In den Pyrenäen #2

Schon hat uns der Ferienalltag wieder, dieses Wir-Ding, das sich um und ins uns entfaltet, wenn wir zusammen unterwegs sind. Zuverlässigkeit, Verlässlichkeit, Vertrauen.

Wir gehen aus dem Haus ohne einen Plan zu haben. Oder höchstens den: Schauen, was wird. Gut, gestern war es immerhin so, dass Irgendlink – noch zuhause in der Pfalz – via Geocache-App die Umgebung ein wenig gescannt und ein paar Geocache-Infos auf sein Handy geladen hatte. Außerdem war er in der näheren und weiteren Gegend schon öfters. Genug Neues gibt es aber alleweil. Wir verlassen das Dorf Richtung Süden, was einfach ist, da wir dazu einfach unserer Straße folgen müssen. Schon bald ist uns klar, dass wir viel zu warm angezogen sind. Ich suche die Sonnenbrille, ziehe den Faserpelz unter der Winterjacke aus und schwitze, denn unser Waldweg steigt sanft hügelan. Wir folgen Irgendlinks Idee, den Cache, der da und da liegen müsste, zu finden.

Zu unserem Ferienalltag gehört das Staunen. Falls ich das eines Tages nicht mehr kann, werde ich nicht mehr verreisen. Nicht, dass wir es „machen“, das Staunen, es passiert uns einfach. Und auch wenn ich schon oft in Südfrankreich war, ist es jedes Mal neu: Dieses Ergriffensein von dieser für diese Gegend hier typischen Weite, den Bergen und Hügeln, der Vegetation, diesen wilden Wegen hier.

Ich stöhne und juble und jaule also wandernd über diese Schönheit, die fremd und vertraut zugleich ist und als uns eine Gruppe Menschen, Erwachsene und Kinder, mit zwei Eseln kurz vor dem Zielort des ersten Caches überholen, geht mein Herz noch weiter auf. Wir treffen die Gruppe, später bei ihrer Rast auf einem Hügel. Wir in der Nähe befindet sich auch unser erster Cache, doch zuerst betrachten wir die Marienkapelle – oder was immer es ist. Ich bin begeistert von den Plastikmarien, die aus PET, aus Flaschenplastik, geschaffen sind, und die ich darum Geist in der Flasche nenne. Die Marienkrönchen sehen schließlich irgendwie wie Flaschendeckel aus. Das Einzige, was ich am Katholentum mag, ist dass sie das mit der weiblichen Göttlichkeit integriert haben.

Maria in der Flasche
Maria in der Flasche

Die beiden Eselchen haben Siesta und wir plaudern mit der Esel-Halterin über Esel als Pilgergefährten. Knuddelweiche gutmütige Gesellen sind die beiden Tiere.

Vergeblich suchen wir über eine halbe Stunde nach dem Cache, ziehen weiter und finden einen Dolmen, ein aus unbehauenen Steinblöcken errichtetes Bauwerk. Manche Dolmen, erfahre ich später, dienten als Grabstätten. Ob es diese hier auch tat, weiß ich nicht. Aber mich beeindruckt das Werk sehr und ich stelle mir vor, wie es vor langer Zeit von Menschen errichtet worden ist.

Auch hier in der Nähe versteckt sich ein Cache. Wir finden ihn kurz bevor wir aufgeben wollen. Wie weiter? Nach Villefranche und von da mit einem Bus zurück, der vielleicht – weil Feiertag ist – gar nicht fährt? Oder runter nach Corneilla und von da zurück nach Vernet-les-Bains wandern? Wir steigen abwärts und finden ein herziges Bergdorf. Sonne satt. Siesta. Es ist kurz nach drei Uhr.

Ein gefundener Cache ...
Ein gefundener Cache …

Meine Wanderkarten-App zeigt einen Wanderweg zurück, doch es ist nicht ganz klar ersichtlich, wo genau sich der Einstieg befindet. Die Alternative wäre der Straße entlang zu gehen, die zwar eng, aber heute wenig befahren ist. Schließlich finden wir den Ein- und Aufstieg. Hätten wir den Weg genommen, wenn wir vorher gewusst hätten, dass es ein zweites Mal um die zwei- bis dreihundert Höhenmeter sind, wie wir zuerst hoch- und dann wieder absteigen würden? Vermutlich nicht. Gut, wenn man im Voraus nicht immer alles weiß.

Die Wanderung ist kolossal. Wir finden sogar Spuren Heiko Moorlanders, der ja eine Zeitlang in Südfrankreich gelebt hat. Mont Canigou ist zum Küssen nah.

Von oben herab
Von oben herab

Abendglühen gibt’s nicht nur in den Alpen. Immer weiter aufwärts steigen wir. Irgendwann geht es aber dann doch wieder abwärts und ich spüre, dass ich doch seit der Gotthard-Wanderung ein wenig meiner Kondition eingebüßt habe. Macht nichts. Wir sind ja bald daheim. Quer durchs Dorf geht es und Irgendlink zeigt mir, wo er am Morgen, auf seiner ersten Erkundungstour entlang spaziert ist. Tolles Dorf, so richtig französisch eben. Ein Meer aus Dächern tut sich unter uns auf.

