„Zu“ ist doof.

Seit ich bei Twitter bin, habe ich einen neuen Weg entdeckt, Dinge auf die lange Bank zu schieben. Ich lese Twitter, wie ich einen Roman lese. Ich lese in den Gedanken der Menschen, in den geschönten, in den ungeschönten. Oft in traurigen, verzweifelten, manchmal sehr komisches, dann wieder zynisches, groteskes; Philosophisches und Wortspielereien auch. Ich mag es. Aber es ist anstrengend, denn mein Problem ist, dass ich hinter jedem Wort den Menschen spüre, der es geschrieben hat. Und dann will ich natürlich, dass es ihm oder ihr gut geht. Dann will ich aber auch wissen, wie es mit ihr oder ihm weitergeht. Ich mische mich lesend in viele Leben ein, nicht aktiv zwar, aber als Voyeurin.

Voyeurin | pic by 1.000.000 pictures
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Will ich das wirklich und ist das womöglich eine Flucht aus oder zumindest eine Ablenkung vor dem eigenen Leben? Mein nächstes Problem ist, dass ich (fast) alles und (fast) alle ernst nehme. Dass ich nicht „nicht betroffen“ sein kann, wenn ich etwas lese. Dass ich nicht „keine Meinung“ haben kann. Und dann dieser Traum heute Nacht.

Meine neue Arbeitsstelle. Eine Art Flüchtlingszentrum. Ein Mix aus Europa und Afrika. Wir Angestellten hatten ein Großraumbüro in einer alten zugigen Lagerhalle. Unsere Schreibtische standen zu einem Labyrinth aufgestellt und wirkten allesamt improvisiert, ziemlich versifft und waren staubig. Auf einer Seite der Halle war eine Fensterfront, der Raum war ansonsten eher dunkel und mit Neonlicht erleuchtet. Eine Art Tresen im Bereich der Türe war die Rezeption, ansonsten alles offen. Keine Schutzräume, keine Türen außer der Eingangstüre.

Unser Team bestand aus einer extrem enthusiastischen Chefin (die ich in echt nicht kannte) und aus ein paar ArbeitskollegInnen von früheren Arbeitsstellen. Wir fingen alle zusammen an, eröffneten das Zentrum. Ich saß am Schreibtisch vor meinem Laptop und wusste nicht so genau, was ich sollte. Woraus meine Arbeit bestand. Im Team waren L. und R., meine unliebste und meine liebste Arbeitskollegin bei meiner letzten Stelle. Sozialarbeiterinnen. Sie waren dort wegrationalisiert worden und hier gelandet.

In der nächsten Szene gingen wir durch Slums, die von der Architektur definitiv in der Schweiz waren (ich tippe mal auf Bern), wir waren umgeben von schwarz- und braunhäutigen Kindern, die noch kaum Schweizerdeutsch konnten. Wir redeten mit ihnen, sie mit uns. Keine Ahnung, was der Sinn dieser Gespräche war. Es war berührend und beklemmend zugleich.

Zurück im Büro. Die Chefin ist tot. Ich weiß nicht mehr genau, ob wir sie gefunden haben oder jemand anders. Auch war es offenbar nicht der erste Mord in unserm Umfeld. Was tun? Wir müssen uns neu organisieren, damit der Betrieb weiterlaufen kann, sagte L.. R. schlug vor, dass L. vorläufig den Laden leiten könnte. Seltsamerweise war L. in diesem Umfeld viel freundlicher als ich sie an meiner letzten Arbeitsstelle erlebt hatte. Sie war echter und ohne dieses giftige Misstrauen, das sie mir gegenüber immer an den Tag gelegt hatte.

Alle waren einverstanden. Ich weiß noch, dass ich dachte und wahrnahm, dass ich mich an diesem Ort wohlfühle. Weil wir alle zusammen neu angefangen haben.

Zugleich empfand ich ständig einen leichten Ekel über die ganze Schmuddeligkeit der Welt, des Büros, der Slums, den ich zum einen rational wegzufühlen versuchte und zum andern hätte ich am liebsten mal alles richtig geputzt, am liebsten die ganze Welt in Ordnung gebracht. Dieses Gefühl war sehr stark, dass ich die Welt retten musste. Im Beiboot die Hilflosigkeit, meine Lebensgefährtin seit immer.

Der Tod der Chefin löste bei niemandem von uns ein Drama aus. Es gehörte wohl einfach dazu, wenn man so lebte wie wir. Wir alle lebten gefährlich, jeder und jede von uns konnte der oder die nächste sein.

Ich arbeitete gerne dort und fühlte mich wohl, doch daneben hatte ich auch mein anderes Leben. Das dort war nur meine Arbeitsstelle. Nicht das, wonach ich hungerte: Das tun, was mir am meisten entspricht. Danach suche ich noch immer. Im Traum ebenso wie im echten Leben. Und eigentlich habe ich es gefunden, mein Leben. Nur kann ich davon nicht leben. Paradox.

