In den Pyrenäen #4 – Gestern: Heldenzöix

Gestern vor der Wanderung. Nach-dem-Frühstück-Tischtuch-Quatscherei …

Fast zur Quelle hoch sind wir gestern gestiegen. Immerhin bis zum zweiten Wasserfall. Und das womöglich nur, weil ich mich in diesen Ferien entschlossen habe, mich nur rudimentär an der Planung unserer Aktivitäten zu beteiligen. Andernfalls hätte ich uns vielleicht ausgebremst? Mir so eine Tour nicht zugetraut? Was das Tagesprogramm betrifft, hat ja Irgendlink immer so tolle Ideen, dass ich mich diesen gerne anschließe. Einerseits, weil ich bis jetzt damit immer gut gefahren – und gewandert! – bin und andererseits auch, weil es meiner aktuellen Entscheidungsunlust so toll entgegen kommt.

Schon vorgestern zog es ihn zu den Wasserfällen, doch weil die Sonne uns auf die sonnige Bergseite gelockt hatte, waren wir ihrem Ruf gefolgt.

Vernet-Cascades_19Gestern nun war Regen angesagt, über Mittag und gegen Abend wieder. Wir sollten also wohl möglichst bald raus, wenn wir Regen vermeiden wollen. Na ja, möglichst bald heißt bei uns so gegen Mittag. Nach Regen sieht es nicht aus. Trockenen Fußes durchqueren wir das unter einer Wolkendecke liegende, verschlafen wirkende Dorf und fotografieren uns bergan.

Einzig eine süße Katze und später eine Frau in unserm Alter, die Holz auf ihre Karre lädt, treffen wir unterwegs. Die Holz ladende Frau meint, es sei den Leuten draußen zu kalt. Bei acht Grad ist Winter angesagt und gemütliches Zuhauseherumsitzen. Niemand mag dann draußen sein.

C’est la vie.

Bald finden wir das Wanderwegzeichen zu den Cascades, den Wasserfällen.
Die sind hier in der Nähe, sagt Irgenlink seit Tagen, und da hat’s zwei Geocaches.
Wir wandern also gemütlich bergan. Bald schwitzen wir. Bald setzt leichter Regen ein. Bald kommt die Gabelung, von wo an es zur Sache geht, denn bis hierher war es ein schöner Waldspaziergang, ab jetzt eine Bergwanderung.

Eine Stunde zwanzig Minuten bis zu den Fällen, sagt die Tafel, und es regnet nun schon stärker. Vernunft versus Abenteuerlust? Wir gehen weiter, keine Frage eigentlich.

Links der Bach, tosend und wild, der Weg immer wilder, immer steiniger, immer steiler. Tolle Wanderung. Eigentlich. Bloß nicht an noch mehr Regen und an Abstieg denken, ermahne ich mich innerlich.

Bild um Bild nehmen wir mit. Wunderbare Natur. Köstliche Luft. Stille. Immer öfter müssen wir auf abenteuerlichen Brücken und Furten den Bach queren, mal von rechts nach links, dann wieder zurück.

Und auf einmal finden wir ihn, den ersten Wasserfall. Der Cache ist vergessen. Atemlos vom Anstieg bestaunen wir dieses Naturkunstwerk, das kein Künstler schöner hinbekommen hätte. Ich hebe die Kamera. Genau in diesem Moment pustet mir ein frecher Windstoß, im Verein mit der Schwerkraft, meinen Schirm weg, den ich als Kameraschutz aufgespannt hatte. Mist! Doch schon klettert mein Held behände ins Flussbett und holt den Schirm. Nur die Melone fehlt, Charme dafür im Überfluss.

Das Wegstück zur zweiten Kaskade ist das bisher gefährlichste, steilste, nasseste und ich frage mich, ob wir bei solch verrückten Wanderungen eigentlich immer Regen als Background-Sound gebucht haben. Irgendlink macht Bild um Bild, Film um Film, während ich mich an einer trockenen Stelle, an eine Felswand gelehnt, ein bisschen ausruhe.

Beim Abstieg über die klitschnassen und glatten Felsen rutsche ich gleich zweimal aus. Autsch. Zum Glück ohne Schaden. Und zum Glück ist mein Held da und reicht mir immer mal wieder die Hand. Meine Beine sind kürzer als seine, was ich besonders deutlich merke, wenn es um die Querung von Furten geht. Bergwandern, das hat uns spätestens die Pilgerwanderung auf den Gotthard gelehrt, ist ein dauerndes Ausbalancieren. Jeder Schritt will geplant sein. Nur so kommen wir voran. Oder abwärts. Noch immer regnet es, doch irgendwann sind wir unten. Und der Regen hat auch endlich aufgehört.

Nach einem kleinen Einkauf im Dorfladen machen wir es uns daheim im Studio gemütlich. Hach, toll war das, und ich bin einmal mehr froh, die Strecke nicht im Voraus gekannt zu haben. Es geht doch nichts über keine Recherche und viel Vertrauen. Besser als jede Vorschuss-Angst!

Ich gehe um des Gehens willen. Ich lebe um des Lebens willen.

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10 Kommentare zu „In den Pyrenäen #4 – Gestern: Heldenzöix“

  1. das mit den kürzeren Beinen kommt mir sehr bekannt vor, wie oft schon brauchte ich eine Hand, die ich auch immer bekam … hach, bei diesem tollen Bericht eurer Wanderung fällt mir so vieles ein und ich freue mich einmal mehr mit euch-
    gut, habt ihr nur Regen, denn hier liegen mittlerweile gute 30-40cm Schnee und ich dachte schon an euch …

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    1. Regen war nur vorgestern, gestern wieder Sonne satt und kalter Wind. Schnee über 1000m überzuckert die Berge ringsum. Es ist einfach wonniglich hier! Schnee bei euch – doch noch Winter. Ich hoffe, nun habt ihr auch Sonne!?!!!

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  2. sehr weise frau! 🙂 gehen um des gehens willen und leben um des lebens willen! wow. 🙂
    was für eine zusammenfassung dieser wunderbaren wanderung.
    sich auf den anderen verlassen und nichts planen ist eine wunderbare erfahrung, die ich auch erst lernen mußte! aber es lohnt sich.
    einen herzgruß aus tiefem schnee heute! ❤

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