Dächermeer2
Dächermeer

Später, wir kochen auf zwei Herdplatten unser Abendessen, Kurzschluss. Davor haben uns die Hauswarte gewarnt. Wenn zu viele Geräte gleichzeitig laufen. Aber so viel läuft doch gar nicht? Zwei Lampen. Die beiden Handys zum Laden, Kühlschrank, Modem, Heizung und Herd. Offenbar zu viel. Die zweite Platte war der das Fass zum Überlaufen bringende Tropfen. Wir finden den Hauptsicherungskasten nicht. Im wohnungsinternen Kasten findet sich keine kaputte Sicherung. Das Hauswartspaar kommt auf einen Schwatz vorbei und zeigt, wo – im Treppenhaus draußen – sich der Hauptkasten verbirgt und wo der Hauptschalter umzulegen ist. Tja. So werden wir nun Stromtetris spielen müssen, immer nur so und so viele Geräte. Schlecht ist das eigentlich nicht. Eine kleine Bewusstseinsübung sogar. Und umso dankbarer sind wir, als der Herd wieder läuft und der Rosenkohl aus Irgendlinks Garten gar kochen kann.

Ferienalltag? Ja, diesen Alltag mag ich von allen Alltagen definitiv am liebsten.

Une randonnée à Vernet-les-Bains
Une randonnée à Vernet-les-Bains

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Mehr auf Irgendlinks Blog
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18 Kommentare zu „In den Pyrenäen #2“

    1. Hihi, das war sicher goldig. Und weich.
      Für mich ist Reiten auch nie zentral gewesen, aber weil ich Pferde und Esel eben so gerne mag, wollte ich es doch hin und wieder tun. Aber es ist bei Hin und bei Wieder geblieben. Schreiben und Wandern passt viel besser zu mir. Allerdings wäre Pilgern mit einem Esel als Lasttierchen und Wandergefährten sicher toll. Das würde ich gerne … Mal schauen, ob das mal was wird.

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  1. Wenn ich einmal nicht mehr staunen kann, moechte ich nicht mehr leben, denn dann habe ich aufgehoert, auf meine Umwelt zu reagieren, und ich habe aufgehoert zu lernen. Und uebrigens: zu lernen, dazu helfen mir Blogs wie das Deinige. Danke!
    LG, Pit

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  2. Also gerade das Erkunden ist es doch, was solch einen Ausflug so besonders macht. Klar ist das ein unheimlich anstrengender Rückweg und wenn man womöglich eh schon fertig ist, dann ist das natürlich eine böse Überraschung, aber gleichzeitig ist es vielleicht gar nicht so schlecht, wenn man sich so ungewollt fordern muss, denn das macht man ja sonst so im Alltag eher seltener. Ich suche mir deswegen immer neue Joggingstrecken und verlasse mich darauf, dass ich schon irgendwie nicht übertreiben werden und aus geplanten 5-6km plötzlich 12km werden, wobei auch die machbar sind. Es klingt nach wunderschönen Ferien und ich bedanke mich sehr herzlich, dass du uns virtuell ein wenig mitnimmst.
    Liebe Grüße,
    Ben

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    1. Gerne, gerne … hihi … du joggst, was wir wandern … okay, heute ging es ziemlich aufwärts. Und ja, seit unserer Pilgerwanderung im Sommer ist es bei mir auch so, dass ich gerne meine Grenzen immer wieder ein wenig ausdehne. Gerne sogar. Und mir zutraue, auch K.O.-Momente unbeschadet zu überstehen.
      Schön, wenn du mitwandern und gucken magst.
      Danke und auch dir liebe Grüße – aus dem Südwesten sozusagen.

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    2. Na 12 Kilometer bin ich schon länger nicht mehr gejoggt, eigentlich schaue ich eher, wie es zeitlich passt und da möchte ich nur knapp über 30 Minuten unterwegs sein, was hier in den Weinbergen so maximal 6 Kilometer sein können. Da muss man eben aufpassen, dass man es nicht übertreibt und sich mehr schadet, als es gut tut. So eine gemütliche Wanderung fände ich ganz entspannend. Ist die Maria eigentlich erst nach der Benutzung so geformt worden oder kann man die so mit Wasser drin kaufen???

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    3. Oh, die Maria … wenn ich das wüsste. Wir haben heute überlegt, ob es die in Heiligenartikel-Kaufhäusern wohl so gibt. Manche mit Sprüchen, manche zu zweien, aber ich vermute, dass man sie selbst befüllen kann. Oder dann ist geweihtes Wasser drin? Auch möglich. Kannst ja mal guugln?

      Als ich noch joggte (und ich würde gerne wieder, wäre ich nicht so faul) war es so um die 3-4km … alles was mehr ist, verdient meinen großen Respekt. 🙂

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    4. Hm…so wichtig ist mir das mit der Maria auch nicht, aber hättest du es gewusst, so hätte ich es gern gelesen. 🙂

      Ich gebe meinen Respekt auch an Leute, die 3km laufen. 😉 für mich ist es viel mehr ein wenig Zeit für mich in Ruhe. Einfach zum Abschalten und nebenher fit bleiben. Und eben das schafft ihr ja mit solch einer Wanderung ebenso und könnt zusätzlich eure Neugier ein wenig befriedigen.

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    5. Das stimmt. Wohl ist es einfach ein Geschenk, wenn man sich auf die Natur, auf die Stille, auf das eigene Gehen, diese Einheit von Körper und Geist einlassen kann. Das ist es, was ich brauche. Diese Bewegung im Außen und das gleichzeitige Ruhigwerden.
      🙂

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