Über den Gartenzaun

Aus dem Fenster nannte Sherry ihren Blogartikel, in welchem sie einige ihrer sehr dichten Gedanken über unsere Menschheit schreibt. Ich zitiere:

Mir fehlen die Autoren und Autorinnen, die es noch schafften, über sich zu schreiben, ohne den Radius ihrer Beschreibungen so eng an sich zu pressen, dass man beim Lesen unwillkürlich das Gefühl bekommen muss, sich um die Autorin oder den Autor zu drehen.

Die meisten Texte hören sich an wie bunt gestellte Bilder aus dem hauseigenen Facebookalbum. Als ich Dostojewski las, fühlte ich, dass sein Kämmerlein dunkel war und sein Mantel verstaubt, auch wenn das vielleicht nicht so war. Mir fehlt der Schmerz und der Dreck beim Schreiben. Das Kerzenlicht, der vergilbte Teppich und die Erschöpfung. Heute müssen Texte gut aussehen, wie ein Instagram Foto. Ich glaube, Autoren sind weniger anfällig für diese Art des Schreibens. (Ich lasse mich hier gerne eines Besseren belehren). […]

Es ist überall das Selbe, völlig gleich, welche Religion und Kultur man hat. Der individuelle Unterschied besteht nur darin, wie viel man sehen, erleiden, und aushalten kann, bevor man selbst zum Raubtier wird.[¹]

Seit Tagen liegt ein Zettel auf meinem Schreibtisch, auf dem das Wort Menschheit? steht. Ja, dahinter steht ein Fragezeichen. Was genau ich dachte, als ich den Zettel geschrieben habe, weiß ich nicht mehr. Was noch drauf steht? Machen gesättigte Menschen andere Kunst als hungrige? Eine mögliche Antwort darauf hat Sherry mir oben gegeben, wenn wir für einmal jeden schriftlichen Selbstausdruck Kunst nennen.

Ich erinnere mich, wie wir eines Sommerabends mit Freundin S. am Feuer saßen und über Kunst und Kunst redeten. Wie so oft. Und worin sich Kunst von Kunst unterscheidet.
Sie sind alle so verdammt satt!, sagte S. über einige Künstlerinnen. Und das sieht man ihren Bildern auch an.

Diesen Satz kaue ich oft. Bin auch ich zu satt, bin auch ich eine dieser Autorinnen und Autoren, über die Sherry im Zitat oben schrieb? Ich will hier nicht ihr Ja oder ihr Nein, sondern meine Antwort, meine ganz persönliche, aufrichtige. Und ich will auch nicht, dass wir alle hungern müssen.
Ich wollte schon immer so schreiben, dass dein Blick beim Lesen meiner Zeile in die Weite fliegt. Dass du merkst, dass ich über das Leben aller schreibe, ausgehend zwar von meinem, aber dass ich auch dich meine. Selbst wenn ich in erster Linie für mich schreibe.

Früher habe ich vor allem geschrieben, wenn mein Herz hungrig war nach Lebensmitteln, die mich wieder mitten und mein Leben stärken würden. Heute schreibe ich, weil ich das Schreiben als Lebensmittel begreife. Weil ich glaube, dass es mein Ding ist. Und weil ich Worte habe. Etwas zu sagen zuweilen auch. Weil ich schreibend mein Menschsein zu begreifen versuche, und vielleicht sogar die Menschheit als ganzes ein bisschen mehr. Obwohl. Die Menschheit als ganzes – das ist schon mal eine komische Sache …

Aber an diesem ersten Tag im Bordell saß ich in einem Kreis von Kolleginnen und sagte: „Ich habe das Gefühl, ich habe nie etwas anderes gemacht.“ […] Was ich aber eigentlich gemeint hatte, als ich diesen Satz zu der Kollegin gesagt habe, war: Die Qualitäten, die ich in der Erziehung zur Tochter aus gutem Hause gelernt habe, sind die Qualitäten, dank derer ich mich im Bordell heimisch gefühlt habe. Weil ich genau wusste: Du bedienst das, was die Welt von außen an Erwartungen an dich stellt. Und die Welt ist im Patriarchat erst mal eine männliche. Was wir an Hörigkeit den Erwartungen der Welt gegenüber lernen, als Kinder in diesem Schulsystem und später in der Welt aus Studium und Ausbildung, bereitet dich perfekt auf den Puff vor. [²]

