Reizwörter #1 – Schuld und Scham

Ich beginne heute mit einer unregelmäßigen Serie mit Texten zu Reizwörtern.
Wörter, die reizen, haben wir alle.
Wörter, die uns auf der Zunge liegen, oft viel zu oft;
Wörter, die uns schmerzen,
Wörter, die wir meiden.
Dazu werde ich frei assoziieren und danach möglichst wenig verändern – allenfalls Tippfehler entfernen. Es werden deshalb ziemlich rohe Texte sein, art brut littéraire sozusagen. Ihr könnt mir gerne Wörter nennen, die ihr vom mir „bearbeiten lassen“ möchtet. Und wenn ihr Lust habt, könnt ihr diese Reizwörter-Idee bei euch in den Blogs gerne weiterspinnen.

 
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Scham und Schuld

Etwas müssen wir uns doch von unserer ständigen Scham erhoffen, etwas müssen wir uns doch von unseren steten Bitten um Verzeihung versprechen? Würden wir uns ständig schämen, würden wir uns immerfort schuldig fühlen, wenn wir davon nichts hätten? Und das Fremdschämen erst, was erwarten wir uns davon?

Ich schüttle das Sieb, die Fragen darauf sind hartnäckig. Sie passen nicht durch die Löcher, verkleben sie nur, bleiben hängen, lassen mich ohne Antworten zurück.
Im Becken darunter die Leere.
Leere.
Leer.
Mein Becken.

Schuld? Ent-schuld-igung heißt doch Nimm die Schuld von mir, die ich mir aufgeladen habe.
Die ich glaube, mir aufgeladen zu haben.
(Wieso lasse ich mir etwas aufladen? Bin ich es gar selbst, die auflädt und wieso? Und wieso fühle ich mich dir gegenüber schuldig?)

All diese Dinge, für die ich mich schäme.
Weil ich nicht gut genug bin.
Weil ich eine falsche Entscheidung getroffen habe.
Weil ich etwas nicht weiß.
Weil ich etwas nicht kann.
Weil ich etwas kann.
Weil ich mehr weiß und mehr kann, als andere.
Weil ich etwas getan habe. Etwas gutes vielleicht sogar.
Weil ich die bin, die ich bin.
Weil ich bin.
Weil ich.

Und dafür die Scham.
Die Schuldgefühle.
Dafür.
Deswegen.

Ich baue Schuldtürme aus Dingen. Aus Definitionen. Bald werde ich einen Kran brauchen.
Ich bin zu klein um die neuen Steine oben drauf zu legen.
Ich bin zu klein für meine Schuld.
Ich schäme mich dafür, dass ich so klein bin.
(Obwohl ich groß wäre, innendrin, aber niemand als ich weiß es.)
Ich schäme mich dafür. Darum ziehe ich schon wieder den Kopf ein. Wie immer.
Ich habe mich an die Scham gewöhnt.
Ich habe mich daran gewöhnt, an allem Schuld zu sein.
Ich lade mir die Schuld der Welt auf die Schultern. Immer mehr.
Ich breche zusammen.
Ich kann nicht mehr.
Endlich.
Ende der Schuld.
Scham stirb.

 

(Assoziatives Nachdenken über die Reizwortthemen Schuld und Scham)

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10 Kommentare zu „Reizwörter #1 – Schuld und Scham“

  1. (Ich versteh das nicht, irgendwie landen deine Beiträge nicht mehr in meinem Reader) Und das, wo mich dieser Text hier wirklich sehr trifft. Schuld und Sühne sind auch so Reizwörter für mich (wahrscheinlich für sehr viele) und es fühlt sich so an, als hättest du das hier alles aus meinem Herz herausgeschrieben. Das geht tief und wühlt auf.

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    1. Liebe Sarah, so gehts mir auch oft bei Beiträgen anderer, bei dir z.B.. Ich freu mich darüber, weil ich dann sehe, wie anders anders wir sind und eben ähnlicher als frau denkt. Danke!

      Mein Reader hat auch schon auf einmal URLSs auf immerdar gefressen. Einfach weg. Musst du (so du willst) die Adresse womöglich neu eingeben?

      Gefällt 1 Person

  2. Schuld und Scham, ja, das sind grosse Themen, Themen, die uns daran hindern die eigene Grösse zu finden, zu leben, nichts ist schwerer als das, heisst es! ich beobachte gerade bei der Enkelin wie subtil all das funktioniert, da braucht es noch nicht einmal die verhassten Sätze aus unserer Kindheit …
    danke Soso
    und liebe Grüsse Ulli

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  3. wenn ich alles richtig deute und das dazunehme, was ich einst als angehende Erzieherin gelernt habe und auch dem Wissen, was meine Tochter eingesammelt hat, dann fusst das Ganze aus dem Bedürfnis heraus angenommen und geliebt zu werden. Es lässt sich aber nicht verhindern, dass auch das kleine Menschlein schon mal hintenan stehen muss, anderes vorgeht, es mit einem strikten Nein konfrontiert wird etc., eben Grenzen gesetzt bekommt, allein das kann schon zumindest das Gefühl der Schuld auslösen. Ich denke, dass es auch auf das Menschlein selbst ankommt, ist es eher sensibel, sensitiv oder hüpft es gerade weiter … Man sagt ja auch, dass sich ganz kleine Kinder immer die Schuld daran geben, wenn es in ihrer Familie gerade Unstimmigkeiten gibt, warum das so ist, weiss der Kuckuck … da gilt es eben sehr achtsam zu sein und genau das gelingt eben nicht von morgens bis abends und so sind wir wieder in diesem kreislauf angekommen. Je grösser aber die Annahme des Menschleins durch seine Umgebung ist und die Liebe, umso unbeschadeter kommt es dabei heraus.
    Scham ist wohl anders, darüber weiss ich noch immer viel zu wenig, ob hier die moralischen grundsätze und Wertigkeiten eine Rolle spielen, in welchem Masse und ausschliesslich, das sind dann Fragen, die ich mir stelle.
    puh … sooo lang … aber ist ja auch ein tiefes Thema

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