Reizwörter #2 – Leistung

Willkommen zur Fortsetzung
meiner unregelmäßigen Serie über Reizwörter.
Wörter, die reizen, haben wir alle.
Wörter, die uns auf der Zunge liegen, oft viel zu oft;
Wörter, die uns schmerzen,
Wörter, die wir meiden.
Dazu werde ich frei assoziieren und danach möglichst wenig verändern – allenfalls Tippfehler entfernen. Es werden deshalb ziemlich rohe Texte sein, art brut littéraire sozusagen. Ihr könnt mir gerne Wörter nennen, die ihr vom mir „bearbeiten lassen“ möchtet. Und wenn ihr Lust habt, könnt ihr diese Reizwörter-Idee bei euch in den Blogs gerne weiterspinnen.

*****

Leistung

Du könntest mehr leisten, sagte der Lehrer. Du bist einfach ein bisschen faul. Eine Träumerin. Oder sagen wir es so: Eine Minimalistin. Wenn du wolltest, könntest du mehr.

Leistungsfach Mathematik versus Freifach Kunst.

Das leiste ich mir. Schließlich habe ich heute schon viel geleistet.

Diesen Fehler kann ich mir nicht leisten,
ich will ja nicht vor aller Welt das Gesicht verlieren.

Er hat zwar die Rekrutenschule abgeleistet, doch danach ging gar nichts mehr.
Er wollte nur noch eins: Da raus. Sein Arzt hat ihm ein Zeugnis geschrieben.

‚Wir honorieren die außerordentlichen Leistungen unserer erfolgreichen
Lehrlinge und Lehrtöchter mit außerordentlichen Geschenken.‘

Für mich ist der Gebrauch des Wortes Leistung ein Versuch, Menschen zu instrumentalisieren und in ein von außen bestimmtes Raster zu zwingen. Dadurch wird er messbar, kontrollierbar, manipulierbar …
Der Mensch ist in die Gesellschaft eingebunden.
Er ist ein Teil davon, er macht sie aus. Es sind nicht die Stromlinienförmigen, die eine Gesellschaft lebendig erhalten. Es sind die Herzlichen, ja auch die Schrägen, die Unangepassten.
Natürlich braucht es auch die Konformen, die für Stabilität sorgen. Aber wenn die Stabilität zu groß wird, stirbt das Leben dazwischen. Alles erstarrt und wird zu Beton und niemand ist mehr da, um den Klotz zu bewegen.
Ich glaube, dass jeder Mensch versuchen sollte, sich selber zu sein, so gut das geht. Das ist für mich der Lebenswert … das macht das Leben lebenswert.

(Zitat Beat | siehe Kommentarstrang Artikel Fallobst)

Advertisements

17 Kommentare zu „Reizwörter #2 – Leistung“

  1. Leistung, ja das ist für mich auch ein reizwort, das fing schon in der Schule an, wie oft wurde dort echte Bemühen übersehen, es zählte eben nur die Leistung und die am besten im Sinne der Lehrerschaft …
    aber mir etwas leisten oder sich, da habe ich keinerlei Wallungen …
    bin gespannt auf die Fortsetzung
    liebe Grüsse vom Berg ins Tal

    Gefällt 1 Person

    1. MIr etwas leisten, naaa ja, das ist schon nicht immer so einfach. Manchmal scheiterts am MIr-nicht-gönnen und manchmal daran, dass ich kein Geld habe. Wallungen schon deshalb zuweilen. Aber noch mehr reizt mich das Ding mit der Bewertung via Leistung. Wem sag ich das, gäll?

      Gefällt 2 Personen

  2. Leistung ist einer der größten Antreiber, den wir überhaupt kennen. Es gibt in Deutschland kaum eine Familie, in der Liebe nicht über Leistung zugeteilt wird. Im Coaching ist es dann unsere Aufgabe, diese extrem tief sitzenden – weil in der frühen Kindheit lebenswichtigen – Glaubenssätze aufzulösen. Ich würde mir wünschen, dass wir, wenn wir vom Leistungsgedanken getrieben sind, innehalten und uns fragen wieso. Und dann in einem weiteren Schritt schauen, welche Horrorszenarien uns unser Verstand vorgaukelt, wenn wir uns nicht daran begeben, Leistung zu bringen. Dann stellen wir nämlich ganz schnell fest, dass es a) echte Ängste sind, die uns antreiben und b) diese Ängste mit der Realität meist nicht viel zu tun haben. Auf die Art könnten wir diesen Leistungs-Wahnsinn Stück für Stück auflösen… Ich weiß nicht, ob Dir solche ausführliche Kommentare genehm sind, aber das wollte jetzt geschrieben werden 😉

