Ja und Nein und das Etwas mittendrin

Eine der vielen Herausforderungen unserer Leben besteht für mich darin, manche Dinge als unabänderlich zu akzeptieren. Vergangenheit zum Beispiel. Oder die Richtung des Wassers, in die es fließt, und wie es die Steine schleift und formt.

Naturgesetze erkennen wir daran, dass sie für alle gleich sind, weder gut noch böse. Einfach da. Gegeben. Eine Grundbedingung unserer physikalischen, unserer materiellen Welt. Einzig sich selbst gehorchend.

Doch warum das Wasser manchmal so leise und manchmal so laut fließt, immer wieder anders, nach Regen, vor Regen, bei Wind, bei Sturm, Ebbe und Flut – wer kann es verstehen? (Wirklich meine ich.) Und können wir die Gewalt der Natur, auch wenn sie scheinbar willkürlich waltet, so ohne Zaudern bejahen, zumal es uns nie gelingen wird, sie zu beherrschen? Selbst alle Dämme und Deiche der Welt vermögen Wind und Sturm nicht zu stoppen.

Ist der Wind darum böse, uns feindlich gesinnt? Ich sage: Nein. Weder Wind noch Feuer, Erde, Sonne und Regen haben gute oder böse Absichten. Sie gehorchen nur ihrem Sein. Sie sind das, was sie sind.

Sollen wir uns den menschengemachten Regeln und Gesetzen gleich vertrauensvoll beugen wie denen der Physik? Sollen wir? Dürfen wir überhaupt? Müssten wir nicht unterscheiden und werten, wem sie dienen, bevor wir ihnen vertrauen? Wohin allzu vertrauensvoller Gehorsam führen kann, wissen wir längst.

Vieles schmeckt mir nicht, aber weil ich hungrig bin, esse ich es doch. Weil es einfacher, billiger und bequemer ist, als mir etwas besseres zu suchen. Aber ich gestehe es: vieles was ihr mir vorsetzt, ist mir zu salzig. So salzig, dass ich dennoch nicht aufhören kann, es zu verschlingen, obwohl es meine Geschmacksknospen beleidigt. Ich weiß und ich merke, dass es mir nicht gut tut, aber etwas in mir, etwas, worüber ich keine Kontrolle habe, ruft nach mehr. Will mehr. Es hat viele Namen, das Etwas, das Phänomen. Ich nenne es Glutamat. So heißt es manchmal. Auch. Aber nicht nur. Das Etwas mit den vielen Namen hat auch viele Gesichter. Für viele heißt es auch Normalität. Ja, klar, auch ich bin normal. Wenn auch ein wenig anders normal als die normalen Normalen, die das Etwas von Herzen lieben. Dieses Etwas, das sie auf dem Mainstream hält, weil es da so einfach ist.

Tout le monde il est gentil* | Dieses Bild habe ich an der Baz’Art** fotografiert. Wer es erschaffen hat, weiß ich leider nicht.

Nein, wenn man nur schnell genug mitläuft, ist es kein Problem. Wenn man nur schnell genug schlingt, schnell genug springt, schnell genug arbeitet, schnell genug rennt, schnell genug Ja sagt, schnell genug leistet, scheißt, trinkt, mitschreit, mitmacht, mitläuft. Mitten drin im guten alten Großen Hamsterrad. Die Große Masche. Die Straße der normalen Norm ist schmal geworden. Rechts und links vom Mittelstreifen, wo früher breite Wege waren, ragen nach ein bisschen Teer und Beton schon bald scharfe Ränder aus der Erde. Sie schneiden tief, wenn du drauf trittst, und werfen dich aus der Bahn. Einmal draußen, auf dem grünen Streifen – wo es sich sehr angenehm liegt, wenn du ehrlich bist – ist es schwer, wieder ins Hamsterrad zu kommen. Erstens weil dieses immer schneller dreht, zweitens weil du merkst, dass du es nicht mehr willst. Nicht das Rad, nicht das Tempo, nicht das Etwas. Obwohl du weißt, dass du es solltest. Du kennst ja nichts anderes. Und du weißt ja, dass du, wenn du im Großen Hamsterrad mitrennst, vom Großen Hamster Ende Monat Futter bekommst. Damit deine Backen nie leer werden.

