apt-get install zufriedenheit

Längst bin ich zu einer kleinen Nerdin mutiert. Zu einer Nerdosophin von mir aus. Eine Wandlung, die sich laufend vollzieht und sich in den letzten zwei Jahren noch verstärkt hat, seit ich meinem früheren possessiven Betriebssystem, das auf meinem Rechner installiert war, den Rücken gekehrt habe. Seit ich zur Linux-Anwenderin geworden bin, diesem freien und kostenlosen Betriebssystem, das mindestens so virensicher wie Mac ist. Nein, keine Angst, das was jetzt kommt, wird nicht nerdisch sein, höchstens ein bisschen, aber so, dass auch Nicht-Nerdische es verstehen. Versprochen. Nerdisch? Auch das werde ich übersetzen, versprochen. Jetzt. Hier. Nerds* sind Menschen, die sich exzessiv und leidenschaftlich mit IT, Programmierung, Internet und den Hinter- und Abgründen der virtuellen Technik befassen. Und html können.

Html? Hm, das war doch, das ist doch … Ähm, nein, sorry, keine Ahnung. So irgendwie höre ich dich murmeln und nein, keine Angst, ich werde hier keinen Vortrag über die wichtigste und älteste Sprache des Internets halten. Uns interessiert ja meistens nur, dass etwas funktioniert, nicht wie. Wer nun weiterliest, erfährt nur etwas über die der internetten Sprache zugrunde liegende Philosophie. Denn die Klammer, die Klammer, die gilt es zu verstehen.

Html befiehlt einem Text – kurz gesagt – wie er auszusehen hat. Oder wohin er führen soll, wenn er die Aufgabe hat, etwas zu verlinken. Und damit all jene, die den Text im Internet lesen wollen, nicht über kryptische Befehlszeilen stolpern, geschieht das alles im Hintergrund. Auf einer zweiten, verborgenen Ebene. Hinter den Zeilen, sozusagen, statt zwischen den Zeilen. Bei WordPress einem Content Management System (kurz CMS), also einem Inhalte bewirtschaftenden System, sehen die Benutzenden oberhalb des Fensters, in das sie den Text einfügen, der später den Lesenden gezeigt wird, die Möglichkeit zwischen visuellem und Text-Modus zu wählen. Visuell? Ganz einfach: So sieht der Text nachher aus. Hier kann nach Herzenslust formatiert werden: mit Farben, mit Fettdruck, mit Kursivanzeige, mit Überschriften … Fast wie Word oder Open- & LibreOffice.

Bist du noch da? Nun wird’s nämlich spannend. Ähm. Vielleicht. Hoffe ich. Neben dem visuellen, für alle Augen sichtbaren Modus gibt es, wie gesagt, den Text-Modus. Seit ich diesen vor vielen Jahren entdeckt habe, kann ich nicht mehr ohne ihn. Man spricht bei dem, was er anzeigt, auch von Quelltext. Und nun kommt es, das mit der Klammer (siehe oben). Jener Klammer, die eigentlich Tag heißt. Nein, nicht Tag wie das Gegendings von Nacht, sondern das englische Tag. Na, ihr wisst schon. Aber ich mag halt das Wort Klammer lieber. Verzeiht mir also, ihr andern Nerds, falls ihr hier mitlest. Ich bin ja, wie gesagt, eher so eine Art Philonerdin oder Nerdosophin.