    Gefällt 2 Personen

    1. Liebe Melanie – willkommen hier! Mir sind alle Kommentare, auch ausführliche genehm, die der fairen und meinungserweiternden Diskussion dienen. Von daher: Danke schön! Ich bin ganz und gar einig mit deinem Ansatz, dass Liebe leider und fast überall mit Leistung verknüpft ist, statt dass sie bedingungslos wäre. Auch die Bewertung eines Lebens aufgrund von Leistung ist schädlich. Wir leben, wenn ich das mal so sagen darf, nicht wirklich artgerecht. Weder als Gemeinschaft/Gesellschaft noch als einzelne Teile derselben. Darum ist Leistung auch eins meiner Reizwörter. Da hängt bei mir, bei vielen von uns, viel Schmerz mit dran.
      Mit meinem Blog und solchen Diskussionen versuche ich immer mal wieder ein bisschen Gegenstrom-Gedanken zu säen.
      Danke für dein Mitdenken!

      Gefällt 3 Personen

  3. gegen den strom? ich bringe manchmal bewußt gar keine leistung. aus eben diesen vorgenannten gründen. auch aus trotz, da wo leistung von mir erwartet wird.
    und ja – ein großes reizwort auch für mich! ich war von klein auf bis spät in die pubertät LEISTUNGSsportler im osten. ich war das sehr gern und aus eigenem antrieb. es war mein leben. aber ganz viel war einfach mit leisung erkauft.

    und jetzt grüße ich dich ganz faul vom sofa aus 🙂 ♥

    Gefällt 2 Personen

    1. Du Gegen-den-Strom-Schwimmerin du! So weit bin ich leider noch nicht ganz, dass ich dieses bewusste Nicht-Leisten wirklich soo bewusst tun kann, dass ich absolut keine Schuldgefühle oder Pflichtschuldigkeiten empfinden. Leider. Aber ich arbeite dran. Und ich merke, dass es wochentags schwieriger ist als am Wochenende, dieses Nicht-Leisten, dieses Nichts-Tun (ganz gleich ist das allerdings nicht).
      Du warst Leistungssportlerin? In welcher Sportart? Wie hat dich das geprägt? Du schreibst über diese Ambivalenz: Aus eigenen Antrieb und gerne versus erkaufte Vorteile … Wie erlebt das ein junger Mensch? Das interessiert mich echt.

      Gefällt 1 Person

  4. Ich bin mir nicht sicher, ob generell in Familien Liebe und Anerkennung an Leistung gekoppelt wird, ob das in so einer negativen Konnotation geschieht, sicher auch, aber doch nicht immer, oder? Kinder leisten einfach andauernd etwas, sie können gar nicht anders. Erst gestern habe ich ein Kind in der Straßenbahn beobachtet, vielleicht 18 Monate, zwei Jahre alt, das sein Brötchen untersuchte, indem es ein Stück herausriß und dann versuchte die Teile wieder zusammenzufügen. Das ist so großartig, wie Kinder die Welt erobern, was sie Tag für Tag leisten und dabei sollten sie unterstützt werden, indem ihre Leistung gewürdigt und anerkannt wird. Ich verstehe natürlich, dass es hier um einen anderen Zusammenhang von Leistung und Liebe geht, wenn Leistung (und zwar eine bestimmte, erwartete und geforderte Leistung) erwartet wird und sobald sie nicht erbracht wird mit Liebesentzug reagiert wird. Vielleicht wollte ich mit diesem Kommentar nur ein wenig die Bedeutung von Leistung erweitern, aufweichen, das ist ja nichts was so hoch hängt, sondern etwas das ständig erbracht wird, wir alle leisten ständig etwas, und dann leisten wir uns eben auch mal, nichts zu leisten. Leisten kommt ja etymologisch aus der Bedeutung „einer Spur folgen“ und vielleicht kann man daraus schliessen, dass Leistung solange gut und angemessen und wohltuend ist, wie es die eigene Spur ist, der sie folgt und nicht die, die andere vorgeben.
    Danke für die Anregung und sorry für die Überlänge dieses Kommentars.