Ob es damit zusammenhängt, dass ich alles zu ernst nehme?
Dass ich mich zu viel einlasse auf die Leben der andern?
Dass ich zu viel …

„Zu“ ist doof. Vergleichen auch. Eigenschaften zu Problemen umbenennen auch. Und überhaupt: Das Leben ist nicht ideal.

Wieso fallen mir in letzter Zeit keine guten Schlusssätze ein? Mist.

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19 Kommentare zu „„Zu“ ist doof.“

  1. Du triffst es auf deine eigene Art und Weise ziemlich genau auf den Punkt, was viele von uns eigentlich auch genauso sagen möchten.
    Die Sache mit den sozialen Netzwerken und deren Verbreitung kann man natürlich so und so sehen, auch wenn ich allgemein ziemlicher Gegner davon bin. Aber das sagt gar nichts, denn von was bin ich KEIN Gegner? 😀
    Trotzdem toller Text 🙂

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    1. Immer nur von allem Gegnerin sein, ist ein ziemlich masochistischer Weg, den ich lange gegangen bin. So unbefriedigend wie alles ungefragt gut heißen. Ich teste. Was passt und anwächst, bleibt. Was nicht passt, verdorrt und pustet der Wind davon.
      Aber ausprobieren muss und will ich. Schauen, was es mit dir macht. Auch ein wenig masochistisch, denk ich grad. 😉

      Danke für deine Zeilen, willkommen hier und auf Wiederlesen.

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  2. ich dachte auch an einen Krimi, aber auch an diese vermaledeite Wirklichkeit, mal so richtig die Welt sauber putzen, da läuft bei mir einerseits ein Comic, andererseits juckt es mir förmlich in den Fingern, und dann immer dieses überleben, vor lauter überleben kein richrichtig Leben? Oder was ist Mut in letzter Konsequenz und bin ich dann eben doch nur ein Hasenfuss?

    Fein, liebste Soso, dein Text, da kann ich den Faden aufnehmen und meins hineinweben und dann das vorangeknüpfte Dings an dich weiterreichen, auf dass du weiter Ösen schlingst …

    danke und liebe Grüsse
    Ulli

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    1. Was man so träumt, ist manchmal krass. Oft vergesse ich es, doch diesmal blieb es einfach liegen … Hach, ja der Mut in letzter Konsequenz, das hast du gut auf den Punkt gebracht, genau. Er fehlt mir oft.
      Schön, wenn meine Fäden deine Fäden zum Spinnen bringen. Gerne!
      ❤ lichst 😉

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  3. huch … was für ein traum! da liegt man morgens wach und fragt: wer bist du und was hast du mit meinem kopf gemacht? 🙂
    diese voyeurinenfoto ist aber der hammer! 😀 sie ist wunderbar und sooooo schön!
    ich grüße dich ♥lich!

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  4. Ich seh in deinem Traum keinen Krimi, eher den Abschied deines vergangenen Arbeitslebens und die Suche nach einer neuen Betätigung. Was das sein wird? Die Welt ein bisschen besser machen, aufräumen – leider gibts nicht viele Jobs in der Richtung, von denen man leben kann. Aber einer würde ja reichen!

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  5. Spannend finde ich, was du über deine Twitter-Erlebnisse schreibst. So ähnlich geht es mir auch – gerade jetzt mit einer Autobiographie. Nur scheine ich anders damit umzugehen: ich versuche mich dem zu entziehen. Entsprechend schwer tue ich mich damit, meine Lektüre (der Autobiographie) jetzt aushalten zu wollen.

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    1. Das Nahegehenlassen von Menschen und ihren Dingen/Erfahrungen können manchd steuern, ich kaum – leider oder zum Glück. Du offenbar auch nur bedingt?
      Dennoch ziehe ich es einem abgestumpften, oberflächlichen Leben vor.
      Danke fürs Lesen, Mitdenken und Kommentieren!
      Willkommen hier!

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    2. Ja, ich kann das auch nur sehr bedingt. Die Steuerung läuft bei mir v.a. darüber, dass ich mich versuche nicht zu verzetteln. Aber du hast Recht, es ist besser als ein oberflächliches Leben – wenn auch anstrengend. Danke für die nette Begrüssung!

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    3. Grad vorhin das Wort verzetteln notiert. Auf meinem Tisch: viele Zettel. Es gilt zu bündeln, Energie. Ideen. Und dann können wir uns einlassen. Das Nahegehen hat für mich dennoch viel Wert. Es hilft mir beim Über-Menschen-schreiben.
      Machen wir daraus eine Ressource!

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    1. Den Satz hat eine liebe Freundin von mir mal gesagt, als ich mal wieder alles in Frage gestellt habe. Und sie hat recht. Mir fällt der Satz oft ein, wenn ich mit etwas hadere. Du darfst ihn gerne weiterstreuen.

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