Da. Nimm noch ein bisschen Etwas. Hier. Schau. Es hat genug. [Es ist billig. Da drüben steht die Fabrik. Die Rohstoffe sind einfach hergestellt, vollsynthetisch.] Da, nimm.

Zu salzig!, sagst du. Aber nein, doch nicht salzig. Das muss so! Ehrlich. Glaub mir, das hier ist der Geschmack der Menschen. So wollen sie es. Sie lieben es. Iss!

[Es ist eben nicht alles ein Naturgesetz, was schon immer irgendwie so und nicht anders funktioniert hat.]

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* Tout le monde il est beau, tout le monde il est gentil (deutsch: Die Große Masche) ist eine französische Komödie mit Jean Yanne aus dem Jahr 1972, die sich schon damals über die Gehirnwäsche aus der Welt der Medien mokierte.

https://dailymotion.com/video/xko3d3

** Baz’Art in Meisenthal: hier klicken

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16 Kommentare zu „Ja und Nein und das Etwas mittendrin“

  1. Ein wunderbarer Text, der mich nachdenklich zurücklässt, vielleicht weil ich längst auch lieber auf dem grünen Seitenstreifen liegen blieb als im Hamsterrad mitzurennen.
    Wer bestimmt was normal ist?
    Sind wir nicht alle normal?
    Varianten dessen, was normale Norm ist, was immer das ist?

    Liebe Grüße,
    Szintilla

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    1. Für uns anders Normale ist das Hamsterrad so ähnlich wie das Leben einer Palme in Norwegen. Einfach nicht wirklich das Richtige. Obwohl es natürlich Treibhäuser gibt und so. Aber eben …
      Viele Menschen leben nicht ihrer Art gerecht. Für viele mag die Art gerecht sein, aber eben: für immer weniger. Ich muss manchmal an Charlie Chaplin in Modern Times denken. Wie er am Fliessband steht und alles runterfällt, als das Band immer schneller geworden ist.
      Die Geister, die wir riefen … Weiser Goethe.
      Und ja, wir sind alle normal. Alle Teil dieses Ganzen. Auch die auf dem Grünstreifen.
      Herzlichst, Soso

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  2. zwischen zwei hamsterrad-läufen wollte ich schnell … schnell, nur mal schnell reinschauen. drüberlesen.
    du hast mich beim herz gepackt und rausgezogen auf den grünstreifen.
    und nun sitz ich da und weiß genau, dass ich nicht artgerecht lebe. das ist bei mir sogar nach außen offensichtlich. ich bin unverträglich auf unnatürliche „lebens“mittel. ich vertrage das glutamat, das gluten, den zucker und das hamsterrad nicht.
    bin ich zu bequem für artgerechte kost und konsumiere, was mir vorgesetzt wird, dann hab ich bauchweh, ausschlag und herzrasen.
    trotzdem geh ich da jetzt wieder rein ins hamsterrad. verrückt!
    aber ich werde KEINEN kuchen essen!!!

    ich werde übrigens oft als „nicht normal“ bezeichnet. und darüber bin ich sogar froh. 😉

    danke für dein talent, in worte zu fassen, was mich umtreibt!
    ganz herzlich ❤
    kerstin

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    1. Oh du Liebe, diesen wunderbaren Kommentar habe ich übersehen. Du hast die Doppeldeutigkeit der Glutamatation der Welt aufgegriffen: Ja, genau. Ich habe zwar keine physischen Reaktionen, aber mentale. Mainstream in Futter, Gewürz, Werbung, TV vertrag ich nicht. Anders und doch ähnlich wie bei dir. Wohl suche ich schon immer nach dem Weg (voller Kompromisse?) einer meiner Art gerechten Lebensweise.
      Beim Schreiben wurde es mir überdeutlich.
      Danke für deine Ergänzungen!