    Gefällt 2 Personen

    1. Danke für deinen langen Kommentar. Überlang gibt es nicht. No sorry! 🙂 Ja, du bringst da einen wichtigen Aspekt mitrein. Ich finde es sehr gut, dass du das anschneidest. Reizwörter haben ja genau deswegen diesen doofen Reiz, weil sie uns dazu reizen, alles negativ zu sehen und die neutrale oder ursprüngliche Idee des Wortes zu ignorieren, zu übersehen. Deshalb bin ich total froh, dass du das hier noch ergänzest. Sehr wichtig. Ich laufe in Bezug auf meine Reizwörter halt schon oft mit echt fetten Scheuklappen herum. Eine Art Schutzmechanismus für Reizwörter ist das wohl.
      Ja, das leisten mit einer Spur zu folgen zu verbinden, hat für mich gerade was erhellendes, was tröstliches, was wohltuend-heilsames sogar. Und ja, das hier unterschreibe ich voll:
      „… Leistung solange gut und angemessen und wohltuend ist, wie es die eigene Spur ist, der sie folgt und nicht die, die andere vorgeben.“ Danke!!!

      Gefällt mir

  5. Meine Mutter stammt noch aus der Generation, wo Leistung vielleicht die wichtigste Säule des Lebens war. So sind wir auch erzogen worden. Das Ergebnis ist, dass sie ein bisschen was zusammen gespart hat. Jetzt, wo sie ins Pflegeheim gekommen ist, bin ich über diese Notgroschen froh, denn so lässt sich die Unterbringung eine Weile lang finanzieren. Ich bin froh, dass das im Moment nicht auch noch ein Problem ist und sehe Leistung unter diesem Aspekt durchaus als etwas Sinnvolles.

    Gefällt 1 Person

    1. Leistung in Geld zu messen ist eins. Das wäre eine nachvollziehbare Gleichung. Wenn sie aber in Lebenswert und mit Liebe übersetzt wird, passt es aber für mich nicht. Es ist dann nicht das, was das Wort im eigentlichen Sinn meint, wie Mützenfalterin oben sagt, einer Spur zu folgen nämlich.
      Ich finde es schwierig … Ertrag ist für das, was deine Mutter angespart hat, eigentlich vielleicht das bessere Wort? Oder Erarbeitetes. Hm. Aber das sag ich wohl, weil für mich Leistung eben wirklich ein sehr ambivalentes, auch schmerzhaftes Wort ist … schwierig-schwierig. Und doch, ich verstehe, was du meinst.

      Gefällt mir

  6. Ich verstehe, was du meinst, denn auch ich bin mit dem Leistungsgedanken groß geworden, und als ich einmal arbeitslos war, fiel ich in ein finsteres Loch. Andererseits ist Lebenswert und Liebe sehr viel leichter zu finden, wenn man keine finanziellen Probleme hat. Und das Sparbuch meiner Mutter würde ich als Ertrag ihrer Leistung bezeichnen.
    Trotzdem darf man Leistung nicht auf die berufliche Karriere begrenzen. Dazu gehören auch künstlerische Arbeiten, selbst wenn man nicht davon leben kann. Und was pflegende Angehörige leisten, wissen nur Betroffene. Dafür gibts auch kein Geld. Man sollte aufhören zu denken, dass Leistung nur das ist, was bezahlt wird. Das ist der Punkt, der weh tut. Leistung findet eigentlich im Kopf statt.

    Gefällt 1 Person

  7. Leistung an sich ist für mich kein Reizwort, ich merke gerade, dass es mich ziemlich unbeteiligt lässt emotional. Jeder erbringt doch eine wie auch immer geartete Leistung. Aber wenn man Leistungen erbringt, um geliebt zu werden (was ein hoffnungsloses Unterfangen ist, wie ich aus eigener Erfahrung von früher weiß), weil man nicht um seiner selbst und seines Soseins willen geliebt wird, dann ist Leistung fehlgesteuert und kann auch in die Irre führen, auf einen falschen Weg – bis man merkt, dass es nicht der richtige ist und nicht glücklich macht. Danke für deine Gedanken, Soso.

    Gefällt 1 Person

    1. Ich danke dir. Und bin froh, wieder eine zu kennen, die dieses Wort nicht in ihrem Reizwortschatz hat.
      Danke auch für deine Ergänzungen.

      Was für Reizwörter hast du denn? Das finde ich ja auch immer spannend: Sag mir deine Reizwörter, und ich sage dir, wer du bist … 😉

      Gefällt 1 Person

Kommentare sind geschlossen.