Da und dort, die Welt und ich.

Ich nehme vieles persönlich. Zu persönlich sogar. Obwohl alle sagen und schreiben, dass das nicht gut ist (*), komme ich dagegen nicht an, zu denken, dass die leidenden Menschen im Gazastreifen mich meinen, wenn sie um Hilfe bitten – mich und dich, uns alle. Und ich komme auch nicht dagegen an, dass ich mich mitverantwortlich fühle, wenn ich über Hungernöte, Frauenhandel, Kinderarbeit und Working Poorness lese. Ich fühle mich mitverantwortlich für das kapitalistisch-imperialistischen und ausbeuterischen Konzept unserer westlichen Gesellschaft, in der ich groß geworden bin.

Nein, ich fühle mich nicht nur deshalb mitverantwortlich, weil ich bestimmt schon Jeans aus Asien gekauft habe, die unter unmenschlichen Bedingungen genäht worden sind, weil ich bestimmt schon technische Geräte gekauft habe, die unter unmenschlichen Bedingungen installiert worden sind und weil ich bestimmt schon Lebensmittel und Alltagsprodukte gekauft habe, die unter unmenschlichen Bedingungen geschaffen worden sind. Ich fühle mich wohl eher darum mitverantwortlich, weil ich weiß, wie sich Leid anfühlt und dem fremden Leid gegenüber zugleich hilflos bin und dennoch etwas kleines tun kann.

Neben den kleinen Spenden da und dort tue ich im Grunde ja nur dieses: Ich kann die Not nicht vergessen, ich kann sie nicht wirklich ausblenden, obwohl ich kaum Zeitung lese und noch weniger Tageschau gucke. Ich sehe sie trotzdem und ich fühle sie in mir und ich nehme sie persönlich. Ich leide mit den Menschen, die leiden, mit. Ich nehme fremdes Leid persönlich. Ich denke darüber nach wie die Welt sein könnte, sein müsste, wenn genau jene Menschen, die die Fäden ziehen, empathischer wären. Menschlicher. Wenn sie das, was sie achtlos/gewissenlos/emotionslos (?) tun, überdenken würden. Ja, du ahnst es: Ich fühle mich auch für deren Handlungen irgendwie verantwortlich, weil ich Teil dieser Gesellschaft bin, die solche gefühllosen Monster hervorbringt. Ja, ich weiß, dass das krank ist, es ist größenwahnsinnig irgendwie, aber dann denke ich: Ich bin es allen Leidenden schuldig, dass sie jemand wahrnimmt, dass sie jemand hört, dass jemand ihr Leid mitfühlt. Dass sie nicht verbittern und so ebenfalls zum Tätern werden.

Vielleicht, weil ich selbst erlebt habe, wie es ist, wenn man im Leid nicht allein ist. Wenn jemand da ist, der einem hört und sieht und mitfühlt.
Und vielleicht auch, weil ich als Mitfühlende glaube, ein bisschen kollektive Buße zu tun für das Unrecht, das weltweit geschieht und an dem ich eben indirekt, als Teil dieser ausbeuterischen Gesellschaft, mitverantwortlich bin.
Und weil ich mich als Mitfühlende so wohl auch ablenken kann und absehen vom eigenen Schmerz oder ihn zumindest relativieren.

Ich gestehe es, ich bin nämlich eine von denen, die, wenn sie wegen eines Unfalls die rechte Hand verlieren würden, zwar nicht als erstes, aber gleich als zweites oder drittes denke würde: Ich darf jetzt nicht klagen, andere verlieren ihr Bein oder gleich beide und die sind dann wirklich arm dran. Ich bin eine von denen, die erst, wenn sie keine Luft mehr bekommt, merkt, dass sie gleich ertrinken wird, wenn sie nicht sofort um Hilfe ruft.

Feuer6Das Problem an dieser Art Weltbild, sagte Freundin M. (1) vorgestern Abend, als wir nach dem Feuerritual noch zusammen saßen und uns austauschten, das Problem ist, dass du zu glauben meinst, wie andere sich fühlen, wie andere leiden, was andere brauchen. Weil du von dir auf andere schließt. Doch du kannst niemandem die Last abnehmen.
Aber sie ihm leichter machen vielleicht?, sagte ich.

Ja, im Grunde weiß ich natürlich, dass ich wenig ändern kann und ja, ich leide sehr an dieser Hilflosigkeit. Und manchmal fehlt es mir am Zutrauen, am Vertrauen daran, dass es je anders werden wird. Und dass andere mindestens so kompetent oder gar viel kompetenter darin sind, mit ihrer Not umzugehen. Wie wäre es also, wenn ich ihnen diesbezüglich mehr vertrauen würde? [Und womöglich ist das alles ja bloße Hirnwichserei einer Gutfrau?]

