Mehr als Rädchen sein

Ohne Erwartungen leben – geht das? Wie reif und erleuchtet man dazu sein muss, weiß ich allerdings nicht. Nur dass ich das nicht bringe. Und, so sehr ich es nicht mag, wenn andere von mir etwas erwarten, ich tue es auch – ich habe Erwartungen. An mich und an andere. Und an das Leben. Oft völlig unreflektiert, meistens sogar.

Andererseits bin ich immer wieder abgehauen, wenn die Erwartungen anderer an mich zu groß geworden sind. An Arbeitsstellen oder in Beziehungen. Wenn ich festgestellt habe, dass ich andern in erster Linie als Projektionsfläche diene und nicht als die Person, die ich bin, als die Frau, der Mensch, gesehen werde, sondern als funktionierendes Rädchen im Getriebe einer Beziehung, eines Arbeitsverhältnises. Man kann mich, wegen meiner Fluchten, feig nennen, und vielleicht bin ich es auch, doch das spielt hier keine Rolle, denn hier und heute will ich mal wieder schreibenderweise über das Leben sofasophieren. Über die Gesellschaft auch. Und wenn wir schon dabei sind auch gleich über die Politik. Alles im gleichen Aufwisch. Achtung: Triggerwarnung. Auch der Tod kommt in diesem Artikel vor. Denn wenn wir schon über das eine, das Leben, reden, kann das andere nicht weit sein.

Wer weiterliest, ist selbst schuld. 🙂

Das blaue Boot hat angelegt. An meinem Steg. Anders als letztes Jahr, wo es mich sozusagen entführt und auf der blauen Insel eine Weile lahmgelegt hat, hat es sich diesmal angekündigt. Diesmal spielt mein blaues Monster, das Kapitänum des blauen Bootes, mit offenen Karten. Wir beide wissen Bescheid, denn seit ich mein Medikament nehme, sehe ich die Welt anders. Nicht netter, aber klarer. Das Medikament ist meine Brille, die den ewigen Lebensgraufilter von meinen Augen genommen hat. Ohne diesen Graufilter konnte ich in den letzten Monaten vieles aufräumen. Ich bin in meine Kellerräume gestiegen und habe die hintersten und ältesten Kisten geöffnet. Viel Dreck. Viel Mist. Viel Schmerz. Mäusekot. Schwere Kost. Nein, ich habe mich nicht geschont. Ich habe hingeschaut. Und dann habe ich ein Feuer gemacht, im Garten, und vieles verbrannt. Ich bin durch. Mittendurch. Ich habe keine Angst mehr von dem, was noch in mir drin zum Vorschein kommen könnte. Diese Ängste sind gebannt. (Denke ich jetzt und heute. Und ich hoffe, dass dem so ist.) Doch ob ich mit meiner neuen Werkzeugkiste dem blauen Monsterboot diesmal trotzen kann, werde ich sehen. Ich bin zuversichtlich. Obwohl ich mich auch ein wenig fürchte.

Angst habe ich eher vor der Welt da draußen, der ich auch angehöre. Im vorletzten Artikel habe ich darüber geschrieben, wie anstrengend es oft für mich ist, dass ich hinter jedem Wort, das ich lese und höre immer auch den Menschen spüre, der es gesagt oder geschrieben hat. Und dann natürlich zu wollen, dass es ihm oder ihr gut geht. Und natürlich ist es größenwahnsinnig, zu glauben, dass ich die Welt allen Menschen so machen kann, dass sich alle sicher und geliebt fühlen. Dennoch ist es eine ewige Hoffnung in mir, dass wir alle zusammen uns gemeinsam in diese Richtung bewegen. Doch weil es noch nicht so ist und weil wir noch alle (oder zumindest die meisten) zuallererst daran denken, den eigenen Bauch zu füllen, gibt es eben dieses Ungleichgewicht, die Krankheit der Gesellschaft. Neulich las ich bei Irgendlink über diese geniale anarchistische Idee, alles Gut (und Schlecht?) auf einen Haufen zu legen und neu zu verteilen. Das erinnerte mich an das neulich hier im Blog beschriebene Experiment, bei welchem sich Menschen aus einer Schüssel so viel Geld nehmen durften wie sie brauchten. Und wie das mit Selbstwert zusammenhängt. Mit unserem Denken über uns selbst. Über die Selbstwertschätzung und die Wertschätzung aller andern uns gegenüber.