Widmen wir uns also der Klammer. Der Doppelklammer um genau zu sein. Nun ja, die Doppeldoppelklammer um richtig genau zu sein. Denn <> und </> sind die Basis jeden Befehls. Was in der Klammer drin steht, entscheidet später über das Aussehen des visuellen Inhalts. Fettdruck wird zum Beispiel mit den Klammern <strong> und </strong> ausgelöst. Wobei die erste Klammer den Anfang und die zweite Klammer das Ende des fettzusetzenden Wortes oder Satzes anzeigt. [Okay, bei Bildern und überall, wo es keinen Text einzurahmen gilt, braucht es nur eine Klammer, eine, die dafür auch gleich einen Schrägstrich enthält: <img /> bei Bildern oder <br /> für den Zeilenumbruch. Das könnt ihr aber gleich wieder vergessen. Oder auch nicht.] Soll das Fettzusetzende auch gleich noch kursiv sein, werden die Klammern <em> und </em> drumrum gebaut. Doppeldoppeldoppelkammern. Klickt man also das allererste Mal vom visuellen in den Text-Modus, wird man nicht gleich auf Anhieb etwas erkennen, außer Klammern, ähm, Tags. Vor allem, wenn man noch nicht weiß, was die einzelnen Befehle wie strong, em etc. bedeuten. Und darum geht es hier zum Glück für dich nicht. 😉

Hier geht es nur darum, das Prinzip der Klammer zu verstehen, zu verstehen, dass im Verborgenen alles ein wenig anders aussieht. Dass Programme geschrieben und gelesen werden und dass das, was ein Programm für uns macht, eigentlich eine Art Übersetzung ist. Die heutigen Rechner transkribieren die Befehlszeilen im Hintergrund für uns Lesende so, dass unsere Augen nur das Vordergründige, für alle Sichtbare sehen.

Vermutlich ticken auch die Programme, die unserer Bio-Software – Geist, Seele, oder meinetwegen meinem Ich, meinem Leben, meiner Lebenseinstellung, meiner Arbeit – zugrunde liegen, so ähnlich. Html als Analogie für mein Unterbewusstsein, für das Skript meines Lebensbuches?

Erwacht bin ich neulich mit dem Satz apt-get install. Nun verstehst du wieder Bahnhof, richtig? Das war dieser Halbsatz, den Irgendlink damals, als er die Meseta durchpilgert hatte, benutzt hat. Und ich erinnere mich noch heute daran, nach vier Jahren, wie er mir am Telefon erzählt hatte, dass er sich andere Bilder im Kopf installiert habe, um den Weiten der Meseta nicht schutzlos augeliefert zu sein.

Apt-get ist auch so ein Begriff, den wohl nur närrisch-nerdische Linuxen kennen und verwenden. Mit apt-get gebe ich auf der Hintergrund-Befehlsebene, dem Terminal genannten Cockpit, das ein, was ich nicht nur in einem einzelnen Text, sondern auf dem ganzen Rechner verändern will. Apt-get** ist demzufolge die Aufforderung an den Rechner, etwas Grundlegendes zu verändern. Oder etwas aus dem Netz Gefischtes zu installieren. Ich kann auch sagen: Apt-get update. Dann fischt der Rechner alle verfügbaren Updates für alle bestehenden Programme auf dem Rechner aus dem Netz. So kann ich im Betriebssystem Dinge hinzufügen und entfernen.

Natürlich bin ich diesbezüglich noch immer ABC-Schützin, doch das Prinzip ist auch hier einfach: Die Befehle und die Orte, wo etwas hin soll und wo es abgeholt werden kann, stehen in Klammern. Ein bisschen anders als bei html, aber doch im Prinzip gleich.

Du gähnst? Verzeih, aber jetzt kommt’s: Software lässt sich nämlich verändern. Ergänzen. Überschreiben. Löschen.

Und das hier – du hast es geahnt, stimmt’s? – das hier sind alles Metaphern. Gleichnisse für das Menschsein und das ist es wohl auch, was mich an der Technik so fasziniert. Sie ist der Versuch eines Abbildes. Der Mensch schuf sich den Rechner zu seinem Bild (so wie er sich ja auch einst Gott zu seinem Bilde schuf).

Und darum schauen wir uns jetzt die menschliche Festplatte an. Bei der Geburt ist sie leer. Gut, ganz leer ist sie nicht. Da ist ein Betriebssystem drauf, natürlich, und sie ist formatiert. Übersetzen tun wir das hier mal mit Genen, unserem biologischen Erbe, kulturellen Einflüssen, Land, Geschichte … Aber es sind noch keine Dateien drauf, nur ganz viel Raum. Dieser Raum wird jedoch schnell voll und voller. Aus kleinsten Trampelpfaden werden schnell Autobahnen. Laufend werden Programme installiert und ständig Updates nachgereicht. Oft ganz hässliche. Malware. Virenverseuchter Mist auch.

