Eine Meinung zu haben

Die Sache mit der Eitelkeit habe ich nie so ganz begriffen. Vielleicht weil ich es bin? Vielleicht bin ich, ohne es je gemerkt zu haben, eitel? Nur weniger bei äußerlichen Dingen als bei Dingen, die ich erschaffe? Schreiben und Bilder kreieren. Vielleicht? Bestimmt!

Eitelkeit bremst Mut. Weil … Eitelkeit fragt: Was denken die andern. Und wenn ich das denke, tue ich womöglich nicht, was ich täte, wenn ich mich das nicht fragen würde. Oder wenn es mir nicht wichtig wäre. Dass mir noch immer so wichtig ist, was die andern über mich und meine Taten denken, stört mich.

Ich freue mich zum Beispiel über jeden einzelnen Follower bei Twitter und im Blog. Echt wahr. Ja, so eitel bin ich! Obwohl ich die Statistiken selten angucke … Ich freue mich vielleicht, weil ich mir so einbilden kann, dass das, was ich von mir gebe, irgendwie von Bedeutung sei. Für andere, meine ich, nicht nur für mich. Und dann fühle ich mich ein klein bisschen wichtiger als ich es in Wirklichkeit bin. Als ob das wichtig wäre. Das Sich-wichtig-fühlen, meine ich.

Denn in Wirklichkeit sind andere Dinge viel wichtiger. Dass sich etwas verändert auf der Welt. Dass wir näher zusammenrücken, dass wir uns solidarisieren mit Menschen, die leiden. Mit Menschen, denen Unrecht geschieht. Unabhängig von Rasse, Nation, Religion. Wie zum Beispiel diese Raumpflegerin, die ich nun schon eine ganze Weile kenne. Die von ihrem Arbeitsgeber ausgenutzt wird, aber nicht kündigen will, weil sie sonst nichts mehr hat. Außer drei pubertierende Kinder, die irgendwann keinen Strom und kein Essen mehr haben würden. Solche Unrecht meine ich, direkt vor der Haustür. Oder anderes Unrecht. Waffenhandel. Menschenhandel. Freiheitseinschränkungen. Charlie in Paris.

Meinung
Twitterpost von @wallnuss

Vielleicht darum haben wir in den letzten Jahren das Eine-Meinung-zu-allem-haben so unglaublich kultiviert? Und auch, weil es möglich geworden ist, technisch meine ich.

Ehrlich gesagt, manchmal weiß ich nicht, was für eine Meinung ich dazu haben soll, dass wir alle zu allem eine eigene Meinung haben sollen. Einerseits ist sie ja genial, diese Möglichkeit als solche. Ich meine, dass es sie gibt. Andererseits ist es verdammt verunsichernd, weil nun alle meinen – auch jene ohne Ahnung vom Thema-was-auch-immer-es-ist, Ahnung zu haben, weil sie doch auf fb oder sonstwo im Internet die Meinung von XYZ gelesen haben. Oder zumindest gehört. Doch es ist ja auch verdammt verwirrend, weil nämlich ABC gesagt hat, dass … Und sie hat ja auch irgendwie recht. Und so plappern wir nach, ohne wirkliche Ahnung und nicht wirklich mit eigener Meinung. Aber keine Meinung zu haben, geht ja auch nicht. Oderrr?

Es ist wie mit den Falten. Die bekommt man ja auch einfach, ob man nun will oder nicht. Die bei den andern, die mag ich sogar. Vor allem die Lachfalten oder die zwischen zwei Bergen, die man Täler nennt. Die Lachfalten erzählen davon, dass der Mensch viel gelacht hat. Hat er viel geweint, müsste er Rinnen haben, eigentlich, aber stattdessen bekommt er eine 20ab8ti-Schnurre*. Und das ist nicht schön. Finde ich. Ich mag diese Falten nicht. Nicht in meinem Gesicht. Nicht in meinem Leben.

Ja. Ich meine natürlich nein, vieles mag ich nicht. Aber es gibt auch vieles, das ich mag. Drauflos schreiben zum Beispiel. Ob das schon unter Eine-Meinung-haben durchgeht? Habe ich denn eine und wenn ja, wozu? 😉

Zur Écriture automatique auf jeden Fall. Es macht Spaß. Einfach drauflos hacken. Und auf einmal weißt du genau, was dich beschäftigt. Das nämlich, was deine Finger in die Tasten hauen. Und nein, das ist keine Satire, bestenfalls ein klein bisschen ironisch.