Heute Morgen habe ich auf einmal verstanden, dass es nicht die Selbstliebe ist, die mir für mich und meine Zufriedenheit fehlt, sondern eine Art Bumerang- oder Spiegelakzeptanz der Menschen da draußen. Denn mir selbst und meinen geliebten Menschen geht es gut mit mir. Wenn ich aber unterwegs im öffentlichen Raum bin, auf Ämtern, im Zug, im Garten, im Laden möchte ich nichts anderes als alle andern einfach zu respektieren und von ihnen respektiert zu werden. Nicht denken: Was denkt der oder die von mir, wenn ich so und so? (Denn damit bewerte ich ja sowohl mein Verhalten als seltsam und traue den andern andererseits nicht zu, mich nicht zu bewerten.) Im Grunde kann es mir ja völlig egal sein, was unbekannte (und bekannte) Menschen von mir denken. Ein bisschen anders ist es in Umgebungen, wo man entweder als Bittstellerin oder Kundin auftritt. Da möchte ich als Mensch gesehen werden, als der Mensch, der ich bin. Mit meiner Geschichte. Nicht als Nummer. Nicht als Fall. Da möchte ich einfach nur akzeptiert werden. Und ernstgenommen. Wahrgenommen und respektiert nicht einfach nur geduldet. Ja, ich habe Erwartungen, wie gesagt.

Und nun stell dir bitte mal eine Wippe vor. Oder eine Waage. Eine Schaukel. Ein Pendel. So ist unsere Gesellschaft. Nie ausgeglichen, immer rauf und runter. Immer hin und her. Immer in Unruhe. Vielleicht ist ab und zu eine Gruppe ruhig, ausgeglichen. Oder sogar mehrere. Aber nie alle. Muss ich das als Fakt akzeptieren und kann ich mir dennoch wünschen, dass es anders wird? Keine statische Ausgeglichenheit, denn das wäre Stillstand, Tod, nein, auch die Extreme haben wohl ihren Sinn. Sie gehören zum Menschsein dazu, das wir alle darstellen, und zur Lebenserfahrung, die wir sammeln. Und so haben wir Menschen also ausgetestet, wie sich Kapitalismus anfühlt. Viele haben auch den Kommunismus erlebt. Zumindest eine Form davon oder mehrere. Weder mit dem Kapitalismus noch mit dem Kommunismus wurde die Menschheit langfristig zufriedener (Muss sie das? Und wer sagt das? Wäre sie dann noch so manipulierbar, wie sie es ist?).

Da sind so viele Lecks. In mir, in uns. Und so versuchen es die einen mit Selbsterfahrungen bis zum Exzess und andere geben sich dem Leben in einer Gruppe hin, ebenfalls exzessiv. Alle auf der Suche nach ihrem Glück und ihrem Lebenssinn. Und ich frage mich, ob das wirklich funktionieren kann.

Müssen wir nicht erst einmal zu Grunde gehen? Uns unserer Dunkelheit stellen?
Dahin, wo es am dunkelsten ist.
Dann uns abstoßen, vom Grund, auftauchen, die Lungen füllen.
Und endlich authentisch leben.

Denn ich ahne, dass wir unterwegs etwas wesentliches verloren und vergessen haben, unterwegs durch die schnelle Zeit.

Das hier:

Um beruflichen Erfolg zu erlangen und in der Männerwelt ernst genommen zu werden, haben viele Frauen angefangen, ihre weibliche Seite zu unterdrücken. Nun haben manche zu ihrer Weiblichkeit und gar ihrem Körper eine ablehnende Haltung entwickelt.
Die Frau repräsentiert das Leben, das Sanfte, (weibliche) Intuition, Mitgefühl. Sie steht für das Fließende. Nicht nur ihr Blut fließt alle vier Wochen, auch das Fließen der Gefühle und der Liebe ist gemeint.
Es ist für unser aller Wohl, nicht nur für das der Frau selbst, dass wir unsere weibliche Seite wieder entdecken und ausleben. Männer sind nicht besser als Frauen, und Frauen nicht besser als Männer – wir sind einfach anders. Und wir sollten aufhören etwas anderes sein zu wollen, als was wir sind.

