In den Pyrenäen #1 oder Weil ich Lust habe und Gratis-WLAN …

Gestern waren wir den ganzen Tag unterwegs in die Pyrenäen. Woran ich Tage zuvor nicht im Traum gedacht hätte. Beide sind wir eher knapp bei Kasse, ich noch mehr als er. Doch manchmal geschehen eben doch Wunder und Türen fallen auf, ohne dass wir den Schlüssel dazu haben.

Und auf einmal hatten wir eine winzige, herzige, saugünstige Wohnung gebucht. In den pyrenäischen Bergen, einer Gegend, die Irgendlink noch länger ins Herz geschlossen hat als ich, die mir aber in den letzten Jahren auch ein Stück Heimat geworden ist. Ich kann mein Glück kaum fassen. Ein Geschenk!

Am Abend des 23. Dezember ist fast fertig gepackt. Wir gehen spät schlafen, denn zuvor erledigen wir noch letzte Dinge im Internet in der sicheren Annahme, die nächsten zehn Tage offline zu sein.

Gestern früh ist es wirklich noch pervers früh, als wir aufstehen, das Auto laden und losfahren. Rauhreif das Land. Rauhe Weihe-Nacht. Das passt. Wunderbar halbleer sind die sonst vollen Schweizer Autobahnen und bald fahren wir bei Genf über die Grenze.

– Wieso fährst du eigentlich links, wenn es rechts Platz hat?, fragt der Liebste zwanzig Kilometer südlich von Genf.
– Warum sollte ich? Es hat ja auf beiden Spuren massenhaft Platz. Du weißt doch, ich bin keine von diesen nervenden Dauernd-die-Spur-Wechslerinnen.
– Aber du wusstest schon, dass es ein Rechtsfahrgebot gibt?
– Nö, never heard. … Was ist das denn? … Ein deutsches Gebot vermutlich? Aber wir sind ja hier nicht in Deutschland. Wir sind in Frankreich.
– Keine Ahnung, ob das in Frankreich auch greift, aber bei uns muss man immer rechts fahren, wenn die rechte Spur frei ist. Es ist strafbar, grundlos die linke Spur zu benutzen. Zumal man ja auch andere behindert, die noch schneller fahren wollen. Kurz: Man verwendet grundsätzlich den rechten Fahrstreifen.
– Wie jetzt? Du meinst, bei euch MUSS man rechts fahren?

Ich verstehe die Welt nicht mehr. Musste ich nahezu 50 werden, um von einem solchen Gebot zu erfahren, nach über fünf Jahren regelmäßigem Autofahren in Germanien? Und auf einmal verstehe ich. Alles. Alle. Alle Deutschen. Denn mitnichten betrifft das Rechtsfahrgebot auf deutschen Autobahnen nur die Straßen.

Ein Land verstehen zu wollen, umfasst viel mehr als nur die Sprache einigermaßen zu verstehen und sprechen zu können. Da sind ganze gesellschaftliche Codes, die es zu verstehen gilt.

Das Rechtsfahrgebot zum Beispiel, so deklamiere ich südwärts fahrend, das Rechtsfahrgebot macht sich in allen Lebensbereichen breit. Es prägt euer Denken.

Heute Morgen, nach dem ersten Frühstück in unserm herzigen Studio in den Pyrenänen, schneide ich das Thema erneut an. Weil ich gegoogelt habe, ob ich womöglich viele Jahre ein Gebot, das auch in der Schweiz gültig wäre, ignoriert habe. Habe ich aber nicht. Sowas gibt es echt nur im Land der unlimitierten Höchstgeschwindigkeit. Ich lese Irgendlink vor, was Wiki zum Thema meint.

– Da siehst du mal, in was für einem restrikiven Land ich lebe!, moniert er.
– Erinnerst du dich an jenen Glaubenskrieg, damals, als wir über Spielregeln diskutierten, M (1), S, du und ich?, frage ich. Und uns nicht einigen konnten, weil wir alle verschiedene Grundregeln voraussetzen?
– Genau. Weißt du was? Daran geht die Welt zugrunde, dass wir alle verschiedene Spielregeln haben.
– Noch schlimmer: jeder meint, seine sei die einzig Richtige! Ist ja wie mit der Schrift auf dem Modem!
– Genau. Wer ahnt schon, dass das französische kleine r aussieht wie eine deutsche oder eine Schweizer Zwei.