Das Programm, ob du von dir glaubst, ein liebenswerter Mensch zu sein – oder eben nicht –, wird wohl ziemlich bald installiert. Darauf basieren viele der später dazukommenden Programme. Wie auch beim Rechner viele Programme auf bestimmten anderen basieren, mit ihnen zusammenhängen oder sich gegenseitig bedingen. (Notiz an mich: Wenn ich einmal groß bin, werde ich IT-Psychologin, vielleicht).

Darum ist es besonders wichtig zu wissen, dass sich Software verändern lässt. Ergänzen. Überschreiben. Löschen (siehe oben).

Und ja, gute Nachricht: Auch menschliche Programme lassen sich verändern. Nicht ganz so einfach allerdings, zugegeben. Wie das funktioniert, kann ich auch nicht so einfach zusammenfassen. Und ob es auch dafür Formatierungsanweisungen wie die eben erwähnten Klammern, Doppelklammern, Doppeldoppelkammern und Doppeldoppeldoppelkammer gibt, wage ich zu bezweifeln, doch das es geht, habe ich dieses Jahr erlebt. Nicht immer, aber immer wieder. Und es lohnt sich, sein eigenes Betriebssystem kennenzulernen und sich als sein ganz persönlicher sudo*** fit zu machen. Oder Hilfe bei einem Supportservice zu holen.

Ooops, was für ein … Text! Ob ich dafür heute wirklich so früh aufstehen und mich an den Rechner setzen musste? Ich sag nur sudo*** apt-get install zufriedenheit. Und vergiss bloß dein sudo-Password nicht!

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* Na ja, wörtlich übersetzt klingt es nicht so schön (Fachidiot, Computerfreak, Sonderling, Streber, Außenseiter).

** Apt ist die Abkürzung für Advance Packaging Tool, eine Art Paketverwaltungssoftware also.
Mehr darüber für andere Nerds und Wannabes gibt’s hier: http://wiki.ubuntuusers.de/apt/apt-get?redirect=no

*** sudo ist der Superuser mit der Befehlsgewalt über die Installationen am jeweiligen Rechner.

 

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16 Kommentare zu „apt-get install zufriedenheit“

  1. ooooo …kay! liebe Soso, du olle Nerdiphilososo, das lese ich dann noch einmal, ob ich es dann verstehe und anwende, keine Ahnung. Immerhin benutze ich beides, mal visuell, mal Textbereich 😉 wenigstsns das kann ich 🙂
    lach und herzliche Grüsse
    Ulli

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  2. Wenn ich DAS gewusst hätte! Dass du dich mit Linux auskennst, meine ich. Ich hatte Ubuntu auch, war aber nicht in der Lage, dem Ding beizubringen, auf meinem alten Laptop WLAN zu erkennen. „Ein bekanntes Problem“ war das Einzige, was ich von allem Gegoogelten verstand. Ich bin wirklich ein Computerfreak, aber das kriegte ich nicht hin. Also half mir ein IT-Fuzzi, netterweise. Etwa ein Jahr später hat sich Ubuntu aber auf die nächste Version upgedatet, danach ließ sich das Laptop nicht mal mehr starten. Und nochmal wollte ich den Fuzzi nicht fragen, so gut kenne ich ihn nicht. Ich kaufte mir dann ein Tablet mit Windows 8.1, das läuft.
    Ich mag Alternatives aller Art und würde Linux liebend gern nutzen, aber das ist was für Profis. HTML-Kenntnisse habe ich auch, hilft bei Linux aber leider gar nichts. ;-(

    Weißt du, was ich an dir mag? Dass du dich so begeistern kannst. 🙂

    Weiterhin viel Spaß beim digitalen Treiben!

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    1. Das Problem mit WLAN hat Jürgen auch. Bei mir gehts. Gewisse Dinge weiß ich nicht, eigentlich die meisten. Der Emil ist ein großer Fachmann!