Quelle. http://www.awakeningwomen.de/2014/11/18/ganz-frau-sein/

Wir alle sind alles. Ich habe männliche und weibliche Anteile. Du auch, er und sie ebenfalls.

Ich plädiere für Ausgewogenheit. Für den Weg in unsere Mitte. Für ein wahrhaftiges Hinspüren. Ja, auch ihr, Männer, seid gemeint. Warum nur haben wir so Angst vor unseren Gefühlen? Weil wir dabei etwas in uns entdecken könnten, von dem wir verlernt haben, wie man damit umgeht? Oder es gar nie gelernt haben?

Seit ich in meiner Zwischenwelt, in meinem neuen Leben lebe, will heißen, seit ich nicht mehr angestellt bin, stelle ich fest, dass ich wieder viel mehr fühlen kann. Dass ich mich viel weniger nach außen hin abschotte, dass ich wieder viel mehr hinschaue, bei mir, bei andern. Und ja, das tut manchmal verdammt weh. Und vielleicht habe ich ja darum so Angst vor der Welt da draußen? Weil da noch viel mehr Schmerz ist, verdichtet in jedem einzelnen Menschen. Und meistens nur deshalb, weil sie ihn nicht zulassen, den Schmerz, und seine Auflösung auch nicht.

Ich behaupte, dass die meisten Handlungen motiviert von unseren Wunden sind. Wäre es da nicht sinnvoll, sich mal um die Heilung derselben zu kümmern, um so die Grundlage für andere, weisere Handlungsansätze zu schaffen?

Die Natur holt sich ja doch immer, was sie braucht. Auch unsere innere Natur. Pendel. Vielleicht ist das sogar der Schlüssel zu den Erwartungen? Aktion – Reaktion. Instantkarma. Nein, ich nenne es nicht Schuld und ich spreche nicht von Busse und Sühne. Mit diesem Weltbild wurde schon zu viel kaputt gemacht. Aber ich glaube an Naturgesetze, an das Gesetz der Anziehung auch und an das Echo der Bergwand. Und ja, ich glaube an die Liebe.

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25 Kommentare zu „Mehr als Rädchen sein“

  1. zuerst nur bis nicht weiter lesen gelesen, weil … ja weil der job da mit dem blick auf die uhr in der Tür stand. dabei hätte ich so gerne gleich in deinem boot platz genommen. weil du doch nicht alleine da sein mußt.
    obwohl du soviel kraft auf das weite meer und in die welt sendest, dass es für mindestens fünf reichen würde. soviel liebe auch.
    du nährst damit so viele herzen.
    meins jedenfalls. vielleicht auch weil ich deine sophien so wie du empfinde. ich könnte es niemals so sagen.
    und vielleicht hast du recht und all das ist uns eigen und unser innerstes. nur wer durch den grund ging, kann es endlich sehen. aber davor haben viele angst.

    ach … ich hab mich verplaudert und wollte doch nur danke sagen! dir und deinem herzen und deinen feinen Gedanken. du musst vor gar nix in der welt mehr angst haben! bie mehr.
    einen herzgedanken für dich, weil meins grade überläuft! ❤

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    1. Du bringst mich immer wieder ein klein bisschen zum Weinen, aber nicht das Trauerweinen, das Dankbarweinen. Es freut mich, was du schreibst. Weil ich es dir irgendwie glaube und auch, weil ich hoffe, dass es so ist.
      Ich habe heute woanders kommentiert, dass ich eigentlich nur bloggen und teilen will, was irgendwie auch für andere einen gewissen Wert hat. Alles andere Geschreibsel muss ich nicht teilen. Das darf auf meiner Festplatte oder in Schreibbüchern ruhen.
      Danke. ❤

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    2. … das kann dann meine Nachwelt entscheiden! 😉 Oder ich, falls ich mal berühmt bin … *grins* Du erinnerst mich dann bitte an diese meine Worte?!!
      Danke für deinen Glauben an meine Schreibe, du glaubst nicht wie gut das für uns Schreibende ist!
      Und auch dir einen tollen Tag!