Aber womöglich auch nicht. Womöglich ist es auch richtig, mitzufühlen, wenn woanders im Gewebe der Welt ein Mensch einem andern Menschen (oder Tier) Leid zufügt um sich wie auch immer geartete Vorteile zu verschaffen. Macht. Geld. Gier. Eigennutz.

Und womöglich ist mein einziges Werkzeug dagegen der Buchstabe, das Wort, der Satz. Wörter helfen mir dabei, unerträgliches rauszuschreiben. Rauszuschreien. Schreiben ist wie schreien, wie duschen, wie abwaschen und wie scheißen; schreiben ist jener Prozess, der mir verstehen hilft, das Werkzeug, das Lebensmittel, die Lebensmitte, die mich mit mir, mit der Welt verbindet. Mein Innen mit meinem Außen. Mein Außen mit meinem Innen.

Das Leben nicht zumindest ein wenig persönlich zu nehmen, geht bei mir nicht. Aber ich kann daran arbeiten, es anders persönlich zu nehmen. Wie das geht, weiß ich zwar noch nicht so genau, doch ich hoffe, dass ich es herausfinden werde.

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* Der toltekische Weisheitslehrer und Schamane Don Miguel Ruiz bietet mit seinen Büchern einen ethischen Verhaltenskodex, der inzwischen das Leben von Millionen Menschen bereichert. Die Versprechen, die man sich selbst gibt, lauten:
1. Sei untadelig mit deinen Worten.
2. Nimm nichts persönlich.
3. Ziehe keine voreiligen Schlüsse.
4. Tu immer dein Bestmögliches.
5. Sei skeptisch, aber höre gut zu.

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19 Kommentare zu „Da und dort, die Welt und ich.“

    1. Wie zitiert? Das verstehe ich jetzt nicht.
      Der Text ist von mir, einzig die Zusammenfassung über Ruiz ist zitiert, resp. kopiert.
      Danke dennoch, willkommen hier und auf Wiederlesen …

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  1. Vorhin, da stand ich unter der Dusche und dachte darüber nach, dass eigentlich mal wieder ein Artikel von dir schön wäre. Et voila, da ist er. Solche Zusammenfälle mag ich, auch wenn in deinem Fall eher unbekannterweise.

    Ich bin auch so. Ich nehme Dinge persönlich, die ich nicht persönlich nehmen sollte und irgendwann halte ich inne und stelle fest, dass ich von diesem ganzen Mitfühlen so blockiert bin, dass ich mich selbst mal wieder verloren habe. Und dann gehe ich wieder auf die Suche nach mir. Mittlerweile versuche ich eher hier im Kleinen Dinge zu verändern, in meinem Umfeld, dort wo ich Möglichkeiten habe. Freundlich sein, zuhören, Anteil nehmen an Anderen und versuchen, so wenig Schaden anzurichten, wie möglich. In der Hoffnung, dass hier im reichen Westen, wenn die Leute vielleicht eines Tages zufriedener werden, diese ganze Ausbeutung nach und nach weniger wird, weil wir alle weniger brauchen. Es vielleicht eines Tages wieder in Ordnung sein wird „nur“ einen oder zwei Anzüge zu besitzen, diese aber von ortsansässigen Schneidern unter würdigen Produktionsbedingungen erstellen zu lassen.

    Diese Achtsamkeit ist gerade im ganzen Konsumbereich ein unerreichbares Ziel: offensichtlich besitze ich auch einen Computer (sonst würde ich hier nicht schreiben), ich besitze ein Mobiltelefon und sicher habe ich auch schon Kleidungsstücke gekauft, die irgendwo in Asien unter unmenschlichen Bedingungen genäht wurden. Aber ich versuche zumindest weniger zu konsumieren, fair zu kaufen und Alternativen zu suchen.

    Dadurch leide ich nicht weniger, ich fühle genauso mit, wie wenn ich nichts täte, aber manchmal, wenn ich Abends im Bett liege, kommt wenigstens ansatzweise die Erkenntnis zu mir durch, dass ich es wenigstens versuche und das auch schon mal ein Anfang ist.