Die einen Menschen sind selbstzerstörerisch, andere zerstören fremdes Eigentum, fremdes Leben. Wieder andere kreieren ständig neue Dinge, erfinden Sachen, die einem kleinen Teil der Menschheit den Alltag, die Arbeit, die Freizeit, ein bisschen leichter macht, während der andere Teil der Menschheit dafür schuftet und dafür nicht mehr als einen Hungerlohn bekommt. Noch andere sind ganz und gar für andere da, sie kämpfen für bessere Lebensbedingungen. Für eine bessere Welt. So viele Kontraste! Mehr Farbnuancen hat die Gesamtmenschheit als mein Laptop erzeugen kann. Und dann soll es je dieses Licht im Kosmos geben, so lernte ich neulich, das wir mit unseren Augen nicht sehen können, weil uns dafür die entsprechenden Sinnesorgane fehlen (oder so ähnlich) – die notwendigen Apps oder Programme um diese Lichtsensationen zu öffnen … Diese Menschheit also?

Und ich als Teil davon. Du auch. Und du ebenfalls. Untrennbar mit ihr verbunden. Und mit allem andern, was lebt. Menschheit …

Manchmal bin ich so verdammt satt, ja, vom Leben. Lebenssatt. Ich weiß, das kann man nun so oder so verstehen. Und ja, das ist Absicht. Nein, das hätte ich jetzt nicht erklären müssen, ich weiß, ihr habt es alle selbst gemerkt. Ich habe eben schlaue Leserinnen und Leser. *stolzbin*.

Und jetzt? Sherry, darf ich dich nochmals zitieren? Zum Abschluss und weil es so wahr ist, was du schreibst.  … und damit wir es nie vergessen!

Die Tage sind nach oben und unten hin wild.

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Quellen

[¹]  http://iranique.wordpress.com/2014/11/05/aus-dem-fenster/
[²]  https://krautreporter.de/71–wir-verschiessen-standig-potenzial (Simone hat in Berlin mehrere Jahre lang in einem Bordell gearbeitet. Hier erzählt die 32-Jährige, was sie in dieser Zeit gelernt hat: Über den Puff als Lebensschule, warum Reden aufregender als Sex sein kann und über die archetypische Sehnsucht des Mannes, Frauen glücklich zu machen.)

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10 Kommentare zu „Über den Gartenzaun“

  1. der Artikel von Sherry ging mir auch sehr nah, aber nicht nur wegen der Schreiberei, ich mag jetzt auch nichts hier wiederholen, wenn du magst, kannst du ja meins dazu in ihrem Kommentarstrang lesen. gestern schrieb ich in einem Artikel, der morgen erscheint: Hunger kennt viele Gesichter … wir haben hier und jetzt kaum physischen Hunger, soll heissen unsere Mägen können wir füllen, womit auch immer noch, und wie pervers da so manches daher kommt ist noch einmal ein ganz anderes Thema, das mich als Köchin sehr umtreibt. Aber wie sind dennoch hungrig, nach mehr Echtheit, Freundschaften, sozialen Netzen, die tragen, nach einem Literaturbetrieb, der fördert, statt Mainstream zu befriedigen, was für den Musik- und Kunstmarkt ebenso gilt- ja, wir sind hungrig nd genau hieraus können wir doch geschichten, Bilder weben, oder?
    Bin gespannt welche Antworten du für dich findest.

    herzliche Grüsse Ulli

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    1. Ja, ich habe dich bei Sherry bereits gelesen. Deinem kann ich nichts hinzufügen, das ist eine sehr kostbare Ergänzung zu meinen Gedanken im Arikel.
      Ich weiß nicht, was ich für Antworten finden werde. Ich denke, mein Hunger nach wahrhaftigem Schreiben ist immer da gewesen, ob ich nun satt oder hungrig war … hm … es hat so viele Aspekte, ich kann das alles im Moment nicht fassen und begreifen.

      Danke!

