Das Rückspiegelding

In Zeiten der Wandlung, in Zeiten der Übergänge wächst das Bedürfnis, stehenzubleiben. Mich umzudrehen. Den Weg zu betrachten, den ich zurückgelegt habe. Ich stehe an einem Hang, sehe hinunter, sehe die Straße, die ich zuerst gegangen bin, dann verlassen habe; eingetauscht gegen einen Wanderweg, schließlich gegen einen Trampelpfad. Ich wechsle und tausche oft. Am meisten Wege und Dinge. Menschen nicht. Auch Überzeugungen nicht. Die wandeln sich wohl, aber im Grunde sind sie mein Grund und Boden.

Ich stehe da und schaue mir die zurückgelegten Spuren dieses Jahres an. Ich war im Sommer zu Fuß auf dem Gotthard, dazu noch in strömendem Regen und ohne die innere Ruhe einzubüßen. Ich habe gelitten, ja, das habe ich. Immer wieder. An mir. An andern. Am Weg. Oft auch auf dieser wunderbaren Wanderung, die dennoch für mich eine Art Wendepunkt darstellt – einen der Wendepunkte dieses Jahres. Ich habe begriffen, dort auf dem Weg auf den Gotthard, dass ich nur auf den Berg komme, wenn ich Schritte tue. Einen nach dem andern. Und dass ich mich nicht mehr gegen die Steigung wehre. Dass ich Ja zur Steigung sage, zum Schmerz, zur Anstrengung, zum Regen, zum Schweiß auf der Stirn (auch zu dem unter der Regenjacke), Ja zum Weg, den ich gehe. Weil ich ihn selbst gewählt habe. Und das im Grunde jeder Schritt ein Same ist, ein Same aus dem neue Wege wachsen können.

Ich stehe da und schaue mir die zurückgelegten Spuren dieses Jahres an und ich sehe, wie ich die ersten Monate dieses Jahres wichtige und ganz und gar unvernünftige Entscheidungen getroffen habe. Entscheidungen, die Mut erforderten. Einem Sprung aus dem Helikopter gleich. Freier Fall. (Und ja, natürlich trage ich einen Fallschirm …) Ich habe den Sprung nie bereut, nie, aber ich weiß noch nicht so genau, was danach kommt. Und ob ich noch fliege oder schon gelandet bin. Oder ob ich ab jetzt immer fliegen werde. Und ob das mein neues Leben ist.

Ich stehe da und schaue mir die zurückgelegten Spuren dieses Jahres an. Sie sehen zwar chaotisch aus und ziellos, weil ich es ja nicht so mit den Zielen habe, dennoch folgen sie einer Richtung. Und die Richtung kenne ich gut. Auf den Wegweisern, die ich passiert habe, ist mein Herz drauf codiert, nur für mich sichtbar. Ihnen bin ich gefolgt, auch dann, wenn andere den Kopf geschüttelt haben. Wovon willst du denn leben?, habe ich mich oft gefragt und nein, ich habe meine Antwort noch nicht wirklich gefunden. Dass ich von meiner Selbständigkeit noch nicht leben kann, habe ich gemerkt. Zu wenig liegt mir das Selbstvermarkten. Doch ich lerne. Ich lerne zu mir zu stehen. Mich nicht mehr immer klein zu machen. Den Kopf dort tragen, wo er hin gehört. Oben. Ich lerne mir zu trauen. Und ich lerne mich zu trauen.

Ich stehe da und schaue mir die zurückgelegten Spuren dieses Jahres an. Mir ist viel Heilung zuteil geworden. Letztendlich durch mich selbst. Weil ich Schritte gewagt und getan, Werkzeuge angenommen, einige Dinge und einige Menschen losgelassen, andere Dinge begriffen und andere Menschen eingelassen habe (die das jetzt lesen und sich betroffen fühlen: gut so, ihr seid gemeint!). Weil ich gewählt habe. Weil ich weise, verrückte und unbequeme Entscheidungen getroffen habe. Weil ich einiges verstanden habe (und das Meiste noch immer nicht, aber das ist in Ordnung so).

Ich stehe da und schaue mir die zurückgelegten Spuren dieses Jahres an. Danke!, sage ich, danke, mein Weg. Danke, ihr Menschen an meiner Seite. Danke, Liebster, danke Freundinnen und Freunde, danke Wald, danke Berg, danke Bäume, danke Steine … Mir rinnen Tränen über die Wangen. Dankbarkeit ist in jeder Zelle. In jeder Zeile. In jedem Wort. Denn ich sentimentaler Sack fühle mich seit vielen Jahren das allerallererste Mal schon eine ganze Weile ziemlich gut. Manchmal sogar sehr gut. Und ich fühle mich sogar im Dezember wohl. Das Kind in mir hat zu sich selbst zurückgefunden und freut sich über das Geheimnis hinter dem ganzen Weihnachtskommerz.

In Zeiten der Wandlung, in Zeiten der Übergänge wächst das Bedürfnis, stehenzubleiben. Mich umzudrehen. Den Weg zu betrachten, den ich zurückgelegt habe. Doch jetzt wende ich mich dem Weg zu, der vor mir liegt. Ich tue den nächsten Schritt. Ich atme tief ein und aus und ich freue mich auf das, was kommt. Weil da – trotz allem Bullshit – so viele und so vieles eben auch gut ist. Da ist nicht nur Leid. Da ist nicht nur Schmerz. Da ist nicht nur Krieg. Da sind nicht nur traurige, verletzte, enttäuschte Menschen, da sind auch viele, die mit ihrem Mut dem Schmerz trotzen. Die mit ihrer Musik der Not entgegentreten. Die mit ihrer Kraft andere aufrichten. Die mit ihren Worten, andere bezaubern. Die mit ihren Taten, anderen ein Lächeln schenken.

Wir sind viele, die das Wohl und die Zufriedenheit und das Miteinander fördern. Wir sind vermutlich sogar viele mehr als wir denken.

Ich gehe einen Schritt nach dem andern und ich weiß, dass ihr alle da seid.

Danke.

(Das war mein Happy 2014, liebe Sarah!)