      Meine Begeisterung? Hm, ich will das was ich tue gerne, ganz und hingebungsvoll tun – oder dann gar nicht. Hat wohl damit zu tun? 🙂

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    1. Hihi, also Nerdosophin ist die Verbindung von Nerdismus und Sofasophie, nicht zu verwechseln mit Nerdismus pur. 😉
      Danke fürs Feedback und schön, wenn ich deinen Tag (nicht dein Tag und auch nicht deine Klammer) ein bisschen (mit)machen konnte. Freut mich. Gerne wieder! 🙂

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  3. Cooler Beitrag! 🙂 Also, das hab ich alles gut verstanden. HTML habe ich damals im IRC gelernt, als alle meine Chat Freunde ausschließlich aus Linux Freaks & Programmierer bestanden. CSM und CSS habe ich in der Phase gelernt, in der ich ein eigenes Blog hatte und das Theme nicht von WP.com gestellt wurde. Später musste ich noch im Rahmen des Studiums lernen, Skripte zu schreiben für computergestützte Experimente. Das empfand ich eigentlich schon als etwas schwieriger, dabei war das noch lange kein Programmieren. Aber als Frau eines Nerds hatt‘ ich das Glück, immer fragen zu können.

    Das Wort „Nerd“ bezieht sich, soweit ich weiß, nicht nur auf IT-Menschen, sondern auf sämtliche Fanatiker von technischen und naturwissenschaftlichen Fächern, die einige Charakteristika aufweisen wie seltsam unmodisches Aussehen, soziale Isolation, Strebertum, Einzelgänger – wobei das heute wieder sehr hip ist wegen der Sitcom „The Big Bang Theory“. Hihihihi … 🙂 „Geek“ ist glaub ich eher der Ausdruck, der sich nur aus das IT Feld bezieht. Aber nagel mich nicht drauf fest.

    Viel Spaß noch beim rum-nerden. Übrigens finds ich Linux unbequem. Da Microsoft aber noch schlimmer ist, bin ich irgendwann bei Apple gelandet und will da vorerst nie wieder weg. ❤

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  4. An die IT-Philosophin to be: Herrlich! Obwohl ich mich zugegebenermassen als bekennender IT-Dummy irgendwann ausgeklinkt habe beim Lesen und nur noch überflogen habe. Mein Kopf hat schon mal auf ALT CTRL DELETE gedrückt, weil meine Synapsen gegen Ende des Jahres nicht mehr so wollen, wie ich es gerne hätte. Ich bin auch ein Nerd, ein Farbnerd und wünsche euch eine rot-grün-goldene Fahrt gegen Süden mit einer Prise Sternenstaub am Ende des Weges. Copy Paste Linux 😉

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  5. Technisch vllt nicht ganz korrekt aber mit viel Fantasie umschrieben. Schön, dass dich „apt-get“ zum Nachdenken angeregt hat 😉
    An einer Stelle jedoch hinkt der Vergleich aus meiner Sicht jedoch besonders … Wer bedient uns? Angenommen wir verstehen „eine“ Sprache um Programme eines Menschen zu manipulieren, dann können wir diese bei ihm anwenden. Der Rechner kann sich jedoch (noch) nicht selbst programmieren!

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    1. Hallo und willkommen hier, Ciuga
      Metaphern hinken natürlich immer ein wenig, klar. Aber du sprichst genau den Punkt an, über den ich auch schon sehr oft nachgedacht habe. Die Manipulation sehe ich in vielen Dingen, die in unserer Gesellschaft sehr subtil greifen. Gruppenzwang, Konsumzwang, Habenmüssengedanken … woher kommen sie? Wer setzt sie ein? Politik wäre ein weiterer Faktor. Und dann die Frage: Wer hat uns so programmiert? Ist das alles Zufall oder mehr? Wenn meine Parabel solche Gedanken in Bewegung setzen kann, habe ich etwas davon erreicht, was ich mit meinen Texten zu erreichen erhoffe.
      Auf Wiederlesen und Danke für deine Inputs!

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