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* Wie kann ich das bloß übersetzen für meine deutschen LeserInnen? Stellt euch eine Uhr vor, die zwanzig Minuten nach acht Uhr anzeigt. Wie die Zeiger, so der Mund. Und die Falten sowieso -> so irgendwie:  😦

Und ja, ein bisschen habe ich den Text gekämmt, so eitel bin ich nämlich.

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16 Kommentare zu „Eine Meinung zu haben“

  1. Eitelkeit…ich kann dir sagen, dass ich das vom Improtheater her kenne. Manchmal wagt man dieses oder jenes nicht, weil man einfach nur angesehen werden will. Man will sich als schön präsentieren…und dann? Dann wird es stink langweilig. Also ja, Mut zur Hässlichkeit. Mut zum Versagen. Und meistens, ja fast immer, bemerken dich genau deswegen die Zuschauer.

    Mit der Meinung ist das so eine Sache. Was genau ist eigentlich eine Meinung. Es ist doch nichts, wofür man überhaupt Wissen benötigt. Wen man sagt „ich meine“, dann weiß die andere Seite, dass man es nicht weiß. So ist das auch mit der Meinung. Ich habe durch die Proteste momentan viel darüber nachgedacht. Was ist, wenn da jemand vor mir steht und mir Fakten nennt, die ich nicht widerlegen kann, weil ich das Wissen nicht habe. Muss ich dann meinen Kampf aufgeben, weil mir die Argumente fehlen? Kann ich alles wissen? Muss ich nicht auf Vertrauen in meine innere Stimme haben, die zwar das Wissen nicht hat, aber dafür den Sinn für Gerechtigkeit.

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    1. Ja, ich gebe dir in beidem recht und stelle fest, dass ich mein Zielchen mit diesem Text schon ein bisschen erreicht habe. Nämlich (ein klein wenig) hässlich sein und (ein klein wenig) provozieren.

      Natürlich ist eine Meinung nur eine Meinung. Irgendwann habe ich über dem Kommentarfeld sogar geschrieben: Was meinst du?. Meinung darf und soll Meinung bleiben. Was mich aber manchmal nervt, ist, wie Meinung als Wissen dargestellt wird. Dagegen habe ich was. Nämlich ein schlechtes Gefühl.

      Die innere Stimme, auch sie hat manchmal mehrere Meinungen. Die liebevolle, wohlwohlende, ehrliche, der ich immer mehr zu vertrauen gelernt habe (und es noch lerne), ist zum Glück bei mir inzwischen die gegenwärtigste. Aber da sind eben auch jene Stimmen, die in uns, die sagen: Du musst eben mehr so und so statt immer nur so und so …

      Tja. Und manchmal möchte ich einfach nur schweigen. NIcht nichts-denken, sondern mein Denken bei mir behalten. Weil ich weiß, dass da viele sind wie ich, die ebenfalls das Wahre, Wirkliche und Echte wollen.

      Ich danke dir für deine Meinung … und das ganz ohne Ironie!

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    2. Oh, zur inneren Stimme habe ich gerade erst einen Text geschrieben. Es geht mehr um das „ich selbst“ aber es passt zu den verschiedenen Stimmen. Ich haue es heute noch raus, aber ich möchte den aktuellen Eintrag erst einmal lesen lassen ^^

      hässlich oder provozierend empfinde ich den Text gar nicht. Ehrlich aber und mehr muss ja auch gar nicht sein. Es gibt eben auch Personen, deren Meinung nimmt man als Wissen und daraufhin nutzten jene Personen ihre Meinung durchaus auch als Wissen. Mir ist schon oft aufgefallen, wie oft ich Schlüsse ziehe und es beim Diskutieren ganz selbstverständlich einbaue, als wäre es ein Fakt. Sehr krass ist es, wenn das dann sofort geglaubt wird. Ich bemerke das aber meist nur, wenn mir jemand offenkundig widerspricht und ich mag und hasse diese Momente gleichzeitig. 🙂

      Und Schweigen…das ist oftmals angebracht. Es war am 7.1. ganz ohne Frage angebracht. Doch schon an dem Tag mussten wieder Fronten gegeneinander kämpfen. Es ist schon traurig. Dabei wäre schweigen so viel mehr wert gewesen. Ich habe neulich Abend sehr viel gequatscht und als ich ging war es mir peinlich. Ich glaube, ich suchte nach Aufmerksamkeit…Schweigen und zuhören hätten mir viel besser getan.

