Ziemlich aufgeblasen

Stellt euch einen Schweizer Kindergarten* vor. Früher. Vor neunundzwanzig Jahren. Wir sitzen im Kreis. Ich bin die Azubi-Kindergärtnerin und erzähle ein tolles Bilderbuch. Wie es geheißen hat, weiß ich heute leider nicht mehr, nur dass ich es gewählt habe, weil wir das Thema Angst durchnahmen. Ausgelöst hat diese Diskussion ein Gespräch, das meine Ausbildnerin mit der Mutter eines Kindes geführt hatte. Eines der Kinder, ein Bub, wurde zuweilen von den andern gemobbt. Er war zwar der Größte und Stärkste und verhielt sich oft sehr grob, doch wenn ein paar Kinder zusammen auf ihn los gingen, weinte er schnell. Kurz und gut: er hatte Angst, was seinem Gruppenverhalten nicht unbedingt zuträglich war. Im Gegenteil. Er wurde noch unzugänglicher und er träumte schlecht. So etwas gab es auch schon vor neunundzwanzig Jahren. Wir befinden uns übrigens in einem kleinen Dorf mit fast null Prozent Ausländeranteil.

Alle oder jedenfalls viele gegen einen also.

Im Buch, das ich erzählte, ging es um ein Monster, das den kleinen Protagonisten verfolgt. Oder war es eine Protagonistin? Das weiß ich nicht mehr. Stell dir einfach dich vor. Dich in groß oder dich als Kind.

Die Illustrationen zeigen, wie die Hauptfigur davonrennt. Mitten hinein in eine dunkle, tunnelartige Häuserschlucht. Hinter ihr her rennt das Monster, als dunkler Schatten, als riesige Fratze an die schwach erleuchteten Hausmauern geworfen. Auf jeder Buchseite, die ich umblättere, kommt es näher, und wir, die Kinder und ich, überlegen, was es wohl ist, wer es sein könnte, was es von uns will und warum. Ich meine mich zu erinnern, dass es ganz tolle Gespräche gab.

Seite für Seite wird der Schatten gespenstischer und kommt näher.

Schließlich gelangt die Hauptfigur in eine Sackgasse. Sie kann nicht mehr weiter, kann nur eins: Sich umdrehen, sich dem Monster stellen. Und das tut sie.

Hinter ihr entdecken wir nun einen kleinen Hund, der wedelnd und glücklich endlich den Stock auf den Boden legen kann und um ein Lob oder Goodie bettelt.

In echt ist das Monster zwar meist nicht so harmlos, doch oft weniger bedrohlich als wir denken, solange wir vor ihm davon laufen.

Im zweiten Teil meiner Angst-Lektion vor neunundzwanzig Jahren verteilte ich Papiertüten, die ich zuvor beim Dorfbäcker gekauft oder geschnorrt hatte. Leere Brottüten. Die Kinder setzen sich an die Tische und malen auf das Brotpapier ihr ganz persönliches Monster. Später, zurück im Kreis, blasen wir alle gleichzeitig unsere Monstertüten auf und … ja, wir machen sie … kaaa-putt.

Die Gesichter hättet ihr sehen sollen.

Brottüten gibt’s zum Glück auch heute noch. 🙂

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Danke Ulli! Ausgelöst von einem Kommentar an dich zum letzten Artikel ist mir diese kleine Geschichte wieder eingefallen.

* In der Schweiz sind die Kinder damals in der Regel als Fünf- und Sechsjährige in den Kindergarten gegangen. Es ging dabei vor allem um die Förderung sozialer Kompetenzen und anderer Softskills. Heute ist es ein bisschen anders, ich bin nicht auf dem neuesten Stand.

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