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  2. Ich habe gestern hier nur gelesen, aber ich habe darüber nachgedacht. Mir ist aufgefallen, dass ich sehr oft in Extremen denke, also im Überlebensmodus, selten im Luxusmodus. Sobald ich bestimmten Gedanken nachhänge, vergleiche ich sie mit möglichen Gedanken einer im „im Überlebensmodus“-seienden Sherry. Und ich möchte eine vorläufige Annäherung wagen und sagen: Ja, wir sind übersättigt und das verändert die Kunst. Ich habe das Gefühl, dass die Kunst bei vielen heute ein Schmuckstück ist, etwas, das dem Künstler oder der Künstlerin seine ganz besondere Note und Identität verleiht. Kunst sozusagen als LifeStyle-Produkt und Abgrenzung von anderen „Normalos“, während die Kunst damals eher eine schwere Geburt war, eine Notwendigkeit, aber auch ein Schmerz, ein innerer Druck, der einen nachts aufspringen ließ und ein Heiligtum, für das man sehr viel opferte – z. B. ein Leben in Armut oder ein unsicheres Leben oder ein Leben ohne Frau und Familie oder ein Leben im Abseits. Und auch, wenn ich manchen vielleicht Unrecht tue, so meine ich zu spüren, wo hier im Werk mit dieser Dringlichkeit gewerkelt wurde und wo nur an sich selbst gewerkelt wurde.

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    1. „Und auch, wenn ich manchen vielleicht Unrecht tue, so meine ich zu spüren, wo hier im Werk mit dieser Dringlichkeit gewerkelt wurde und wo nur an sich selbst gewerkelt wurde.“
      Ich denke, selbst die Dringlicheit des An-sich-selbst-Werkelns ist berechtigt. Weil ich niemandem dieses Grundrecht absprechen kann. Manchmal denke ich, dass mir jene Leute, die nur reflektieren und an sich arbeiten, doch lieber und vetrauter sind als jene, die überhaupt nicht selbstreflektieren. Aber eben. Das sind Momentaufnahmen. Das sind Gedankenfürze. Und davon lasse auch ich viele sausen. Und dennoch ist für mich Kunst immer eine Not-Wendigkeit. Nicht die anderer, sondern der Versuch, meine Themen irgendwie auszudrücken (ob nun schön oder nicht). Weil ich ausdrückenderweise oft Auflösung erlebe, Antworten (für den Moment) entwickle und ein bisschen weiter sehe. Meinen Blick öffnen kann. Manchmal denke ich, ich kann das an mir und am Leben da draussen werkeln nicht trennen, weil ja mein Befinden und das der Welt immer irgendwie korrepsondiert.
      Du löst mal wieder viele Gedankenfolgen in mir aus.

      Danke!

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    2. Absprechen kann man das niemandem, will ich auch gar nicht. Ich kann nur für mich sagen, welche Art der Kunst mit welchen gewichteten Anteilen mir nicht soviel gibt, und das ist eben die satte und zu selbstdarstellerische Kunst. Mit selbstdarstellerisch meine ich auch keine Selbstreflexion, die ich wiederum als Quelle der Kraft und Inspiration ansehe … Ich hatte mein Beispiel mit dem Facebookalbum recht bewusst ausgewählt.

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    3. Es ist manchmal noch schwer, Grenzen zwischen Selbstdarstellung und Selbstdarstellung zu ziehen. Und zwischen Kunst und Kunst sowieso. Aber ich merke jetzt, dass du auch nicht die Selbstreflexion meinst. Die stört mich nämlich selten in der Kunst. Eher eigentlich, wenn diese in der Selbstdarstellung ganz und gar fehlt, auch die Selbstkritik …
      Noch ein spontaner Gedanke: Satte Kunst kann uns (denn mir gehts auch oft so) vielleicht deshalb nicht nähren, weil wir uns schon überfüllt fühlen, bevor sie uns etwas sagen kann?

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    4. In der Sache kann ich nur auf mein Bauchgefühl hören. Natürlich integriert mein Bauchgefühl auch tatsächliche Informationen an und um ein Kunstwerk und den Künstler (oder die Künstlerin), aber wie ich diese bewerte, liegt ganz an mir … Auch, wenn Kunst etwas Subjektives ist, wehre ich mich dagegen, alles als gleichwertige Kunst zu bezeichnen. Das entwertet die ursprüngliche Bedeutung der Kunst für mich.

      Nein, Selbstreflexion ist im Grunde der Pinsel, mit dem wir malen. „Narzisstische“ Selbstdarstellung und das ständige Herausarbeiten eigener „Besonderheit“ ist es, was mich stört.