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    1. Du glaubst ja nicht, wie gut mir das grad tut, liebe Iris.
      Dass jemand, den ich nicht persönlich kenne, unter der Dusche an mich denkt, freut mich sehr. Hihi. Und dass du ähnliche Gedanken kennst, tut mir einfach sehr gut, denn ich fühle ich mich damit ja oft recht unverstanden. Und allein. Und auch irgendwie unreif, weil ich mich nicht abschotten kann, weil ich mich so „schlecht abgrenzen“ kann.
      Tja, und ja, natürlich übe ich damit schon sehr lange, besser, gesünder umzugehen. Weil ich ja auch sehr viel Energie „verschwende“ in dem ich mir Sorgen umd Dinge mache, die ich nicht verändern kann. Aber eigentlich sind es weniger die Dinge (Krieg, Not, Katastrophen) als die Menschen, die ich „fühle“. Und das möchte ich im Grunde nicht ganz verlieren, nur eben konstruktiver damit umgehen lernen.
      Achtsamkeit ja, das ist mein Wort auch. Und das übe ich auch mir gegenüber.
      Was ich verlernen will, ist Leid zu bewerten.Mein eigenes Leid abzuwerten.
      Ich möchte anders mitfühlen lernen. Und ja, solche Erkenntnisse habe ich auch oft nachts. Und dann geht es darum, sie ins reale Leben zu holen.
      Ich danke dir sehr für deine Zeilen.

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    2. Da bin ich aber erleichtert. Zuerst wollte ich das mit der Dusche ja gar nicht schreiben, weil ich nicht wusste, ob das bei dir nicht völlig verquer ankommt. Aber es freut mich sehr, dass du es richtig verstanden hattest. 😉

      ja, auch mir geht es um Menschen. Aber es sind eben auch Menschen, die diese ganze Ausbeutung bewirken. Es ist nicht der unpersönliche Markt, auf den das alles oft geschoben wird. Produziert wird auch nur das, was wir alle konsumieren. Im Grunde sind wir alle (ich auch) nichts anderes als kleine, verwöhnte, elternlose Kinder, die im Supermarkt vor dem Überangebot stehen und am liebsten täglich einen grossen Haufen Süssigkeiten mit nach Hause nehmen oder auch sofort essen würden.

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    3. Oh, und schon wieder nimmst du ein Bild, das ich oft schon dachte. Das mit dem verwöhnten Kind, das mit dem Überangebot. ‚Weniger wäre mehr‘ ist nicht nur ein doofer Spruch für mich, sondern das, wowon ich glaube, dass es uns gut tun würde.

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  2. Liebe Soso, zunächst einmal danke, dass du dich mit all dem zeigst, du hast es toll geschrieben, und nun … du ahnst es schon kommt mein ABER …
    zunächst einmal mache ich immer noch einen Unterschied zwischen Mitgefühl und Mitleid, beim Mitgefühl fühle ich mit den anderen mit, das geht aber nur, wenn ich das, was ich meine mit anderen zu fühlen selbst kenne, beim Mitleid gehe ich ins Leiden und das hilft nun wirklich niemanden, beim Mitgefühl bleibe ich freier, wenigstens fühlt es sich so bei mir an. Das nächste ist, dass ich, seitdem ich denken kann, mir eine andere Welt wünsche, eine sozialere und gerechtere und tatsächlich war ich ja auch lange aktiv und sah es in den 1970iger Jahren so aus, als würden wir etwas erreichen, aber dann kam die kalte Dusche, die Schrauben wurden wieder angezogen und seitdem in jedem Jahrzehnt mehr, die Herrschenden wissen nun einmal ihre Pfründe zu sichern und das Volk mit Zuckerbrot und Peitsche zu gängeln. Ich leide an diesem System, wenn auch anders, als die Menschen, die seit Jahrhunderten ausgebeutet und ausgeblutet werden, denen ihre Bodenschätze genommen werden und sich nur einige wenige daran bereichern- das alles und mehr ist nie in meinem Sinne gewesen und ich werde nicht müde werden für eine bessere Welt einzustehen. Mich macht eher die Hilflosigkeit mürbe, dieses auf die Strasse gehen, über dies und das zu schreiben und zu reden und dabei immer wieder nur zu spüren, dass ich letztlich nur die erreiche, die all das auch wissen und für das Selbe einstehen, die anderen hören das nicht, sie sind die drei Affen und haben die Gier im Bauch und schreiben das Recht …
    ich finde es grauenhaft wieviele Menschen auf diesem Erdenball leiden, hungern, dursten, Opfer von Kriegen sind, die nicht ihre Kriege sind, manchmal meine ich sogar die Erde schreien zu hören, das Wasser auch, machen wir uns nix vor, die leiden auch und es hört auch hier nicht auf, diesen Schmerz kann ich genauso spüren, wie den Schmerz der vielen Millionen Menschen, aber ich helfe all dem nicht, wenn ich mitleide, sondern nur, wenn ich dem Ganzen etwas entgegensetze, und sei es noch so klein …

