dem Friedhof. Ihn zu meinen Lieblingsorten zu zählen, wirkt auf den ersten Moment zynisch. Vor allem, wenn man nicht weiß, dass ich schon früher Friedhöfe gemocht habe. Vor allem, weil sie oft genau das sind, was ihr Name bedeutet; für mich jedenfalls. Die Gegenwart sichtbarer Endlichkeit erlebe ich nirgends so sehr wie auf Friedhöfen. Mir ist das Trost, meine Endlichkeit tröstet mich; jegliche Endlichkeit tröstet mich. Im Wissen darum, dass sich das Universum stetig ausdehnt und Endlichkeit letztendlich ja doch nur eine Illusion ist. [Und mittendrin die Frage, ob man elf Jahren danach wieder normal sein sollte. Normal?] Vermutlich. Keine Antworten finden und haben zu müssen, ja, auch das finde ich auf Friedhöfen. Und ganz viele Paradoxien. Am meisten aber finde ich hier Liebe. Liebe? Ja. Sie liegt unter der Erde, schwebt über den Gräbern, steht auf den Grabsteinen, vor allem aber ist sie Teil der Luft, die ich atme. Verlust. Trauer. Tränen. Ja, auch sie, am stärksten aber ist die Liebe.

Mein rotes Straßennetz also. Wo wären meine häufigsten Kreuzungen? Vielleicht dort, wo es am wenigsten Wege gibt. Und schon gar keine Schnellstraßen. In Wäldern vermutlich. Auf Hügeln. An Flüssen. In der Natur jedenfalls.

Gestern also. Um Bern herum. Vom Friedhof nach M.see, an die Fotoausstellung von Freundin R., die ich fast vier lange Jahre nicht mehr gesehen habe. Sporadische Mails zuerst noch. Irgendwann nichts mehr. Nicht absichtlich. Die Zeit, die Zeit. Das schnelle Leben. Auf fb haben wir uns schließlich vor ein paar Monaten wiedergefunden.

Am Anschluss an ihre Ausstellung lädt sie mich zu sich ein. Mit Sohnemann und ohne Autositz in meiner Karre will sie aber mit öffentlichem Verkehr nach Hause fahren, derweil ich mich durch den frühen Samstagabendverkehr fuhrwerke. Über Land mache ich kurz Halt und genieße die Weitsicht. Die Alpen. Den diesigen Nebel, der sich nun langsam, wo es Abend wird, wieder vor die sinkende Sonne schiebt, die alles gegeben hatte, um sich von ihrer besten Seite zu zeigen. Weite. Schneebergspitzen.

Eine ältere Dame sitzt in der Nähe, kommt auf einen Schwatz auf mich zu, später kommt ihre Schwester zurück, die mit dem Hund unterwegs war. Wir reden über die Berge, das Land, das Leben, den Weg von hier nach K., wo Freundin R. wohnt. Autobahn oder über Land, geht beides. Nein, hier lang gelangt man zwar nicht nach K., aber der Schlenker hat sich gelohnt. Die Aussicht. Die zwei Frauen. So will ich mal sein, so ähnlich, wenn ich so alt sein werde. Falls ich so alt werde. Offen. Interessiert.

Bevor ich nach K. fahre, zieht es mich, wenn ich schon in der Nähe bin, nach Ausserholligen, meinem früheren Wohnquartier. Sechs Jahre mein Zuhause. Und ja, wirklich ein Zuhause. Es ist auch jetzt noch, nach dreieinhalb Jahren, wie heimkommen. Erinnerungen überschwemmen mich. An die erste Zeit hier vor allem und an die Zeit, als ich Irgendlink schon kannte. Wie wir dieses Quartier gemeinsam erforschten. Ich betrachte die neuen Häuser, die Schule, die ich als Baustelle verlassen hatte. Ich sehe die neuen Läden im Quartier und frage mich, wie lange sie sich halten werden. Ich höre das stetige Straßenrauschen meiner Lieblingsstadt. Das Quietschen der Straßenbahn. Ich liebe diese Stadt, auch wenn ich ein Landei bin. La nostalgia. Nach K. fährt es sich fast wie von allein, ist ja mein früherer Arbeitsweg.