      Nochmal zur Selbstreflexion: Alles, was wir veräußern, muss ja erst durch uns durch, von uns geformt und geküsst und wie eine Brieftaube freigelassen. Die Person hinter einem Werk wird also immer einen prägenden Charakter für das Werk haben, und das ist auch wichtig so. Ich finde aber einfach, dass Kunst mehr ist als das „Ich“, es geht – wenn es fertig ist – über die Person des Künstlers hinaus, ohne dass er kein weiterer Bestandteil seines Werkes wäre. Dieses Werk sollte aber dennoch größer sein als er, weil Kunst eine Verbindung eingeht – im Idealfall.

      Vielleicht hege ich einen zu hohen Anspruch an Kunst, aber ich habe schon solche Dinge gelesen, gesehen und gehört, die genau dieses große Gefühl eingewoben zu sein – im Künstler selbst und in seiner Welt – in mir erzeugt hat. Und je moderner und „neuer“ die Werke, desto weniger habe ich dieses Gefühl gehabt. Und irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass meine Wahrnehmung so absolut ohne Fundament ist.

      Ich habe übrigens weitaus mehr solcher Gefühle beim Lesen von Blogeinträgen empfunden als beim Lesen einiger Bücher.

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    5. „Dieses Werk sollte aber dennoch größer sein als er, weil Kunst eine Verbindung eingeht – im Idealfall.“ – Ich glaube, ich verstehe deine Perspektive sehr gut. In vielem sehe ich es genau wie du. Ich kann auch bei neueren Werken oft den Zugang finden oder die Rückkoppelung machen, dieses Reflektierende. Ich glaube, mein Zünglein an der Waage ist die Leidenschaft. Ich muss die Hingabe ans Werk, das der Künstler oder die Künstlerin erlebt hat, spüren. Kommt die Leidenschaft rüber, die Botschaft meinetwegen? … doch wenn die nur eitles Gepinsel oder Gelabber ist, habe ich schlicht und einfach nichts davon. Kunst muss mich berühren, unbedingt. Sie muss mich abholen und betreffen. Ach, wir sind wieder mitten in diesem unfassbaren Thema … Ich danke dir für deine klaren Gedanken und deine Radikaltität. Sie hilft mir, nicht allzu schnell zufrieden zu sein mit meinen Gedankenketten und weiter-weiter zu denken. ❤

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  3. ich denke gerade darüber nach, dass mir bei der modernen Kunst oft der Bezug zur Gesellschaft und Zeit fehlt, in der wir leben, ich sehe viel „schön, schön“ und das langweilt mich sehr, vielleicht bin ich auch deswegen Fan von streetart, sie ist oft schmutzig, tut weh, zeigt etwas, was ich fast nicht aushalten kann, demnächst wird es Beispiele dazu auf meinem Blog geben … das Selbst kann man nicht aussen vorlassen, es ist es ja, was gestaltet und manchmal kenne auch ich die Notwendigkeit, dann kann ich nicht ruhen, bis ich das Bild fertig habe oder einen Artikel …
    das andere ist eben der sogenannte Markt, denn er ist es doch, der zulässt und verweigert, ich glaube, dass es viel mehr gibt, als wir zu sehen bekommen, aber leider nur in privaten Räumen, weil es niemand haben will?!

    mir gefällt gerade dieser Austausch sehr, Ich danke euch

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    1. Witzigerweise habe ich grad vor paar Tagen auf fb einen Kommentardialog mitverfolgt, wo wir über die ewige Like-Klickerei (der ich auch verfallen bin) und das ewige Schön, toll, awesome, nice-Gelabber. (Ich muss mich selbst an der Nase nehmen.) So vieles ist so oberflächlich geworden.
      Ob wir den Markt formen oder er uns? Und: ob wir den Markt umformen könnten? Wir haben alle so diese schwarzweißen Bilder von Manipulation. Ich wünschte mir wieder eine breitere Bereitschaft zum genaueren Hinschauen. Nur wie, wenn wir so schnell leben? Wir kommen/ich komme oft nicht nach mit allem schauen, was ich schauen will. Schauen und lesen. Eine Zwickmühle. Und dann entstehen doch immer solche Nischen wie gerade jetzt gerade hier, wo wir uns auseinandersetzen. Das tut gut.
      Danke auch dir für diese leidenschaftliche Diskussion hier.

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