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  3. Ja,die Hamsterräder.
    Ich finde, sie haben auch etwas Tröstliches. Man kennt es mit der Zeit, jede Sprosse kommt wieder und wieder – man kann sich darauf verlassen.
    Es gibt das grosse Hamsterrad, das uns jemand hinstellt und in dem wir rennen und rennen. Das ist schwierig zu verlassen.
    Aber viel schlimmer ist das Hamsterrad, das wir uns selber bauen. Da kommt man noch viel schwerer wieder raus.
    Die täglichen Abhängigkeiten, die wir uns selber schaffen. Die eigenen Vorhersagen, die wir erfüllen müssen, um uns selber recht zu geben („Ich has ja gwüsst!!!“).
    Und die dauernde Berieselung durch Medien mit Infos die wir nicht brauchen. Das dauernde „Erreichbarsein“ durch Mobilphone und Internet, die uns vorspielen, wir seien wichtig. Diese Scheinwelt, die wir uns aufbauen, stresst noch ein vielfaches mehr.
    So richtig bewusst wurde mir das, als ich den ersten Sommer als Rinderhirt auf einer Alp verbrachte. Drei Monate alleine (zusammen mit meinem Hund) und den Tieren, für die ich die Verantwortung hatte. Kein Handyempfang und keinen PC, auf dem so vieles vorinstalliert und gespeichert ist, in das man sich flüchten kann.
    Da merkte ich erst, was ich alles NICHT brauche.
    Einzig ein Bleistift und viel Papier brachten mich mir näher.
    Ich weiss das tönt idyllisch.
    Es birgt aber eine grosse Gefahr in sich. Man begegnet sich selber. Und das kann schwerer auszuhalten sein als alle Hamsterräder zusammen.

    Beat

    PS: Wieder unten in der „Zivilisation“ dauerte es keine Woche, bis ich wieder brav und schnell, Schritt vor Schritt setzte. Die Hamsterräder hatten mich wieder.

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    1. Ja, das kenn ich ähnlich auch von solchen Auszeiten. Die letzte im Sommer 14 beim Pilgern. Ideal wäre wohl einen Mix zu finden. Den suche ich wohl halb bewusst, halb unbewusst schon lange. PC als Schreibinstrument ist in Ordnung. Internet auch, aber das mit der eigenen Wichtigkeit? Das müssten wir überdenken. Oft verwechseln wir wohl Geliebtwerden(wollen) mit Wichtigsein(wollen).
      Tja … Ich danke dir für deine Ergänzungen zum Hamsterradrennen.
      Herzliche Grüsse auf die Azoren 😄

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  4. das ist wieder so ein wunderbarer Soso-Text, der mich nachdenklich hinterlässt, ich las ihn schon gestern und auch gerade noch einmal, aber mir wollen jetzt keine schlauen Worte einfallen, einfach nur danke sagen und dir ein gutes Weitergehen wünschen und dass dich und mich das Hamsterrad endlich entlässt und wir Wege finden von dem zu leben was wir sind und was wir tun …
    herzliche Grüsse Ulli

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  5. Hab jetzt lange gegrübelt … Das Wasser hat’s mir angetan.

    Lebendiges Wasser fließt, bewegt sich. Wenn es wirklich stillsteht, ist es bald tot. Und die unterschiedlichen Geräusche: Für die ist nicht das Wasser verantwortlich, sondern seine Umgebung — die formt den Klang. So, wie unterschiedliche Umgebungen das Echo formen/verändern. Glaube ich.

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    1. Ja, das sehe ich auch so. Es sind die Einflüsse, die den Klang und den Druck des Wassers, nicht aber seine Fließrichtung (abwärts) bestimmen. Das hat durchaus philosophischen Sinn.

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