Monster
Tausendfüssler

Bei R. erzählen, lachen, staunen, fein essen, mit Sohn B. (6) über die Ausdehnung des Universums fachsimpeln und rumalbern. Sich wiederfinden, ohne sich je ganz verloren gehabt zu haben.

Lebenswege. Roter Faden. Heimweg.

Ich fädle mich in den Zubringer und schließlich in die Autobahn ein. Wie oft bin ich früher hier eingespurt? Richtung Süden am Anfang, später eher Richtung Norden, Basel, Strasbourg, Pfalz.

Das Leben. Meine Wege.

Über das Leben und alles unterwegs verlorene, verloren geglaubte, denke ich nach. Und was ich alles wieder zurückbekommen habe. Denn was ich losgelassen habe, ist nicht wirklich verloren. Aber ich muss nicht alles, was war, wiederhaben, nein. Weil es ja gar nicht weg ist. Habe ich die Musik, die Bücher, die Geschichten, die Menschen, die ich früher in meinem Leben hatte, verloren? Bin ich womöglich eine Ewig-Gestrige, weil ich noch immer einiges so habe wie früher? Und wenn schon. Schubladen sind mir egal. Ziemlich jedenfalls.

Nichts geht verloren, wandelt sich aber. Auch du und ich – wir alle verändern uns. Ich habe vieles beerdigt, und tue es noch. Immer mal wieder ist Beerdigung angesagt. Auf meinem ganz persönlichen Friedhof. Friede meinen Erlebnissen. Friede meinen Erfahrungen. Friede meinen Erinnerungen. Rest all in Peace. Restmüll ist es dennoch nicht. Alles biologisch abbaubar. Verwandlung, wie gesagt. Und auf einmal wird altes neu, wächst aus der Erde dem Licht entgegen.

Ausgekotzt – so fühle ich mich nun, Befindlichkeitsbloggerin ich. Leer.

Gut so. Platz für neues. Austausch ständiger. Raus. Rein. Essen. Trinken. Verdauen. Vergessen.

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6 Kommentare zu „Verlieren und wieder finden“

  1. Ich war heute auch auf dem Friedhof, schritt Grabreihen ab, blieb vor Familiengräbern stehen, in denen noch Platz ist – leere Flächen auf Namensschildern. Mir gingen ähnliche Gedanken im Kopf herum wie dir, auch wenn ich noch niemanden beerdigen musste. Aber doch fast. Fünf Jahre. Wird alles wieder „normal“? Nein, aber auch nicht abnormal, sondern anders. Und genau wie du finde ich auf Friedhöfen das, wofür sie da sind: Frieden. Weil ich hier das Große, Ganze spüre. Du hast einen sehr schönen Text darüber geschrieben.

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    1. Deine Zeilen machen mir Gänsehaut, liebe Anhora. Das Große, das Ganze, ja, das ist es, was ich da auch spüre. Und ja, dieses andere, dieses Anders, das wir alle ja irgendwie kennen, gilt es zu integrieren. Und anzunehmen. Weil es einfach auch da ist.

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  2. ausgeschieden und zumindest mich genährt, liebe soso. obwohl ich vorgestern und heute auch das denken gegen stille tauschte, ist das gefühl jetzt erst ganz.

    und wegen dem normalsein – das sollst du nicht. was oder wer ist schon normal? so wie du bist, mit deinem weg, das bist du.

    ich schicke dir einen herzgedanken! ♡

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    1. Ich weiß es eigentlich schon, das mit dem Normalsein, liebe Kerstin, aber manchmal will es nicht greifen, das Wissen. Ich freue mich, dass du der Stille gelauscht hast. Und dem Ganzsein Raum gibst. Und dass ich dich ein bisschen „füttern“ durfte …
      Auch <3-Gedanken und liebes Dankeschön für deine Zeilen!

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