    soweit erst einmal, das Telefon bimmelt … grmpf …

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    1. Liebe Ulli, ich habe diese Trennung von gutem Mitgefühl und schädlichem Mitleid auch lange gemacht, weil man es mir so beigebracht hat. Inzwischen aber weiß ich, dass ich – wenn ich mitfühle – nie das Leid außen vor lasse und darum das Wort Mit-Leid auf eine neue Art für mich zugelassen habe. Natürlich, niemand will bemitleidet werden, und auf diese Art fühle ich mein Mit-Leid auch nicht, es ist eher wohl eine Art leidwahrnehmendes Mitfühlen. Letztendlich ist mir das Wort nicht soo wichtig. Wichtig ist mir, dass ich diese Fähigkeit habe. Dass ich sie nicht verlerne, dass ich nicht verbittere und resigniere. Und du auch nicht. Wir alle nicht.
      Grad eben habe ich Luisa Francias Jahreshoroskop gelesen.
      http://www.salamandra.de/mondocane/template.php?nummer=29
      Es wird immer wichtiger, schreibt sie, dass wir uns solidarisieren, vernetzen, verbünden.
      Ein Ausdruck von Empathie, finde ich, wenn wir das tun.
      Ich danke dir fürs Mitdenken, Teilen, Mitfühlen … und ja, ich denke, du weißt, wie ich es meine?

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    2. leidwahrnehmendes Mitfühlen … das ist eine wunderbare Formulierung!
      Ich hab das nicht so gelernt, erst in den letzten Jahren machte ich für mich diesen Unterschied, aber ich weiss schon, wie du das meinst- und Luisa hat absolut Recht! wir Menschen sind keine Einzelkämpfer, wohin das führt sehen wir ja, immer mehr Vereinsamung und Sozialphobien …

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  3. nur mal kurz aus dem hamsterrad ausgestiegen, liebe soso.
    „Ich bin es allen Leidenden schuldig, dass sie jemand wahrnimmt, dass sie jemand hört, dass jemand ihr Leid mitfühlt.“ … schuldig? warum schuld?
    und du fühlst mit dem elend und dem leid und dem traurigen.
    ich bitte dich mal eben (weil ich weiß, dass du es kannst und es dich lächeln läßt), fühle auch mal mit den glücklichen, mit denen, die in ihrer mitte sind, mit den verliebten und mit den geheilten. auch dafür kannst und solltest du dich verantworlich und schuldig fühlen.
    und es stellt ein wenig ein gleichgewicht her. wenigstens für den moment 🙂

    ein lieber herzgruß von hier zu dir!

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    1. Oh, Freud hätte Freud. Warum schrieb ich da „schuldig“? Gute Frage. Warum … Ach, du weise Frau du. Ja, genau, mich mit den Geheilten, Glücklichen verbinden, auch das ist wichtig. Und ja, ich vergesse es oft und ja, du lässt mich lächeln. Und dafür danke ich dir ganz herzlich.
      Das Gleichgewicht finden. Genau. Immer wieder. Länger als einen Moment lässt es sich zwar nie halten, aber … warum es nicht immer wieder wagen?
      Auch dir ❤ -Grüße von Süd nach Nord!

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  4. Liebe Soso
    Wenn du dich am Leid der Welt mitschuldig fühlst, dann bist du (logischerweise) auch an all der Freude, dem Glück, an all den schönen Momenten und Dingen, dieser Welt mitschuldig. Diese gibt es genauso wie das Leid, nur werden sie weniger beachtet und schaffen es kaum in die Medien.
    (Man kann sich da die alte Frage stellen: Ist das Glas halbleer oder halbvoll?)
    Wie sang doch Georg Danzer in einem seiner Lieder so treffend? „Du kannst die Welt nicht gleich ändern aber Zeichen setzen, das geht.“
    Dein Blog, der mich zum Nachdenken und Diskutieren anregt, ist so ein positives Zeichen.
    Dafür danke ich dir.
    Beat

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    1. Oh, du bist jetzt schon der zweite, der was in die Richtung sagt. Ein sehr schöner Gedanke. Und danke auch für das Kompliment. Jetzt glaub ichs dann allmählich, also das mit dem „positiven Zeichen“ durchs Bloggen. 🙂
      Herzlichen Dank auch an dich, an euch.

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