Gestern schon hätten wir ins Gratis-WLAN einsteigen können, von dem wir nicht im Traum geahnt haben, dass es uns hier erwartet und das der Grund dafür ist, dass ich nun doch blogge. Gestern habe ich meiner Interpretation der französischen Buchstaben und Zahlen nicht getraut. Deshalb mussten wir bis heute warten. Bis uns der Wohnungsvermieter das handgeschriebene Passwort auf dem Modem per Mail entschlüsselte. Nur weil ich gedacht habe, ich kann das nicht, nicht mehr. Obwohl ich ja in Frankreich gelebt habe und obwohl ich französischen Handschriften normalerweise lesen kann. Aber eben. Doch wer schreibt schon ein 10 Zeichen langes Passwort in Schreibschrift? Na ja, schlimm wars ja nicht, das Offline-sein, zumal Irgendlinks Tagespass ja noch lief, aber es zeigt mal wieder, wie ich manchmal meinem Können misstraue (und obwohl ich alle Buchstaben und Zahlen – wie sich herausstellt – richtig gelesen habe). Und es zeigt, wie sehr ich den Spielregeln anderer misstraue. Da war noch was banales: Unklar war, als wir daheim unsere Sachen packten, ob es Bettwäsche habe in der Wohnung oder nicht. Für einmal beschlossen wir, die Zeile „Bettwäsche geliefert“ wörtlich zu nehmen. Dennoch folgte ich einem Impuls, bevor ich meine Wohnung abschloß, und nahm kurzentschlossen den alten schweren wunderbar warmen Riesenschlafsack, der schon ewig zum eigentlich baldigen Verstau auf dem Dachboden herumstand, mit.

Als wir nun in der Ferienwohnung eingetroffen waren und vom Hauswartspaar in die Wohnung eingeführt wurden, erkannte ich, dass es keine Bettwäsche hatte. Für einen kleinen Aufpreis konnten wir zwar welche bekommen, kein Problem, dennoch begriff ich einmal mehr, wie unterschiedlich Ländercodes und Sätze zu interpretieren sind. „Geliefert“ bedeutete in diesem Fall nicht Standard sondern Möglichkeit. Irgendlink schläft nun also unter einem Leintuch und zwei Wolldecken und ich unter meinem zur Decke geöffneten, warmen Schlafsack. Gut also, wenn man auf seine Intuition hört.

Nun sitze ich hier, in der gemütlichen Wohnung, blicke auf das herzige Bergdorf heraus, das recht hügelig in einer hügeligen, lieblich-kargen Landschaft klebt und hacke diese Zeilen, derweil der Liebste das Dorf erkundet. Später werden wir es gemeinsam erforschen, es uns vertraut machen.

Während die einen sich Orte so vertraut machen, indem sie die kürzesten Wege zum Laden, zur Bäckerei, zur Tanke und zur Apotheke suchen, suchen andere Wege zu schönen Aussichtsorten, wieder andere suchen den kürzesten Weg aus dem Dorf in den Wald. Manche hören auf mit Weitersuchen, wenn sie die wichtigen Wege kennen und bewegen sich dann nur noch in diesen Bahnen, wieder andere versuchen, neue Wege zu finden. Immer wieder andere.

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Und du? Wie machst du dir deine Umgebung vertraut?

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Link zum Blogartikel betreffend Spielregeln: https://sofasophia.wordpress.com/2014/02/16/kleiner-glaubenskrieg-am-spieltisch/
Auch Irgendlink wird über unsere Ferientage in den Pyrenäen wieder live bloggen. Der erste Artikel findet sich hier: http://irgendlink.de/2014/12/25/strasse-je-taime/
Auch seine Tweets sind sehr lesenswert: Twitter-Account
Was Wiki zum Rechtsfahrgebot meint: http://de.wikipedia.org/wiki/Rechtsfahrgebot
Unser Domizil hier: http://www.france-voyage.com/frankreich-ferienhauser/location-appartement-vernet-les-bains-79032.htm

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8 Kommentare zu „In den Pyrenäen #1 oder Weil ich Lust habe und Gratis-WLAN …“

    1. Aber gerne … einerseits mach ich das ja für mich, als eine Art Reisearchiv. Aber andererseits würde ich es wohl nicht teilen, wenn ich nicht Freude hätte, wenn andere mitreisen mögen. Auch heute war es wieder grandios. Wir auf 1000 m mit bestem Fernblick.
      Morgen soll es regnen oder gar schneien. Tja …

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  1. Liebe D.

    Ich kenne die Gegend. Du hast eine gute Wahl getroffen.
    Wünsche dir viele Entdeckungen und Begegnungen dort unten. Derweil schaue ich, dass wir hier zu eurer Rückkehr es bizzeli Schnee haben. Winterlich halt.

    Habt es gut und knipse Fotos 🙂

    Gruess,

    D.

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    1. Danke, dass man soll ist ja eins, aber dass man müsste, ist was anderes. 🙂 Ich fahre natürlich zur Seite, wenn jemand schneller ist als ich. Rücksicht ist das Gebot des Autofahrens.
      Auch euch viel Spass!
      Winkewinke aus Südfrankreich.

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