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  2. Schnörkellosigkeit kennt keine Eitelkeit, könnte ich jetzt schreiben, aber auch das stimmt nur zum Teil, so, wie die meisten Wahrheiten immer wieder nur Teilwahrheiten sind, die Komplexizität der Welt unter (s)einen Hut zu bringen, zu verstehen und eine „eigene“ Meinung dazu zu haben fordert heraus, hält das Gehirn wach und die Schreibefinger lebendig und hört nie auf und manchmal, wenn all die Denkerei nur noch ermüdend ist, dann wünsche ich mir schlichtweg Dummheit, wenigstens für einen kleinen Augenblick, zum Ausruhen …
    danke dir und liebe Grüsse

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    1. Ja, eben. Es ist diese elende und zu gleich aus dem Leben nicht wegzudenkende Ambivalenz, dieses stetige Paradoxon, das uns lebendig hält und uns mit unseren Widersprüchen in Kontakt bringt.
      Ich danken dir.
      Ein bisschen Dummheit von Zeit zu Zeit wünsch ich mir manchmal auch. Aber eben: Auch wieder nicht. Höchstens eine Pause lang. 🙂

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  3. Das ist immer wieder so schön, ich habe mir nämlich in den letzten Tagen ähnliche Gedanken gemacht, zu dieser Meinungsexpansion, und vor allem dass es so schnell gehen muss, eigentlich hat man gar keine Zeit mehr, nachzudenken, die Meinung muss sofort her, man muss sich auf die eine Seite stellen, oder auf die andere, betroffen sein, oder wütend, dabei bin ich in den allermeisten Fällen einfach nur ratlos.

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    1. Ich bin grad ein wenig am Lernen, einfach mal zuzuschauen. Nicht passiv, schon so, dass ich mir Gedanken mache. Aber nicht immer meine Meinung sagen meinen zu müssen. Spannend, dass du ähnliches fühlst. Aber wirklich überraschen tut es mich eigentlich nicht. 🙂
      Danke!

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  4. Eine gesunde Dosis Eitelkeit ist doch positiv! Um sich ins rechte Licht zu rücken, macht man eben auch Dinge, die man sonst nicht getan hätte, und das muss nicht per se schlecht sein. Ich denke zum Beispiel an große Sänger und Schauspieler, die von ihrer Eitelkeit gar auf Bühnen getrieben werden und dort sehr gut aufgehoben sind! 🙂

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    1. Nun ja, diese Art Eitelkeit hab ich nicht. Glaub ich. Vielleicht hab ich ja einen Fehler im Bausatz? *lach* Ehrgeiz und Eitelkeit hab ich verpasst, als es verteilt wurde. 😦 🙂

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  5. Als Ehrgeiz und Eitelkeit verteilt wurden, stand ich auch weiter hinten und hab nur die Reste abgekriegt. Aber andere wurden besser versorgt, und wenn solche Persönlichkeiten privat auch anstrengend sein können, so haben manche doch die Welt bereichert. Für mich haben beide Varianten dieselbe Daseinsberechtigung, von einem Fehler im Bausatz kann keine Rede sein. 🙂

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  6. Tja… Sich eine eigene Meinung zu bilden finde ich dieser Tage schon ziemlich schwierig. All die Einflüsse und Beeinflussungen von außen. Verdrehte Wahrheiten, Lügen… Besonders aufgefallen ist mir das in den letzten Jahren am Geschehen in Ägypten (wir haben Familie dort). Keiner weiß mehr, was er glauben soll. Wer zieht welche Fäden im Hintergrund? Wer verdreht was?
    Es ist schrecklich. In einer Zeit, in der man seinen Augen nicht mehr trauen kann, wie will man sich da eine Meinung bilden?
    Trotzdem tut man es, gewollt oder nicht, um festzustellen, dass sie doch wieder über den Haufen geworfen wird…
    Ein nachdenkliches Grüessli
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    (Die deine Eitelkeit ein wenig füttern wird, indem sie dir nun folgt 😉 )

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    1. Wir bilden ja Meinungen meist aus sehr fragmentarischem Wissen. Recherchen im Internet. Meinungen anderer. Alles Ausschnitte. Ich habe oft das Bedürfnis alles über ein Thema wissen zu wollen und bin mir schon beim Wahrnehmen dieses Bedürfnisses sehr bewusst, dass ich das nicht fassen könnte. Und je mehr Meinungen ich zu einem Thema höre, oft auch sehr persönlich gefärbte und nicht selten sehr gegenteilige, desto wirrer wird es.
      Und ja, das Über-den-Haufen-werfen von Meinungen gehört unbedingt dazu. Wenn ich das nicht mehr kann, ist das Leben nicht mehr lebenswert für mich. Das Leben muss reiben. Irgendwie.
      DANKE für deinen Input – und fürs Folgen. Ist ja freiwillig. Drum freut es mich immer sehr, wenn jemand mitkommt in mein Denkarium.
      😉

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