Eigentlich und einfach

Über Berührung zu schreiben, ist mindestens so unmöglich wie über Liebe. Vielleicht noch unmöglicher, wenn es diese Steigerung denn gäbe.
Was berührt und warum und wie und wohin Berührungen führen und warum sie für mich so wichtig sind? Was für ein komplextes Thema, das sich vorgestern auf einmal in meine Fahrgedanken geschoben hatte!

Kaum von zu Hause aufgebrochen, nordwärts fahrend, tat sich auf einmal Raum in mir auf. Die Tage davor waren emotional sehr herausfordernd gewesen, alte Narben spürten den Wetterwechsel und juckten wie verrückt. Seelennarben, selbst gut gepflegte und verheilt aussehende, werden nie verschwinden. Vielleicht wird die Seelenhaut eines Tages fast wieder so glatt wie einst sein und vielleicht werden Außenstehende von der Narbe nichts mehr sehen, sie nicht bemerken. Nicht auf den ersten Blick.

Aber. Jedoch.

Wir sind eine Summe. Die Summe und noch viel mehr all dessen, was uns je berührt hat. Wir sind Gewordene. Geformte. Wie das Stück Holz, der Baumstamm, den ich vor einigen Tagen auf der Bildergalerie Pixartix gezeigt habe. Wir sind die Summe auch all jener Berührungen, die wir entbehrt haben. Nach denen wir uns gesehnt haben. Die wir womöglich noch nicht einmal vermisst haben, weil wir sie als unmöglich betrachtet hätten, als unverdient sogar, hätten wir darüber nachgedacht. Doch selten denkt ein Kind darüber nach, was sein könnte. Oder nicht so, nicht auf diese Weise. Differenzen. Diskrepanzen. Löcher. Lecks. Berührungslecks. Auch sie lassen uns Gewordene, Geformte sein.

Weit mehr als Haut auf Haut ist Berührung, viel mehr als Küsschen hier und Küsschen da und auch mehr als die Umarmung einer liebe Freundin oder des Geliebten. Berührung ist Erschütterung. Berührung ist Unterhaut auf Unterhaut, ist Seele auf Seele, ist Herz auf Herz. Doch hier höre ich mit meiner Definition auf, denn sonst wird es hier unerträglich sentimental. Wie ich halt auch bin. Und nicht mal ungerne.

Ja, es gibt Dinge, die kitschig aussehen, klingen, wirken, wenn man nur ihr Abbild, ihren Ausdruck sieht, eine Postkarte, ein Bild, Worte in einer Geschichte, in einem Blogartikel. Doch genau diese Dinge sind im echtem Leben so essentiell, dass wir ohne sie nicht leben sondern darben, wie eine ungegossene Pflanze eingehen, schrumpfen. Okay, ohne Sonnenauf- und -untergänge kann man vielleicht leben, aber ohne liebevolle Berührungen nur schwer, verdammt schwer.

Ja, Berührung war es, die ich am meisten vermisst habe, damals. Meine Nase konnte nicht mehr am Haar meines kleinen Sohnes schnüffeln, wenn wir zusammen Bücher anschauten und er mir dabei mit einem staunenden Kichern seine Welt erklärte.
Aber Mama, das ist doch der Goldnackenara nicht der Gelbbrustara, das sieht man doch.

Bei Missgeschicken meinerseits war er mir sofort mit gutem Rat zur Seite:
Aber Mama, das muess doch eigentlich eifach so sii.

Wie recht er hatte, mein kleiner Prophet, erkenne ich erst nach und nach. Verstehen tu ich vieles nicht, was das Leben mit mir macht, aber akzeptieren, dass Dinge manchmal und eigentlich einfach so sein müssen. Weil wir sie nicht ändern können.

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9 Kommentare zu „Eigentlich und einfach“

  1. (jetzt geht es wieder … grrr… und ich habe soeben entschieden, dass es nicht zu persönlich ist!)
    jetzt habe ich Tränen in den Augen … ach du! was für ein M…
    Wie soll denn da die Seelenhaut wieder glatt werden? Wie kann man denn nur …? Du Liebe, jetzt werde ich sentimental, seis drum!
    Auch gibt es mal wieder eine Synchronizität, gestern Nacht schrieb ich (ich lese gerade Marcel Proust: auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band I); … nur ganz kleine Hände, die meine suchen, schenken noch wirklichen Frieden, Sonst ist es so, als ob der, die Andere sich des Nachts in mich hineinschleicht, Unruhe ist die Folge, statt Entspannung, Tiefschlaf und Traumwelten. Als Mädchen schenkte mir die Grossmutter Frieden. Nur sie konnte das! Zwar suchte ich auch die Hand der Mutter, fand aber letztlich nur immer ihren Rücken und eine Hand, die sich mir über ihre rechte Schulter reichte, zu hoch, zu weit weg, zu kalt, zu unbequem, um darin Trost zu finden oder Schutz. Es macht mich nicht mehr traurig, nicht mehr einsam, denn zwischen diesen Nächten liegen viele Nächte mit weit offenen Armen, warmen Brüsten, Beinen über meinen und umgekehrt, suchten kleine Hände meinen Schutz und Trost und ich ward getröstet …
    Ohne Berührung kein Leben und das meine ich nicht nur auf körperlicher Ebene- und du, liebe Soso, hast mich gerade sehr berührt- danke
    herzliche Grüsse und hab(t) ein feines Wochenende
    Ulli

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  2. Jeder Satz, jedes Wort, jede Berührung und alles was zwischen den Zeilen liegt, ist so ergreifend geschrieben! Du musst ein wahnsinnig starker Mensch sein und ich kann gar nicht ausdrücken wie viel Respekt ich vor dir habe! Denn, trotz allem, hast du so viel Liebe in dir, so viel, dass du sie in diesem eigentlich so traurigem Text weitergibst. Jede Berührung und dein Erlebtes haben dich sensibilisiert und mit diesem Text machst du eines: dich, mich und sicherlich viele andere ermutigen. Soso, dein Sohn wäre mehr als stolz auf seine Mutter – davon bin ich überzeugt. Ich denke an dich!

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    1. Meinst du? Ich denke, er ist wohl schuld an meinem Lebenswillen. Ich dachte und denke oft in finsteren Stunden, dass er möchte, dass es mir gut geht. Das ist wohl eine meiner größten Motivationen.
      Danke!

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    1. Ja, liebe Anhora, diese Frage kenne ich auch sehr gut. Und leider kenne ich die Antwort nicht. Ich ahne, dass es letztlich keine Bewertung von Halten und Lassen geben sollte. Und was ich immerhin gelernt habe: Das Loslassen ist in vielen Situationen auch eine Türe für neue Erfahrungen, die man im Festhalten nicht erlebt hätte. Vielleicht. Sicher?
      Nein, endgültige Sicherheit kenn ich (gibt es) kaum … höchstens vorläufige …

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