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  2. Was für ein schöner und dichtgewebter Text. Ich kann vieles sehr gut nachempfinden und fühle mit dir. Drifte ich phasenweise auch in diesem kleinen blauen Boot ab und denke dann immer: Soll doch mal jemand anders für mich rudern und übernehmen, ich lasse mich jetzt mal eine Weile treiben. Bis ich wieder die Kraft geschöpft habe und das Ruder selbst übernehmen kann und wieder die Richtung bestimmen möchte. Die Empathie ist ein Segen. Es ist schön, dass du sie in diesem Ausmass hast, sonst könntest du auch nicht so schreiben, wie du es tust. Hier noch der Gedanke des Tages, den ich mit dir teilen möchte. Geschrieben von Robert Betz:
    „Wer die Verantwortung für seinen inneren Zustand mit Liebe und Geduld übernimmt, innerlich aufräumt, sich Zeit, Raum und Stille gönnt für sich selbst, für Besinnung, Meditation und das genussvolle Sein mit sich, der schafft zunehmend Klarheit in seinem Geist, Harmonie in seinen Gefühlen und eine Haltung der Selbstzentriertheit und Freude am Leben. Du kannst das!“

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    1. Es ist diese Gratwanderung, die ich oft so anstrengend finde. Man will zwar empathisch sein, mitfühlen, helfen, verändern, und doch braucht es dazu den aufgeräumten Hinter- und Untergrund. Und diese Selbstzentriertheit scheint so eine Art Voraussetzung zu sein, um überhaupt da draußen etwas ausrichten zu können?
      Sich ein wenig treiben lassen finde ich zuweilen ganz gut. Schauen, wohin man kommt, wenn man nichts tut. Dabei feststellen, dass die kleine Perspektivenveränderung oft hilft, die Dinge danach anders zu sehen und zu werten. Und manche Dinge sich von selbst gelöst haben. Ganz organisch.

      Danke, liebe Daniela, für deine Zeilen und auch für das Kompliment zu meiner Schreibe.

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  3. wunderbar gewebt, liebe Soso!!!
    ich denke auch, dass es wichtig ist ganz nach unten zu gehen, die Dämonen zu sichten, sie mögen ja nicht wirklich angeschaut werden und schenkt man ihnen Aufmerksamkeit verwandeln sie sich oft in etwas ganz anderes …
    danke und herzliche Grüsse

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    1. Ich danke dir, liebe Ulli, für deine Ergänzung. Ja, wenn wir sie anschauen, gehen sie oft von allein. Oder fallen in sich zusammen. Dazu fallen mir grad ein paar Sachen ein. Könnte ich eigentlich bloggen. Danke fürs Auf-die-Sprünge-helfen. ❤

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  4. Oh Soso, was für große Worte! Blöderweise ist dieser Text in den letzten Tagen total an mir vorbeigegangen, was ich sehr bedaure, weil ich ihn für das Beste(!) halte, was ich in den letzten Tagen gelesen und gefühlt habe. So tief, so sehr aus dem Innern und er spricht mir ganz und gar aus dem Herzen. Danke. Vielen Dank dafür!

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    1. Jetzt werde ich knallrot. Danke für dein großes Kompliment. Auch ich freue mich über diesen Text und halte ihn für gelungen und kostbar – für mich. Wenn es andern auch so geht, freut mich das natürlich sehr. Es ist ein Herzbluttext. Mein LIebster sagt zu solchen Texten, dass er sie sich aus dem Leib gerissen hat. Genau so war das. Er ist ein Stück von mir.
      Danke!

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    2. Wenn er für dich zudem noch besonders und wichtig ist ist der Text doppelt schön. Und ja, ich bleibe einfach dabei – er ist inhaltlich und schriftlich das Beste, was ich die letzte Zeit gelesen habe. Einfach, weil es ein Herzbluttext ist – und, weil man genau das auf eine so wunderbare Weise raus liest. Chapeau!

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